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Flüchtlinge in Flensburg : „Die Handlungsfelder sind identifiziert“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach der Massenschlägerei zwischen jungen Flüchtlingen: Die Stadt hält die Betreuung von Jugendlichen und Heranwachsenden für ausreichend

Eine blutige Auseinandersetzung mit Fäusten, Schlagstock und Elektroschocker. 18 beteiligte Personen. Am Montag eskalierte ein Konflikt zwischen jungen Erwachsenen in der Toosbüystraße. Im Gegensatz zu dem Streit um ein Mädchen zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen Ende Januar liegen die Ursachen für diesen Fall offenbar tiefer. Es handelt sich um ein in Flensburg lange nicht erlebtes Ausmaß einer Massenschlägerei.

Hinter der nüchternen Bilanz von drei Verletzten, die in einen Hinterhalt gelockt worden waren, türmen sich Fragen auf, die auf Antwort warten. Beteiligt waren ausschließlich Jugendliche und Heranwachsende mit Migrationshintergrund, die zum Teil in betreuten Einrichtungen leben. Wo liegt das Motiv für das äußerst brutale Vorgehen? Bekriegen sich hier systematisch verfeindete Gruppen verschiedener Nationalitäten? Werden die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in der sensiblen Übergangszeit zum Erwachsenenalter ausreichend betreut – oder von heute auf morgen mit ihren Problemen allein gelassen? Gibt es ein Vakuum, in das die Betroffenen unvorbereitet fallen?

„Nein“, lautet die klare Antwort von Karen Welz-Nettlau, die den Fachbereich Jugend leitet. Dieser ist verantwortlich für die Inobhutnahme und Begleitung junger Flüchtlinge, die größtenteils am Flensburger Bahnhof stranden. Sie verweist darauf, dass jeder einen Antrag auf weitere städtische Jugendhilfe stellen kann, sobald er volljährig ist. „Fast alle machen das und gehen in die ambulante Betreuung“, sagt sie. „Bis auf diejenigen, die ein selbstständiges Leben führen möchten. Es gibt auch Hilfe, die nicht gewollt ist!“ Sie landen schließlich in Unterkünften wie am Friedensweg oder in Wohngemeinschaften. Für die anderen mietet die Stadt Wohnungen privater Träger an, in denen sie eine Betreuung bis maximal einem halben Jahr erfahren.

Das Jugendamt ist gegenwärtig für 119 jugendliche Flüchtlinge zuständig, laut Zuweisung sind dagegen nur 68 Plätze vorgesehen. Untergebracht sind sie in städtischen oder aber privaten Einrichtungen, deren Träger von der Heimaufsicht des Landes anerkannt sind. Diese haben mit der Stadt eine Vereinbarung über Art, Inhalt und Umfang der Betreuung getroffen. Zwei Drittel von ihnen wohnen in Flensburg, der Rest im Kreisgebiet.

Hinzu kommen weitere Jugendliche, die von auswärtigen Jugendämtern hier untergebracht worden sind. „Deren Zahl und Identität ist uns allerdings nicht bekannt“, sagt Karen Welz-Nettlau. Das Jugendhilfegesetz sieht eine Zusammenführung dieser Daten nicht vor. „Transparenz wäre da schon von Vorteil“, ergänzt Uta Weinerdt-Höfer, die den Fachbereich Einwohnerservice und Willkommenskultur leitet. Sie betont, dass die drei Opfer aus Afghanistan sowie der Hauptbeschuldigte nicht in die Zuständigkeit des Jugendamtes Flensburg fallen.

Ist der Betreuungsschlüssel ausreichend? Karen Welz-Nettlau bejaht das. Demnach fallen auf zehn Jugendliche in der vollstationären Betreuung 4,6 Stellen, beim Betreuten Wohnen auf bis zu zehn Jugendliche 3,4 Stellen. „Das ist gewährleistet“, versichert die Fachbereichsleiterin. „Es ist so verhandelt und geprüft. Ansonsten reagiert die Heimaufsicht.“ Zudem gebe es kontinuierlich Zusatzausbildungen und Fortbildungen für die Mitarbeiter aller Träger, um der besonderen Problematik gerecht zu werden. Zu Beginn der „Flüchtlingswelle“ sei es schwierig gewesen, ausreichend Personal zu rekrutieren, „Inzwischen bauen einige Träger schon wieder Plätze ab“. Gleichwohl gibt es vermehrt Rückkehrer aus dem skandinavischen Raum. „30 bis 40 pro Monat“, schätzt Uta Weinerdt-Höfer. „Diese werden jedoch sofort weiterverteilt.“

Mit Erreichen der Volljährigkeit leisten auch Awo und Diakonisches Werk Hilfe, mit dem DRK führt die Stadt gegenwärtig Verhandlungen. „Die Handlungsfelder sind identifiziert“, sagt Uta Weinerdt-Höfer. Sie verweist auf das Training von Sozialkompetenz durch Schulsozialarbeiter, auf Betätigungsfelder wie bei den Sportpiraten, „die großzügig gefördert werden“, auf Sprachmittler „so viel wie nie“, auf fachärztliche Behandlung von Traumata. „Es gibt viele Facetten, individuelle Hilfspläne, mit denen wir reagieren können.“ Pauschalisierungen wolle man auf jeden Fall vermeiden. Fakt ist: Auch das jeweilige Herkunftsland spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Wenn Afghanen etwa befürchten müssten, abgeschoben zu werden. Oder junge Nordafrikaner, die sich, wie Uta Weinerdt-Höfer erlebt hat, nach den Silvester-Übergriffen von Köln stigmatisiert gefühlt hätten. „Die haben im Einwanderungsbüro geweint – und sich für ihre Landsleute entschuldigt.“

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erstellt am 16.Mär.2017 | 10:06 Uhr

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