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Flensburger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 11:48 Uhr

Die Schönheit unter dem Meeresrost

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Schiffe Sehen“: Annäherung zweier Künstler an den Mythos Seefahrt / Fotos und Gemälde gehen dem Wesen moderner Schiffe auf den Grund

Eine Ausstellung wie diese kann es nur geben, wenn Shipspotter Künstler sind. Oder umgekehrt. Tobias Emskötter ist hauptberuflich Grafiker, Maler und Illustrator in Hamburg, Wolfgang Jonas Schiffbauingenieur, lehrt an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Designtheorie. Für mehrere 100 Stunden in ihrem Leben begaben sich beide unabhängig voneinander unter das Volk der Shipspotter, jener Menschen, die mit glühender Leidenschaft Schiffe auf aller Welt verorten, verfolgen, dokumentieren. Thomas Overdick, Direktor des Flensburger Schifffahrtsmuseums, hat beide zusammengeführt – den Maler Emskötter und den Ingenieur Jonas. Herausgekommen ist eine spannende maritime Ausstellung, die Schiffe aus zwei ungewöhnlichen Blickwinkeln zeigt.

Emskötter am Elbestrand und Jonas bei Offenbüttel am Kanal blickten mit fragenden Augen auf Tausende Schiffe aus aller Welt. Was ist aus der Schönheit der Windjammer geworden, diesem nostalgischen Archetyp, in dem die meisten Menschen den Mythos der Seefahrt verorten? Sind moderne Schiffe etwa mythenfrei? Unschön? Anfang der 90er Jahre fand sich der frisch promovierte Ingenieur in diesem Spannungsfeld wieder. „Man kann dieser Nostalgie verfallen“, sagte er gestern bei der Vorstellung der neuen Ausstellung. „Der Mythos ist ergreifend. Aber immer wenn mich etwas ergreift, werde ich skeptisch.“

Der Skeptiker quartierte sich in Offenbüttel ein, nahm sich ein halbes Jahr Zeit am Kanalufer. Und während Tag für Tag die Schiffe vor dem Objektiv seiner Kamera entlang paradierten, entwarf er ein Raster, um das Design all der Feeder und Trader, der Tanker, RoRos, Spezial- und Containerschiffe zu decodieren und das Mythische in der modernen Gestalt dieses uralten menschlichen Transportmittels freizulegen.

Sein Mittel ist die Dekonstruktion. Jonas zeigt Teilansichten. Deckshäuser, Wulstbuge, Flanken, Schiffsnähte, Schiffshäute, Übergänge, Nieten, Nähte, Fenster, Brücken, Schornsteine, Farben, Schattenwürfe. Weil der Bogen über vierzig, fünfzig Jahre Schiffbaukunst spannt, entfaltet sich vor dem Betrachter ein Kaleidoskop der Konstruktionsästhetik. Beginnend mit den barocken Formen der 50er und 60er Jahre, zeigen die Aufnahmen den wachsenden Einfluss der Optimierung auf dem immer teureren zur Verfügung stehenden Raum an Bord.

Den riesigen Dimensionen zum Trotz – und hier nähert sich Jonas dem mythischen Bereich – zeigen seine Bilder doch die Fragilität und Verwundbarkeit auch größter RoRo-Riesen. Besonders dort, wo er das Objektiv auf die Schiffshaut richtet. All die Beulen, Narben und Schrammen, der ganze Meeresrost auf blättrigen Farben, kaum sichtbare Spuren früherer Namen spiegeln den Kampf und das Überleben auf See. „Schiffe altern schnell“, schreibt Jonas. Und so rückt er diese Industriegeschöpfe in die Nähe der mythischen Segler, denen Joseph Conrad eine individuelle Persönlichkeit, Charakter gar zugestand, weil sie Geschöpfe menschlichen Handwerks waren, „mit einer Individualität, mit Gesinnung und mit Fehlern begabt“.

Was Jonas durch seine Technik der Dekonstruktion erreicht, erweitert Emskötter durch Abstraktion. Der Braunschweiger hält drauf, der Hamburger zieht sich zurück. Seine namenlosen Schiffsporträts verschwinden im Ungefähren, sind Geometrie, verwaschene Farben, eigene Sphären und doch Archetypen in perfekter Korrespondenz mit den Fotos.

Das in der Ausstellung fehlende Element ist eine Ausgrenzung. Vor 100 Jahren hätten wohl auch die Passagierschiffe Eingang in die Welt von Emskötter und Jonas gefunden. Aber diesen Vertretern der Gattung Schiff kann der Ingenieur nichts mehr abgewinnen. „Triviale Monstren“ nennt Wolfgang Jonas die schwimmenden Vergnügungspaläste. Und setzt so eine Marke: Bei Aida hört die Schönheit auf.


Die Ausstellung ist bis zum 17. April im Schifffahrtsmuseum (Schiffbrücke 39) zu besichtigen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

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erstellt am 26.Nov.2016 | 19:10 Uhr

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