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Flensburger Tageblatt

30. August 2016 | 20:50 Uhr

Serie: Zukunft in Flensburg : „Der Neubau eines Bahnhofs wird zu teuer“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Paul Hemkentokrax, zuständig für Bus-Verkehr, Hafen und Flugplatz, sieht gute Chancen für einen rein elektrischen ÖPNV, aber keine Chancen für einen Hauptbahnhof in Weiche

Flensburg | Was bringt das Jahr 2016 für Flensburg? In einer sechsteiligen Interviewreihe hat die Redaktion des Flensburger Tageblatts Zukunftsfragen gestellt – es geht um Finanzen, Verkehr, Flüchtlinge, Ausbildung, den Hafen – sowie um Glücksburg und sein Verhältnis zum großen Nachbarn. Heute: Aktiv-Bus-Chef Paul Hemkentokrax, zugleich Geschäftsführer von Hafen und Flughafen.

2016 sollen drei neue Hybrid-Busse angeschafft werden. Wann fährt der erste vollelektrische Bus auf einer Aktiv-Bus-Linie?

Hybrid-Busse sind für uns eine Brückentechnologie. Ich gehe davon aus, dass wir 2016 und 2017 noch Hybrid-Fahrzeuge beschaffen und wir in der Lage sind, 2018 und 2019 einen Schritt weiter gehen und dann Busse haben, die ganz ohne Verbrennungsmotor auskommen. (Bericht über einen E-Bus im Alltag: siehe unten; die Red.)

Gehen Sie davon aus, dass der ÖPNV in Deutschland irgendwann ganz ohne Diesel auskommt?

Das wird irgendwann so sein, wir werden aber gerade im Regionalverkehr noch lange auf Diesel angewiesen sein. Wir sind in den Städten einfach im Vorteil, dass wir nah an der Infrastruktur und am Strom sind, dass wir relativ kurze Umläufe haben, in Flensburg um und bei 220 Kilometer am Tag, und diese Reichweite ist heute oder in den nächsten zwei bis drei Jahren definitiv elektrisch darstellbar.

Die Crux ist ja wohl der Anschaffungspreis. Wer entscheidet, ob Sie für einen E-Bus doppelt so viel Geld ausgeben dürfen wie für einen Diesel?

Das hängt am Schluss des Tages von der Frage ab, wie viel Umweltschutz und wie viel Lebensqualität wir in dieser Stadt haben wollen. Ich erinnere mal daran, dass das Thema Hybridbusse gefeiert wird unter einem ganz anderen Aspekt, nämlich „Wir fahren elektrisch und damit leise aus den Haltestellen heraus“. Vor diesem Hintergrund bin ich sehr gespannt, ob die Politik den Masterplan Mobilität tatsächlich so ausrichtet, dass er Dinge nach vorn bringt, die wir bewusst steuern wollen in Richtung mehr Lebensqualität in dieser Stadt. Wenn wir das mit diesem Masterplan Mobilität nicht machen, sondern es dem freien Spiel der Kräfte überlassen wollen, wie viel ÖPNV, wie viel Individualverkehr, wie viel Radverkehr es in dieser Stadt gibt, dann brauchen wir diesen Mobilitätsplan nicht. Die Politik muss sich vorher darüber einig sein, ob sie überhaupt etwas verändern will.

Das heißt aber doch, Sie müssen mehr Leute in die Busse bringen.

Das ist unser erklärtes Ziel, und das schaffen wir auch Jahr für Jahr, wir haben steigende Fahrgastzahlen. Wir machen auch fast jedes Jahr eine Angebotsoffensive oder eine Ausweitung des Angebotes, jetzt im dritten Jahr in Folge, und das schlägt sich zum Glück auch in Zahlen nieder.

Auf der einen Seite verbessern Sie das Angebot. Muss die Stadt auf der anderen Seite dann nicht auch die Benutzung des Autos erschweren, um Menschen vom Auto in den Bus zu bringen?

Man wird auch in Flensburg nicht drumherum kommen, ein Stück weit steuernd einzugreifen, wenn man mehr Lebensqualität haben will. Das kann auf verschiedenen Wegen gehen. Das muss ja nicht die Maut an der Stadtgrenze für den Schleswiger oder Nordfriesen sein. Das fängt bei Busbeschleunigung an, das geht über Parkraum-Bewirtschaftung, das hat viele Facetten. Die Frage ist: Wie ist mein Zielkompass ausgerichtet, wo will ich mit Mobilität in dieser Stadt hin? Das ist eine rein politische Frage, da muss die Politik Farbe bekennen. Ich würde mir wünschen, sie tut es vorher und stellt für sich fest, dass sie diese Kraft hat.

Was ist Ihre Vision für den ÖPNV einer 100. 000-Einwohner-Stadt?

Mein Wunsch ist es, dass wir, wenn ich in den Ruhestand gehe, so in zwölf Jahren, leise und emissionsfrei durch die Stadt fahren. Dass wir viele Fahrgäste haben, dass wir vielleicht sogar einen Umlage-finanzierten ÖPNV haben (alles umsonst, finanziert wird durch öffentliche Kassen) und wir in der Lage sind, die Leute nicht zum Citti-Park, zum Förde-Park oder zur Flensburg-Galerie zu fahren, sondern sie hineinzufahren und in den Gebäuden heraus zu lassen.

Gibt es hierfür Beispiele?

