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Flensburger Tageblatt

27. Juni 2016 | 02:32 Uhr

Die Kunst des Schlagers

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„In der Bar zum Krokodil“: Museumsberg Flensburg präsentiert mit Notenheften populärer Lieder ein völlig neues Genre

„Benjamin, ich hab’ nichts anzuzieh’n“, „Mein Papagei frisst keine harten Eier“, „Ich hab’ das Fräul’n Helen baden seh’n“. Bedeutende Lyrik ist nicht das Thema der neuen Ausstellung auf dem Flensburger Museumsberg. Auch die Namen großer Künstler sucht man hier vergebens. Kein Wunder, denn hier wird ein völlig neues Genre präsentiert, das man bisher in Galerien und Museen nirgendwo zu sehen bekam. Dabei sind die ausgestellten „Werke“ – Titelblätter der Noten bekannter Schlager aus den 20er Jahren – zum Teil schon hundert Jahre alt.

„Die schöne Josefine in der Badekabine“: Ein bisschen schlüpfrig oder voyeuristisch durfte es im Schlager damals gern sein. „Manche Texte waren sogar sexistisch“, sagt Museumsdirektor Michael Fuhr. Zur Präsentation der Schau brachte er gleich ein paar Blätter aus seinem Privatbesitz mit, die er auf dem Flohmarkt gefunden hat. Sie sind etwas zerfleddert, im Gegensatz zu den hinter Glas gezeigten Blättern, die aus der Sammlung von Robert Goße stammen.

Der Bielefelder, der bedauerlicherweise nicht zur Eröffnung kommen kann, hat ganze Aktenschränke davon. In den 70er Jahren packte ihn die Leidenschaft in Form einer ausgeprägten Sammelwut. Irgendwann traf er Hildegard Wievelhove vom Museum Huelsmann in Bielefeld; so kam es zur Ausstellung „In der Bar zum Krokodil“, die ab Sonntag bis 8. Mai in Flensburg gezeigt wird. Fuhr: „Es gibt einen kleinen eingeschworenen Kreis von Sammlern in Deutschland, ein paar sitzen in Belgien. Einer aus Schleswig-Holstein hat sofort angerufen, als er von der Ausstellung erfuhr.“ Einzelne Blätter werden für vierstellige Summen gehandelt.

Die Blütezeit dieses Musikgenres, das heute durch Sänger wie Max Raabe und Ulrich Tukur wieder neue Popularität gewonnen hat, war in den 20er Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg. „Wer den überlebt hatte, der wollte jetzt richtig leben“, so Fuhr. Dazu gehörte die meist fröhliche, einfache, bisweilen auch leicht alberne Gutelaunemusik. Die wurde zu jener Zeit noch überwiegend live gespielt. Das Radio steckte noch in den Kinderschuhen ebenso die Schellack-Platte. Ein Schlager war vor allem ein Verkaufsschlager; der Begriff stammte ursprünglich aus der Wirtschaft. Verkauft wurde die Musik über die Noten, und damit war eine auffällige, attraktive Verpackung erforderlich. Die Geburt eines neuen Kunstgenres war eigentlich gar nicht geplant. Die Namen der Grafiker sind vollkommen unbekannt, lediglich über Werner Orthmann weiß man etwas. Dessen Enkel hatte in den USA von der Ausstellung erfahren, eine Mail geschrieben und die Vita seines Opas durchgegeben.

Die Titelblätter zeigen oft schöne Frauen in schrillen Kostümen, tanzende Paare, stets den Titel des Songs und die Autoren. Manchmal sind Anklänge an Jugendstil zu erkennen, ansonsten gibt es keine einheitliche Stilistik – Hauptsache bunt, schrill, auffällig. Da es sich oft um Tanzmusik handelt, wird auch meist der Tanzstil genannt. Wer weiß noch, was ein Shimmy ist? Wer mal wieder Charleston tanzen möchte, kann seine Fähigkeiten in einem Workshop auffrischen.

An vier Hörstationen verschafft man sich einen akustischen Eindruck, außerdem steht ein altes Klavier in der Ausstellung. „Da darf sich jeder dransetzen und etwas klimpern“, so Fuhr, der zusammen mit seinem Team ein liebevoll-populäres Rahmenprogramm auf die Beine gestellt hat.

Wie die wilden 20er Jahre zu Ende gingen, ist bekannt. Auch das zum Teil bittere Ende mancher Protagonisten wird nicht ausgeklammert: Der jüdische Autor Beda, mit Abstand fleißigster Schlagertexter jener Zeit, starb 1942 in Auschwitz.

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erstellt am 05.Feb.2016 | 18:00 Uhr

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