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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 09:10 Uhr

Serie: Was schwimmt denn da? : Ein alter Schlepper im Glück

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Schiff ist 127 Jahre alt und hat zwei Weltkriege und viele Stürme unversehrt überstanden/ Heute liegt „Jonny“ im Museumshafen Flensburg

Ob für Einheimische oder Urlauber, noch mehr als während des übrigen Jahres bilden Innenförde und Hafen in den Sommerferien das Herz Flensburgs. Grund genug, um ein paar Hauptdarsteller und Geheimtipps auf dem Wasser in einer Serie unter die Lupe zu nehmen. Heute: Schlepper „Jonny“.

„Jonny hat in seinem Leben viel Glück gehabt“, sagt Gerd Strufe (59), Eigentümer des Schleppers. „Er hat allein zwei Weltkriege überlebt. Dabei ist er so alt wie der Eiffelturm.“ Das Schiff wurde 1889 im niederländischen Leiden gebaut. Es ist rund 16 Meter lang und zirka vier Meter breit. Der Schlepper hat einen Tiefgang von 2,20 Metern.

Seine ursprüngliche Aufgabe war das Schleppen von Schuten und Schleppkähnen. Der Schlepper fuhr vor dem Zweiten Weltkrieg in Stettin und im Oderhaff. Vom Seehafen Stettin aus wurden damals Berlin und Oberschlesien über die Oder versorgt. „Damals gab es Geld zum Null-Prozent-Zins. Es gab viele Güter, und Schiffe waren das effizienteste Transportmittel.“ In der Zeit wurden tausende Schlepper und Schuten gebaut. Die großen Häfen waren meistens überfüllt.

Die Schuten haben selbst keinen Antrieb. Auf sie wird die Ware von den Seeschiffen umgeladen. Die Frachter haben zu großen Tiefgang für die Binnengewässer. „Der Job solcher Schlepper wie Jonny war es, die Schuten an ihren Bestimmungsort zu ziehen.“ Die antriebslosen Schiffe konnten zudem nicht bremsen. Deshalb hatte Jonny als Aufprallschutz Kokosmatten am Heck. „Der Kapitän legte dann den Rückwärtsgang ein und ließ die Schute auf sein Boot auffahren.“

Dann kam der Zweite Weltkrieg, viele Schiffe in Stettin wurden zerstört, als die Stadt von Bomben getroffen wurde, doch Jonny passierte nichts. „Bevor seine Heimatstadt angegriffen wurde, bekam erden Auftrag, Munition nach Lauterbach zu schaffen“, schildert Strufe.

„Nach dem Krieg hat die Regierung der Sowjetunion alles eingesackt, was sie gebrauchen konnte. Jonny war ihnen zu alt.“ Deshalb blieb er in der DDR, wurde nicht verschrottet und kam zur Schiffbau- und Reparaturwerft nach Stralsund. Dort wurden Schiffe für die UdSSR gebaut. Aufgrund des Potsdamer Dreimächte-Abkommens durften die Werften aber keine Schiffe zum Eigengebrauch bauen. So nahmen sie den alten Jonny und bauten ihn zum Motorschlepper, Eisbrecher und Feuerlöschboot um. „Sein Bug ist eigentlich nicht zum Eisbrechen geeignet. Die Dellen vom Durchfahren der Eisschicht sind heute noch sichtbar.“

Als die DDR aufgelöst wurde, wurde Jonny 1992 im Treuhand-Ausverkauf angeboten. Sein Preis entsprach den 65 Tonnen Stahl, die in ihm stecken. „Ein guter Freund und ich brauchten ein bezahlbares Schiff zum Wracktauchen, und Jonny kam gerade recht.“ Beim Kauf hatten sie nur einen Konkurrenten: Den Flensburger Andreas Westphal. Er war einen Tag vor Strufe in Stralsund. „Da hatte ich schon Sorge, dass er mir den Schlepper vor der Nase wegkauft, aber er wollte ihn nicht, weil Jonny nicht genietet war.“

Als Strufe dann mit einem Freund in Stralsund ankam, wurden sie zunächst skeptisch beäugt. Die ehemalige Schiffsbesatzung musste sich erst mit dem Gedanken anfreunden, dass jetzt ein „Wessi“ ihren Schlepper aufkauft. „Sie haben viel Zeit auf Jonny verbracht und viel Arbeit in ihn gesteckt. Er war das erste Schiff, das der Werft selbst gehörte. Wir mussten erst ihr Vertrauen gewinnen.“ Nach dem Kauf galt es, den Schlepper von Stralsund nach Flensburg zu bringen.

Die Fahrt war Gerd Strufes erstes Abenteuer auf Jonny. „Wir sind im Hafen Prerow auf Grund gelaufen, konnten uns aber aus eigener Kraft wieder befreien.“ Der ehemalige Hafen der NVA wird durch die Strömung ständig mit Sand zugeschüttet. Bei der Einfahrt an der rechten Seite entlang, war es noch tief genug, aber auf der linken ist das Wasser zu flach. „Das war den Einheimischen natürlich bekannt, aber uns eben nicht.“

Auf der fünftägigen Reise wurde Strufe vor Augen geführt, dass Jonny nicht für das offene Meer geeignet ist. „Sein Bug ist so geformt, dass er wie ein Brecheisen durch die Wellen geht, aber nicht auf ihnen reitet.“ Auf der Überfahrt hatten sie nur einen Wellengang von 1,50 Metern. Den konnte Jonny gut bewältigen.

Bei einer späteren Tour, einem Schleppauftrag, sah das anders aus. „Wir fuhren im Sturm durch das Kattegat. Die Wellen waren 3,5 bis 4 Meter hoch“, berichtet Gerd Strufe. Das Schiff wurde vom Meer mitgerissen und stand bis auf das Ruderhaus unter Wasser. Die Wellen peitschten gegen das Schutzglas. „Ich hatte Angst, dass die Scheibe zerbrach. Wir haben die Gefahr unterschätzt. In diesem Sturm sind andere Schiffe gekentert“, sagt Gerd Strufe. Aber der Schlepper hat durchgehalten, trotz seiner über 100 Jahre. Jonny und seine Besatzung hatten wieder Glück.

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erstellt am 24.Aug.2016 | 11:58 Uhr

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