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Flensburger Tageblatt

24. August 2016 | 03:30 Uhr

Musiktheater in Flensburg : Die bunten Vögel vom Waschsalon

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Neun Darsteller in 28 Rollen: Gefeierte Uraufführung der aufwendigen Musical-Produktion „Waschbar“ von Broschmann & Finke

Sex sells. Requisiten fürs Liebesspiel verkaufen sich heutzutage allerdings besser im virtuellen Raum als im Laden. Das muss auch Handelsvertreter Gummi-Gerd (Michael Wempner) erfahren, als er seinen Koffer voller „Rex Dildos“ wieder zuklappt. Die Abwanderung der Konsumenten aus den Fußgängerzonen ins Internet ist eines der aktuellen Themen der Zeit, das das Musical „Waschbar“ von Michael Wempner anschneidet. Rentner mit Nebenjob, um auszukommen, und gekaufte Sportwettkämpfe sind andere. Ansonsten sorgen reichlich Klamauk und Klischees von dümmlichen Friseusen und überkandidelten Schwulen für ausgelassenes Lachen und Applaus im ausverkauften Bürgerhaus. Am Sonnabend feierte die Produktion der Broschmann und Finke Theater Company mit Musik von Nick Nordmann in Harrislee Uraufführung.

Ort des Geschehens ist ein Waschsalon, den der Wirt „Schorty“ (Thore Petersen) um einen Tresen ergänzt und in „Waschbar“ umgetauft hat. Natürlich ohne Genehmigung vom Amt. Das ruft den Ordnungsbeamten Heimann (Arne Christophersen) auf den Plan, dessen atemlose wie ellenlange Aufzählung sämtlicher beizubringender Papiere völlig berechtigt Szenenapplaus verdient. Die Waschbar gerät in Gefahr und mit ihr das zweite Zuhause der vielen bunten Vögel vom Kiez, die zwischen den Maschinen und der Bar auf offene Ohren treffen für ihre Geschichten. Hier grämt sich Alice (Carola von Sturmfeder) ob ihrer gescheiterten Schauspielkarriere, nimmt Kulle (Dirk Magnussen) sein erstes Bier des Tages und will mehrmals eine echte Lennon-Gitarre verticken, kommen sich der Handwerker Percy (Torben Andresen) und seine Wimpern klimpernde Rosanna (Lena Mahrt), die vom Sieg bei Supervoice träumt, nach etwas Abstand wieder näher.

Neun Darsteller in 28 Rollen: Das verlangt gutes Timing und einen roten Faden. Beides ist da, und letzterer ist zweifellos die Musik. Gleich zu Beginn sucht Schorty eine Aushilfe, die Kaffee kocht und Klavier spielt, und findet Dominick (Nick Nordmann). Der singt zwar nicht, hat dafür einen einzigartigen Singsang in der Stimme und ist ein Held an den Tasten, ob Ballade oder Rock’n’Roll. Beinahe wie unbeteiligt, aber wirkungsvoll nehmen immer wieder Figuren auf der Cajon Platz und trommeln dazu. Die drei Ladies ragen gesanglich heraus, auch mehrstimmig. Das eindrucksvollste Lied aber singt Kulle, in dem er nicht ganz nüchtern über die Macht des Alkohols philosophiert – Dirk Magnussen glänzt hier so wie in jeder seiner Figuren.

Jede Menge pfiffige Wortspiele bringen auch diejenigen zum Lachen, die es nicht so gern unter der Gürtellinie haben. Dort landet der Beamte Heimann eine Menge Treffer, wenn er völlig neben sich von der „Latte von Verfehlungen“ spricht, „die auf keine Vor-, nein, Kuhhaut gehen!“ So geht’s auch: Gernot (Thore Petersen) von der Heilsarmee wird von der Prostituierten Nina (Anna Brunner) neckisch daran erinnert, dass in seinem Namen das Wort „gern“ steckt. Er kontert: „Ja, aber auch das Wort ’Not’!“ Und ergreift die Flucht. Das Gegenteil macht das Publikum: Es klatscht sich auf die Schenkel, bleibt und bekommt seine Zugabe.

Vorstellungen: www.brofi.net

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erstellt am 15.Feb.2016 | 12:55 Uhr

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