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Flensburger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 16:45 Uhr

Lesung : Die weibliche Sicht auf den Islam

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sineb El Masrar liest in der nächsten Woche in Flensburg aus ihrem Buch über Emanzipation in der muslimischen Welt

Sineb El Masrar bezeichnet sich als Menschen, der „positiv an die Dinge rangeht“. Deshalb kann sie der geschwärzten Stelle in ihrem neuesten Buch „Emanzipation im Islam. Eine Abrechnung mit ihren Feinden“ auch etwas Gutes abgewinnen. Der Vorfall zeige, dass auch ein Verein wie Milli Görus, der mal unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand und die Schwärzung veranlasste, (im Rechtsstaat) Recht bekam. An den grundsätzlichen Inhalten ihres Buches ändere sich damit nichts, betont Sineb El Masrar. Die Schriftstellerin und Journalistin wird daraus am 7. September in der Flensburger Stadtbibliothek lesen, und natürlich folgt eine Diskussion.

In der geschwärzten Stelle ging es, wie „Die Welt“ schreibt und El Masrar nicht wiederholen darf, um die Verwicklung von Mitgliedern der Islamischen Gemeinschaft Milli Görus mit der Internationalen Humanitären Hilfsorganisation, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière verboten hat.

Geschrieben habe sie schon immer, sagt El Masrar, ob Gedichte oder das obligatorische Tagebuch. Als junge Leserin stellte sie fest, dass in der Lektüre die „Lebensrealitäten von Mädchen und Frauen mit anderen Wurzeln nicht stattfinden“. Vor zehn Jahren gab die 34-Jährige also ihr eigenes Magazin heraus, um diese „Marktlücke zu füllen“. Das zur Zeit nur online veröffentlichte „kosmopolitische Frauenmagazin“ trägt den Titel „Gazelle“. Sineb El Masrar, die eine kaufmännische und eine pädagogische Ausbildung durchlaufen hat, veröffentlichte 2010 ihr Sachbuch „Muslim Girls – Wer wir sind, wie wir leben“, das fünf Jahre später als aktualisierte Taschenbuchausgabe unter dem Namen „Muslim Girls – Wer sie sind, wie sie leben“ herauskam.

Die Autorin ist in Hannover geboren und zweisprachig aufgewachsen, sie lebt jetzt „in diesem sonderbaren Berlin“, wie sie es in ihrem Buch nennt. Ihre Eltern kommen aus Marokko, und ihre „Jahresurlaube“ hat die Familie auch „klassisch“ in der Küstenstadt Tanger verbracht. Wenngleich ihre Eltern traditionelle Muslime sind und die Bräuche aufrecht erhalten haben, so seien ihr, der einzigen Tochter, keine Einschränkungen auferlegt worden. Ihr Vater habe zwar an Wochenenden mit ihr Koranverse gelernt, jedoch den Gott nicht als „strafend“ vorgelebt, sondern stets gesagt: „Islam ist Gnade.“

El Masrar betrachtet sich eher als konservative Muslima, fastet beispielsweise durch. Aber sie unterstütze nicht alles. „Da merkt man die Feministin in mir“, sagt sie. Selbstverständlich hat sie eine Meinung zur aktuellen Debatte über muslimische Frauenkleider. Den Burkini etwa betrachtet die Autorin zunächst einmal „als Produkt wie jedes andere auch“. Die Erfinderin profitiere von diesem Markt, da es eine dogmatische Kleiderordnung gebe – insofern sei die Sache zweischneidig. Dabei sei der Burkini ein „guter Mittelweg“ (für muslimische wie nicht muslimische Trägerinnen).

Denn, so beobachtet Sineb El Masrar, viele Diskussionen verliefen derzeit parallel und nicht selten am Wesentlichen vorbei. In Sachen Burkini komme man nicht drum herum zu fragen, warum eine Frau nicht sagen kann: „Ich bin Muslimin, aber im Wasser nehme ich das Kopftuch ab.“ Die Antwort gibt die Wahl-Berlinerin selbst: „Weil solche Frauen dann sozial degradiert würden, aber auch selbst es als nicht konsequent empfinden.“ Das aber werde nicht diskutiert, bedauert sie und plädiert für eine offene Auseinandersetzung mit diesen Frauen. Das Thema gehöre nicht in einen sicherheitspolitischen Kontext, sondern in eine Wertedebatte: „Für welche Werte stehen wir in Europa ein?“

Als großes Problem sieht die 34-Jährige „den islamistisch motiviertem Extremismus“. El Masrar schlägt vor, „strenger zu schauen, mit wem wir diskutieren und worauf beruht deren Gedankengut.“ Einerseits gebe es jetzt eine gut gebildete Generation von Einwanderern, dennoch kämen manche zu Schlüssen, die antidemokratisch und frauenfeindlich seien, wundert sich El Masrar über eine neue Rückständigkeit. Das habe viel mit der Sozialisation zu tun. Gleich in der zweiten Geschichte ihres Buches beschreibt sie dazu eine Begegnung mit tradierten Rollenmustern im orientalischen Supermarkt in Berlin, das Kapitel heißt „Früh übt sich. Leider“.

Die Beschäftigung mit der Frage nach der Emanzipation lässt sie in vorislamische Zeiten blicken und fragen, warum es „einen Stillstand im emanzipatorischen Kampf“ gibt. Unter der Überschrift „Aufwachen!“ schreibt sie in ihrem Buch: „Es ist höchste Zeit für Mut. Schluss mit der Missachtung des weiblich-islamischen Erbes“.

Sineb El Masrar liest am 7. September aus „Emanzipation im Islam. Eine Abrechnung mit ihren Feinden“. Beginn ist um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Flensburg (Süderhofenden 40). Nach der Begrüßung durch Michael Anders für den Initiator der Veranstaltung (Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit) und der Lesung folgt ein Gespräch mit El Masrar und der Landtagsabgeordneten Anita Klahn, sozial-, familien- und bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion in Kiel. Stefanie Oeding moderiert. Der Eintritt ist frei.

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erstellt am 01.Sep.2016 | 12:34 Uhr

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