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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 04:52 Uhr

Der Gravensteiner Apfel : Die Region setzt auf Big Apple

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Gravenstein entdeckt seine fruchtigen Schätze neu / Apfelfahrt am 14. Oktober schärft das regionale Profil

Kaum zu glauben, dass von diesem beschaulichen Ort aus einmal ein größerer Teil der Welt erobert worden ist. Aber so ist es. Gravenstein mit seinen knapp 4000 Einwohnern ist der Ursprung einer weltweit sehr erfolgreichen Invasion: Der Gravensteiner Apfel war im 19. Jahrhundert in Skandinavien, Deutschland und in den USA eine der beliebtesten Obstsorten. Im Oktober, zur Flensburger Apfelfahrt, soll er erstmals seinen Auftritt als „Big Apple“ der Region bekommen.

In einer Gemeinschaftsaktion mit dem Museumshafen Flensburg, der Tourismusagentur Flensburger Förde (TAFF) und dem Gråsten-Forum werden die Flensburger Traditionssegler vier Häfen – Flensburg, Glücksburg, Kollund und Gravenstein – anlaufen. Traditionell geschieht das, um die Bedeutung regionaler Selbstversorgung in alter Zeit zu unterstreichen, in diesem Jahr tritt allerdings mit der Teilnahme Gravensteins ein neuer Aspekt in den Vordergrund: die kleine Gemeinde hat ihren Exportschlager aus alter Zeit gerade erst wiederentdeckt. Gravenstein will mit dem Gravensteiner Apfel und seinem Ursprungsort, dem Küchengarten des königlichen Sommerschlosses, regionale Identität neu definieren.

Das Gravensteiner Obst hat es in der Welt weit gebracht. Der Legende nach wurde die leckere Frucht auf einer königlichen Dienstreise um 1670 in einem Klostergarten in Savoyen entdeckt und vom damaligen Herrn auf Schloss Gravenstein, Frederik Graf von Ahlefeldt, an die Flensburger Förde gebracht. Der Zweig mit dem königlichen Apfel wurde in den nächsten Jahren durch den Schlossgärtner kultiviert und fand schnell Verbreitung im damals großen dänischen Königreich. Ende des 18. Jahrhunderts eroberte der feinfruchtige Sommerapfel aus Europa Neuengland und Kalifornien, die Neue Welt reagierte verzückt. Das größte Anbaugebiet in den USA war bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein das Sonoma County, wo heute noch ein Gravenstein Highway, vor allem aber alljährlich die große Gravenstein Fair an den Zuwanderer aus dem Schlossgarten an der Flensburger Förde erinnern. Dank seiner Aromen schaffte er es sowohl in Kanada als auch in den USA in die Arche des Geschmacks der Organisation Slow Food, ikonisch und universell wurde der Gravensteiner durch den Pionier Steve Jobs. Der Gründer von Apple, eines der weltweit innovativsten Unternehmen, soll Namen und Logo ersonnen haben, als er in Oregon auf der Plantage seines Freundes Robert Friedland die Gravensteiner-Bäume beschnitt.

„Eigentlich war unser Apfel überall bekannt – nur in Gravenstein nicht!“ Das sagt Karin Baum, eine Apfelkönigin. Die Künstlerin und Fotografin aus Rinkenis hatte bereits zwischen 1999 und 2010 versucht, den Blick auf die vergessene Tradition des kleinen Städtchens zu lenken. Aber richtig in Schwung kam das Projekt, als das Gråsten Forum Baums Vorlage aufnahm und seit 2014 mit dem Apfel-Festival systematisch voranbringt. Wenn in diesem Jahr erstmals wieder Flensburger Traditionssegler Obst und kleine Gravensteiner-Bäumchen für den Apfelmarkt am Bohlwerk an Bord nehmen, hat sich für Karin Baum ein Traum erfüllt. „Ich so begeistert, dass wir die vier Orte unter einen Hut bekommen haben“, sagt sie.

Rund um das königliche Schloss werden seither Traditionen gegründet. Im Ort selber hat es wohl nie eine Plantage gegeben, vermutet die Apfelkönigin. Im Schlosspark ist zwar ein beeindruckender Nachfahre des Urbaums noch zu besichtigen, aber im großen Stil angebaut wurden die Äpfel auf einer Plantage bei Sonderburg. Das ändert sich gerade. Auf Initiative des Gråsten-Forums wurden seit 2014 im öffentlichen Raum über 1000 Bäumchen gepflanzt. Und es wurden weitere Zeichen für den Gravensteiner – seit 2005 offizieller dänischer Nationalapfel – gesetzt. Der Flensburger Künstler Johannes Caspersen schuf aus einer 1871 von Wilhelm I. gepflanzten Friedenseiche eine Skulptur mit dem neuen Wahrzeichen des Städtchens. Am Hafen von Gravenstein dürfte Dänemarks einzige Eiche stehen, die einen Apfel trägt.

Der Wiederentdeckung der Identität wird von der Flensburger TAFF eng begleitet. Gorm Casper, Chef der Tourismus-Agentur, sieht in dem Gravensteiner-Projekt für den gesamten Bereich der Flensburger Förde großes Potenzial. Das Vier–Häfen-Fest rund um die Apfelfahrt vom 14. - 16. Oktober ist mittlerweile eingebettet in ein zunächst auf zwei Jahre befristetes Vorhaben „Grenzenlose Vielfalt – deutsch-dänische Apfelfahrt an der Flensburger Förde“, für das Casper 15500 Euro aus dem Interreg-Projekt KursKultur beschafft hat. „Es tut sich gerade eine ganze Menge“, freut er sich. Dabei denkt er auch an Fährverbindungen über die Förde, für die er in nächster Zeit gute Perspektiven sieht. Bis dahin aber wird auf Verkehrsmittel zurückgegriffen, für die es im 17. und 19. Jahrhundert keine Wege gab: Ein Oldtimer-Bus-Shuttle soll die vier Häfen miteinander verbinden.

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erstellt am 26.Sep.2016 | 18:35 Uhr

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