Ja, zum Beispiel in Göteborg. Dort hat Volvo eine Linie ganz bewusst in eine Bibliothek hinein gefahren, geräuschlos und emissionsfrei. Wer das einmal erlebt hat, wie Leute Bücher lesen und fünf Meter weiter der Bus reinfährt, der muss einfach begeistert sein.

Was bringt 2016 für den Flensburger Hafen?

Ich glaube, eine ganze Menge. Es wird für den Hafen ein sehr spannendes Jahr, weil die Politik den Sanierungsträger mit der vorbereitenden Untersuchung beauftragt. Wir lassen uns da viel Zeit, machen das mit gutem Personal sehr sorgfältig. Das muss auch so sein, weil wir mit dem Ergebnis Jahrzehnte, wenn nicht hundert Jahre leben müssen. Auch die Entwicklung selber wird lange dauern, wenn man sich anschaut, was auf der Hafen-Ostseite alles zur Disposition steht. Da haben wir am Ende ein Investitionsvolumen von einer halben Milliarde Euro. Das wird seine Zeit brauchen.

Die halbe Milliarde zahlt aber nicht allein die Stadt, oder?

Das werden überwiegend private Investitionen sein.

Wie entwickelt sich der Hafenumschlag?

Da sind wir stabil bei 120 bis 130.000 Tonnen pro Jahr. Das ist das Niveau, das wir hatten, bevor die HaGe zu uns gekommen ist. Wir beobachten das permanent. Momentan haben wir keinen Grund zu klagen.

Welche Schritte für die Nachnutzung der Silos stehen 2016 an?

Der Erbpachtvertrag mit der HaGe läuft bis 2032. Was jetzt kurzfristig ansteht, ist der Heimfall der Hübsch-Silos. Dann muss man sich überlegen, welche Zwischennutzung man da haben möchte.

Brauchen wir noch einen Flugplatz in Flensburg?

Unbedingt. Für die wirtschaftliche Entwicklung Flensburgs halte ich den Flugplatz für unabdingbar. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht auf das Thema angesprochen werde und ich darauf hinweise, dass er für die Region wichtig ist. Auch für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung ist er ein Pfand, das wir nicht aus der Hand geben sollten.

Wie viel kostet er die Stadt?

Rund 150.000 Euro pro Jahr.

Befürchten Sie, dass irgendjemand auf die Idee kommt, dort doch lieber Einfamilienhäuser zu bauen?

Ich kann es nicht ausschließen, am Ende liegt das Primat der Entscheidung immer bei der Politik. Aber da, wo wir die Chance haben, auf Risiken hinzuweisen, tun wir das.

Macht die Kooperation mit Sonderburg in Sachen Flughafen Sinn?

Flughäfen kooperieren genauso viel miteinander wie Häfen, nämlich gar nicht. Entweder fliegen Sie von dem einen oder von dem anderen. Sonderburg ist zurückgefahren worden. Das ist nicht wirklich die Alternative. Wichtig ist für uns viel mehr eine gute Anbindung an den Flughafen Hamburg, und Schäferhaus ist für die regionale Nutzung.

Wo ist aus Sicht eines Busbetreibers der ideale Standort für einen Bahnhof?

Den gibt es nicht, weil es immer entscheidend ist, wo will der Fahrgast einsteigen. Ich erlebe jetzt in 17 Jahren die zweite oder dritte Diskussion über das Thema Bahnhof-Standort. Und es wird wieder ausgehen wie das Hornberger Schießen. Wir haben diesen Standort, wir sollten ihn verbessern, ihn noch besser anbinden an die Stadt. Mit dem Sanierungsgebiet rücken wir derzeit mit der Stadt näher an den Bahnhof heran. Manche Stadt wäre hochzufrieden, wenn die Innenstadt nur 600 oder 800 Meter vom Bahnhof entfernt wäre. Und mit einem Aufzug hätten wir hier eine barrierefreie Anbindung zur Schleswiger Straße. Ich halte das nach wie vor für eine Idee, für die es sich lohnt, Geld auszugeben. Der Neubau eines Bahnhofs an anderer Stelle wird daran scheitern, dass am Ende niemand bereit ist, dafür viele Millionen Euro in die Hand zu nehmen. So müsste man in Weiche ja nicht nur einen Bahnhof neu bauen, sondern auch in das Umfeld investieren.

Welche Chancen geben Sie einer Reaktivierung der Bahnlinie nach Niebüll?

Auch da steht in dem Bahn-Gutachten, das demnächst öffentlich wird, irgendein Preisschild dran. Das muss man sich sehr genau angucken. Ich halte das nicht für komplett abwegig, aber auch da ist das Thema Kosten-Nutzen in den Vordergrund zu heben. Den funktionierenden Schnellbus Flensburg-Niebüll können wir nicht einfach abschaffen. Sie können also nicht einfach rechnerisch die heutigen Buskunden als potenzielle künftige Bahnkunden rechen.

Ist Aktiv-Bus da ein möglicher Betreiber?

Ich will es nicht ausschließen, aber Bahn-Chef zu werden ist nicht Bestandteil meiner Lebensplanung.


Die bisherigen Teile der Serie:

Flüchtling Husein Alali: „Ich habe Angst um meine Familie“

Henning Brüggemann: „Kitas und Schulen haben Priorität“

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erstellt am 30.Dez.2015 | 18:34 Uhr

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