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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 05:18 Uhr

Vortrag und Diskussion : Die Erosion des Vertrauens

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warum die Angst vor Verbrechen steigt, obwohl die Kriminalitätsrate allgemein rückläufig ist

Flensburg bildet keine Ausnahme: Die gefühlte Sicherheit befindet sich in einem stetigen Abwärtstrend. Das stellte Frank Rolfes als Moderator des Stadtdialogs vor knapp 50 Zuhörern im Technischen Rathaus fest. Und er sprach bei diesem Phänomen von einer „Erosion des Vertrauens“. Wie kann man reagieren?

Passende Antworten versuchten aus dem Bereich der Wissenschaft der Kriminologie Joachim Häfele, Dozent an der Universität Hannover und an der Polizeiakademie Oldenburg und – aus der Praxis der kommunalen Ordnungsverwaltung – Kai Soomann, Leiter des Ordnungsdienstes der Hansestadt Lübeck, zu geben. Häfele referierte zum Thema Jugend-, Gewalt- und der so genannten Ausländerkriminalität. Und sprach – für viele überraschend – von allgemein rückläufigen Zahlen, die allerdings durch die mediale Darstellung verzerrt würden.

Er griff zu einem Extrembeispiel, das er zu Beginn des Jahrtausends ansiedelte: So sei die Zahl des vollendeten Sexualmords im Zeitraum von 1999 bis 2009 um 56 Prozent zurückgegangen. Die Wahrnehmung dieses Delikts in der Bevölkerung entwickelte sich jedoch umgekehrt proportional, in Umfragen sei das öffentliche Empfinden festgestellt worden, die Anzahl habe sich verdoppelt. Das ließe sich auf viele andere Formen von Straftaten (Ausnahme Wohnungseinbrüche) übertragen. Auch die Angst vor Terror habe trotz sinkender Anschläge stark zugenommen. Ergo: Weniger Verbrechen – „doch in der Kriminalitätsfurcht liegt Deutschland ganz vorn“.

Noch eine weitere verblüffende Erkenntnis gab Häfele den Gästen mit auf den Weg: Eine höhere Polizeidichte sorgt, so der Experte, nicht automatisch für eine höhere Aufklärungsquote. Und je höher die Bevölkerungsdichte in einer Stadt, desto weniger Angst. Beängstigend ist die Zunahme rechter Gewalttaten: Sie haben sich 2015 binnen eines Jahres verdoppelt. Dagegen stellte er das „Zerrbild des bedrohlichen Ausländers“. Tatsache sei: Lediglich Jugendliche mit Migrationshintergrund sind bei Gewaltdelikten im Vergleich zu deutschen überrepräsentiert. „Arbeitsmigranten sind sogar erheblich gesetzestreuer als Deutsche mit vergleichbarem Sozialprofil.“ Häfele wies eindringlich darauf hin: Kriminalität ist eine sichtbare Erscheinungsform von Armut. Er plädierte für Toleranz – dafür, nicht übersensibel zu reagieren. „Man muss lernen, mit Ängsten und Unsicherheiten umzugehen.“

Ängste waren es sicherlich auch, die 2003 einen städtischen Ordnungsdienst in Lübeck auf den Plan riefen. Dessen Leiter Kai Soomann berichtete, wie sich das Aufgabenfeld kontinuierlich erweiterte. Anfangs sei man gegen Müll und Verschmutzungen vorgegangen, später habe man sich um Ordnungswidrigkeiten gekümmert, um Kneipen- und Fahrzeugkontrollen und Belange des Jugendschutzes. „Allein im letzten Jahr haben wir 2800 Fälle abgearbeitet.“ Die sieben Mitarbeiter seien in Selbstverteidigung und durch Deeskalationstraining geschult. „Seit August tragen sie alle schusssichere Westen.“

Auch in Flensburg wird die Idee eines Ordnungsdienstes wieder auf die Agenda kommen, nachdem ein entsprechender FDP-Antrag schon gescheitert war. Fachbereichsleiter Ulrich Mahler avisierte dieses Reizthema schon mal für die nächste Ausschusssitzung, gab aber zu bedenken: „So etwas gibt es nicht umsonst.“

In Lübeck ist es dem Ordnungsdienst gelungen, die Drogenszene an den Stadtrand zu verdrängen. So etwas wünschten sich auch einzelne Gäste für den Südermarkt. Wie Kaufmann Walter Braasch: „Sie pöbeln, sie pinkeln die Kirche an. Das ist kein Wohlfühlklima, auch für Touristen nicht.“ Manch einer habe gar Angst, über den Südermarkt zu gehen. Es gab Bedenken. „Diese Klientel will wahrgenommen und nicht versteckt werden“, sagte etwa Nicolai Altmark, Leiter des Diakonischen Suchthilfezentrums. Und fügte süffisant hinzu: „Wenn jemand auf dem Stuhl sitzt und trinkt, finden das alle super.“

Der ehemalige Grünen-Ratsherr Zihni Gülgen riss einen ganz anderen Aspekt an: Wer kümmert sich um die Angst und die Sicherheit der hier lebenden Flüchtlinge? „Hat man die eigentlich auch mal befragt?“


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erstellt am 22.Sep.2016 | 12:07 Uhr

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