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Flensburger Tageblatt

02. Dezember 2016 | 21:11 Uhr

Comedy in Flensburg : Die Psychoanalyse des Einkaufszettels

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Gelungenes Spiel mit einem allzu bekannten Begleiter: Wigald Bonings unterhaltsamer Spleen im ausverkauften Culturgut

Herr Schramm hat Schuld. Bei seinen Einkäufen im Allgäu ist der medienbekannte Wigald Boning mit ihm über die vielfältigen Aspekte des Einzelhandels ins Gespräch gekommen. Zum grundlegenden Verständnis des Themas drückte ihm der Leiter eines „V-Marktes 2000“ seinerzeit zehn Einkaufszettel aus dem Altpapier in die Hand, die solle er studieren, dann wisse er Bescheid.

Das war 1999 – und seitdem hat der Comedian, Moderator und Musiker ein etwas abgefahrenes Hobby, gegen das der sprichwörtliche britische „Spleen“ harmlos erscheint. Und das mit anderen weltweit-skurrilen Freizeit-Leidenschaften wie Sumpfschnorcheln, Brennesseln-Essen, Frauentragen oder Planking (waagerechtes Hängen an Gegenständen) keinen Vergleich zu scheuen braucht. 1750 Einkaufszettel aus ganz Deutschland hat Boning seitdem gesammelt, vor allem aber gründlich psychoanalysiert. Einige köstliche Kostproben trug er am vergangenen Freitag per Beamer einem knapp 100-köpfigen Publikum in Weiches neuem ‚Culturgut‘ vor.

„Jeder Einkaufszettel lässt eindeutige Rückschlüsse auf seinen Verfasser zu“, behauptete der Comedian todernst, der sich bei der Interpretation natürlich jede Menge künstlerischer Freiheiten nimmt. „Getränke….. Milch, Blumenerde, Maggi-Zeug“ – das drückt poetische Kraft aus, der Zwischenraum deutet die Wichtigkeit des Trinkens für den Menschen an.“ Und wo finden sich Einkaufszettel? „Ganz typisch im Mulch der Blumenrabatte vor Supermärkten, wobei die Fraßspur der spanischen Nacktschnecke schon mal zur Unleserlichkeit führt.“ Und dann die Handschriften! Sie befeuern die Sammlerlust ohne Ende. Beispiel „Handwasee“: ein (ähnlich klingender) Radiosender in West Virginia? Sicher eher ‚Handwaschbürste‘, übrigens der einzige Eintrag dieser Art in der umfangreichen Sammlung Bonings. Zu den klassischen Fundorten gehörten die Parkplätze von Baumärkten, die Einkaufslisten deutlich markiert durch Reifenspuren, klar differenzierbar nach Sommer- und Winterreifen.

Berührungsängste bei seinem schmutzigen Hobby habe er nicht mehr, seit er Schwester Melanie, von Beruf Krankenschwester und daher ohne Ekelgefühle, beherzt in den Müll hat greifen sehen. Einkaufslisten würden auf allen nur denkbaren Unterlagen notiert – gerne auf Umschlägen, Notizzetteln von Apotheken und sehr viel auf Teilen von Arzneiverpackungen. Vergleiche zu historischen Einkaufszetteln von Kaiserin Sissi (versteigert für 2000 Mark) und Beethoven (60 000 Pfund bei Sotheby’s!) verdeutlichten die Wertigkeit des Hobbys, wobei das Komponisten-Barbiermesser heute durch Kaltwachsstreifen ersetzt werden könne. „Dosenmilch fürs Chlo“, „Wis-mop“, Camenberg“, „Schlager-Süßtafel“ oder „was Wurst“ (rheinische Mengenangabe a la Hella von Sinnen), „Kaffee und Trennscheibe“, „drei Bier aber mehr nicht!“ – alles eindeutig zu dechiffrieren und den jeweiligen soziologischen Hintergrund erleuchtend. Und dann die Katastrophe: „Gedruckte Einkaufszettel aus dem PC – was soll ich da deuten, der Untergang abendländischer Kultur schreitet voran!“ Aus dem Publikum kam prompt die Bestätigung „machen wir auch so“, und die Dateien würden sogar archiviert. . .

Mit seinen teils hanebüchenen, immer aber kreativen Auslegungen der vorgestellten Einkaufszettel generierte Wigald Boning viel Heiterkeit im Publikum. Der erfahrene Bühnendarsteller, ganz sommerlich in Bermudas und barfuß, hat das Alleinstellungsmerkmal seines Hobbys erfreulich künstlerisch und mit viel Geisteswitz umgesetzt, vor allem gründlich recherchiert. Und er weiß natürlich um die Endlichkeit seines Themas – die Show hätte nicht länger sein dürfen. Auch wenn „Einkaufszettel-Sammeln“ nicht jedermanns Sache ist, das Publikum hat sich köstlich amüsiert. „In dem locker vorgetragenem Thema konnten wir uns absolut wieder erkennen“, sagten Alexandra und Yvonne Wildbihler aus Weiche. Auch sie würden Einkaufszettel schreiben, oft auf Medikamentenpackungen, allerdings ohne Abspeichern. Das etwas andere Programm empfanden sie als „mal etwas anderes“ für Flensburg.

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erstellt am 25.Jul.2016 | 12:29 Uhr

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