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Flensburger Tageblatt

27. August 2016 | 18:52 Uhr

Tatort-Reiniger aus Flensburg : Ein Job für starke Nerven

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auch Flensburg hat einen Tatort-Reiniger: Dusan Potocnik und sein Team sorgen für Sauberkeit nach Todesfällen.

Flensburg | Wenn der Tatort-Reiniger seine Arbeit aufnimmt, ist das Schlimmste schon geschehen. Der Bestatter war da, die Kripo auch. Sie hat den Ort frei gegeben, der Schädlingsbekämpfer hat vorgearbeitet. Dusan Potocnik löst die Siegel und schließt die Tür auf. Ein kleiner Spalt genügt, und schon erfüllt ein beißender Geruch aus der Wohnung erst den Flur, dann das Treppenhaus. Wo gerade nichts passierte, berappeln sich Fliegen plötzlich wieder und streben zur Tür.

„Das Schlimmste ist für die Angehörigen der Geruch“, weiß Potocnik aus Erfahrung und aus Gesprächen, für die er sich Zeit nimmt. Sie wollen diese Erinnerung nicht mit dem Verstorbenen verknüpfen. „Was uns alle schützt, ist dieses professionelle Vorgehen“, erklärt der Flensburger Tatort-Reiniger die penible, dabei unaufgeregte Vorbereitung auf seinen nächsten Auftrag. Potocnik hat sich in einer Vorbesichtigung einen Eindruck verschafft, um zu wissen, welche Mittel und Geräte er für den Einsatz braucht, denn: „Ich weiß nie, was uns erwartet.“ Der Spezialist hat zudem eine Sondernutzungsgenehmigung erwirkt, um einen Container für Müll aufzustellen. Alles ist kontaminiert, alles wird weggeworfen. Und Dusan Potocnik hat für sich und sein Team – idealerweise vierköpfig – einen Koffer voller solider Schutzanzüge, Gummistiefel, Atemschutzmasken, Handschuhe dabei – und Haut-Creme. Die trägt er auf freie Hautpartien auf und kratzt welche unter die Fingernägel. Damit der Verwesungsgeruch nicht durch die Poren dringt.

In diesem Fall ist Potocnik, gelernter Glas- und Gebäudereiniger, mit seinem Team auf die Insel Sylt bestellt worden. Der Tatort, eine Wohnung von 30 Quadratmetern, ist eigentlich keiner, denn der ältere Mann sei dort eines natürlichen Todes gestorben. Dennoch ist vor allem aus zwei Gründen Expertise erforderlich: Der Verstorbene war ein Messi, und sein Tod blieb zwei Wochen unentdeckt. Der Schädlingsbefall sei demzufolge extrem gewesen, erklärt Potocnik, sagt aber auch: „Es geht noch schlimmer.“

In der Sylter Wohnung des Toten liegen jede Menge Ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf dem Boden, darunter ein Finanzteil vom 27. März 2004, die sich vollgesogen haben mit menschlicher Flüssigkeit und beim Trocknen gedunkelt sind. Dokumente stapeln sich in Pappkartons, in denen vorher Prosecco oder Paprika aufbewahrt wurden. Kleidung, ein Sack voller Eierschachteln, brandneue Bettwäsche finden keinen Platz in Schränken, sondern füllen die Ecken des Wohn- und Schlafzimmers. Eine Steinsammlung ziert das lange Fensterbrett. Eine Ecke nach der anderen bearbeitet Dusan Potocnik mit seiner jungen Kollegin, die in zweieinhalb Jahren schon mal den einen oder anderen Tatort gesehen hat. Sie hält blaue Müllsäcke auf, er wirft einen Karton nach dem anderen hinein. Der dritte Kollege übernimmt die vollen Säcke von draußen an der Eingangstür, packt sie, wenn sie Geruchsquellen wie feuchte Kissen enthalten, in einen weiteren Sack und verschließt sie luftdicht. Er ist noch nicht mit der Wohnung in Berührung gekommen, kann also die Säcke nach draußen tragen, ohne den Hausflur zu kontaminieren. Bei aller Geschwindigkeit ihres eingespielten Arbeitens finden die Tatort-Reiniger dennoch zielsicher Personalausweis und Bankunterlagen. Ohne einen Blick auf die Daten verstauen sie die Dokumente in einem sauberen Karton. Die Polizei hatte darum gebeten, erklärt Potocnik.

Suizide seien häufiger als Gewaltverbrechen, beobachtet er. In einem der vergangenen Jahre sei er neun Mal zu Tatorten gerufen worden. Und Messis gebe es mehr als man denke. „Es geht durch alle Bevölkerungsschichten.“

Der Slowene, der 2002 aus Baden-Württemberg nach Flensburg gekommen ist, hat sich vor sechs Jahren selbstständig gemacht. Seine Firma (Claritas), die in der Marienstraße in Flensburg sitzt, schöpft inzwischen aus einem Pool von 34 Kollegen. Er suche Facharbeiter und „finde sie nicht“; die Nachfrage nach seinen Dienstleistungen wie Gebäude-, Glas- und Fassadenreinigung sei groß. Mit der Tatort-Reinigung besetze er eine „Nische“.

Der Einsatz auf Sylt an diesem Tag findet am späten Nachmittag ein vorläufiges Ende. Fliesen, Böden, Tapeten müssen raus; auch unter dem Teppich „sei Leben gewesen“, sagt Potocnik. Doch damit ist sein Werk noch nicht vollendet. Auch danach herrscht noch Gesprächsbedarf mit dem Hausmeister zum Beispiel oder dem einzigen Verwandten des Verstorbenen. „Er war froh, dass er uns hatte“, resümiert Potocnik.

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erstellt am 30.Aug.2014 | 16:00 Uhr

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