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Flensburger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 10:45 Uhr

Flensburger Hofkultur : „Die Isländer sind fantastische Sänger“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der deutsch-peruanische Musiker, Poet und Aktionskünstler Heinz Ratz über sein Reykjavik-Projekt, mit dem er am Freitag nach Flensburg kommt

Heinz Ratz gastiert am Freitagabend (20.30 Uhr) im Rahmen der Flensburger Hofkultur nicht nur mit seiner Band „Strom und Wasser“ im Hof des Schifffahrtsmuseums, sondern auch mit dem Reykjavik-Projekt, das sich auf die Suche nach der europäischen Idee macht. Island ist seine erste von zehn musikalischen Stationen durch Europa.

Heinz Ratz, wie ist es zu der Kooperation mit isländischen Musikern wie Egill Olafsson und Ragga Gröndal gekommen? Ich habe gelesen, wir dürfen groovige Weltmusik erwarten – Funk-Hip-Hop-Blues-Polka-Tango-Beats mit Islands Sphärengesängen.

Das Projekt ist aus meinem Vorgängerprojekt mit Geflüchteten entstanden. Bei meinen Besuchen in mehr als 200 Flüchtlingsheimen habe ich tolle Musiker getroffen und ihnen eine Bühne gegeben. Mir ist dort aufgefallen, dass wir ganz anders über Europa denken, als das die Flüchtlinge tun.

Dass Sie Island ausgesucht haben für den Start ihres Projekts: Liegt es an der Lage der Insel und spielte eine Rolle, dass Island in Europa die ältestes parlamentarische Tradition hat?

Beides spielte eine Rolle. Wir Deutsche sind ja durchtränkt von diesem In-der-Mitte sein – ob als schlechtes Gewissen oder als innovatives Volk.

Wenn ich Sie unseren Lesern als politischen Liedermacher vorstelle, kommen Sie damit klar?

Ja, ich werde politisch wahrgenommen, aber Liedermacher ist mir zu angestaubt. Politischer Musiker ist okay.

Mit ihrem Flüchtlingsprojekt sind sie ihrer Zeit voraus gewesen. Heute hat Flüchtlingspolitik viel mehr Konjunktur als noch vor vier fünf Jahren, als sie begonnen haben, mit Asylbewerbern Musik zu machen.

Ich mache ja schon immer politische Kunst. Ich habe auch eine etwas andere Biografie. Ich habe als Kind lange im Ausland in Saudi-Arabien gelebt, ich habe den Bürgerkrieg in Peru mitgekriegt, in den Slums von Buenos Aires gelebt. Ich kenne Systeme, in denen offensichtliches Unrecht herrscht. Als ich mein künstlerisches Talent entdeckt habe, hatte ich immer das Gefühl, für die mitsprechen zu müssen, die in der Gesellschaft keine Stimme haben – für Obdachlose, für Umweltprojekte oder eben für Flüchtlinge, auch, weil das damals kaum wahrgenommen wurde. Das waren Aufklärungsprojekte.

Welche Erkenntnisse haben Sie in Ihrer Arbeit mit Flüchtlingen gewonnen, die heute helfen können?

Wir haben früh bessere Strukturen verlangt, aber als Flüchtlinge im vergangenen Jahr in großer Zahl kamen, war nichts passiert. In den vergangenen Jahren ist unser Sozialstaat ja immer mehr abgebaut worden. Wir hatten in den 80er und 90er Jahren ein ganz anderes Netz. Ohne die wahnsinnige Hilfe vieler Ehrenamtlicher wäre das eine ganz große Katastrophe geworden. Unsere Forderung in überfüllten Lagern, wo Menschen damals schon jahrelang lebten, nach Reisefreiheit oder der Möglichkeit einer Ausbildung, werden ja heute teilweise schon wieder zurückgefahren. Wir arbeiten zum Beispiel mit einem Hip-Hopper zusammen, der seit zwei Jahren auf seine Anhörung wartet. Der ist noch gar nicht zu seinem Asylantrag befragt worden, weil die ganzen Ämter nicht genug Personal haben.

Ihr Europa-Projekt sehen Sie als Fortsetzung des Flüchtlingsprojektes: Wie haben Sie die Länder und Städte ausgesucht?

Eigentlich danach, wie interessant ich sie selber finde. Island gehört ja fast nicht mehr zu Europa. Der Einfluss von Amerika ist in Reykjavik sehr stark. Es gibt eine ganz eigene Kultur, weil die Isländer als Volk sehr mystisch sind. Bilbao habe ich ausgesucht, weil ich die baskische Geschichte interessant finde, die Suche nach einer eigenen Identität, die völlig eigene Sprache und die Verbindung mit der deutschen Geschichte durch die Bombardierung Guernicas. In Tirana folgt der Kapitalismus fast übergangslos auf 40 Jahre sozialistisch-maoistische Diktatur. Hier herrschen große Armut und mafiöse Strukturen. Venedig, wo es trotz des Tourismus noch eine eigene Kultur gibt. St. Petersburg ist auch sehr interessant.

Wie wünschen Sie sich Europa?

Ich bin ja nur halb Deutscher und halb Südamerikaner. Europa hat das Gesicht dieser Welt geprägt, weil es anderen seine Kultur aufgezwungen hat. Europa hat die Verantwortung dafür, dass die Welt so aussieht, wie sie heute aussieht. Und weil Europa heute noch großen Einfluss hat, wäre es schön, wenn es heute mehr Verantwortung übernähme. Europa sollte sich auf seinen humanistischen Entwurf und diese Werte zurückbesinnen.

Haben Sie bestimmte Länder wie Großbritannien, Dänemark, Polen oder Ungarn ausgespart, weil sie in der aktuellen Flüchtlingspolitik sehr restriktiv agieren?

Nein, das wäre ja eher ein Grund, das nochmal zu thematisieren. Aber ich komme jetzt nicht mehr so stark auf die Flüchtlingsthematik zurück. Das ist ja nur ein Aspekt. Ich habe mich ja erst auf fünf Städte festgelegt.

Ihr isländischer Mitmusiker Egill Olafsson segelt derzeit gemeinsam mit seiner Frau Tinna Gunnlaugsdóttir stilecht auf dem 91 Jahre alten Altenwerder Elbkutter „Antilope“ nach Flensburg und wird im Laufe der Woche im Museumshafen erwartet. Was hat es damit auf sich?

Er hat sich in den Kopf gesetzt, das alte Schiff, das auch in Norddeutschland auf der Elbe und der Ostsee Dienst getan hat, aus Schweden hierher zu segeln.

Verraten Sie noch ein bisschen was zur Musik, die wir Freitag im Hof des Schifffahrtsmuseums hören?

Musikalisch ist das ein großer Stilmix. Wir sind ohne große Vorbereitungen in die Zusammenarbeit gegangen. Die Isländer sind fantastische Sänger und bringen viel von ihren sphärischen Gesängen ein. Das musikalische Niveau ist in Reykjavik sehr hoch, weil dort alle alles können müssen. Wir haben dort sehr kreative Leute gefunden. Da das komplette Allrounder sind, sind sie stilistisch nicht festgelegt. Wir haben Soul- und Funkstücke dabei, aber auch sehr schöne Balladen. Trotzdem ist der Tanz- und Partyfaktor hoch. Die Geschichte ist durchaus festivaltauglich.

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erstellt am 09.Aug.2016 | 14:00 Uhr

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