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Flensburger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 11:40 Uhr

Zirkus im Flensburger Bahnhof : Der Mann, der im Schließfach verschwand

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Cesar Pindo stellte im Bahnhof eindrucksvoll unter Beweis, dass seine Knochen offenbar aus Gummi sind.

Flensburg | Reisende, so heißt es, soll man nicht aufhalten. Das war im Flensburger Bahnhof schlechterdings nicht zu vermeiden. Zu spektakulär das Geschehen, das sich im sonst eher trübseligen Bereich der Schließfächer abspielte.

Ein halbnackter Mann, garniert von zwei bildhübschen, allerdings im Gegensatz zu ihm bekleideten Damen, dehnte und streckte seinen Körper im Wartebereich, um anschließend im Gepäckfach Nummer 22 zu verschwinden. Schnell hatte sich eine Menschentraube um ihn versammelt. Neugierige zückten ihre Smartphones.

Das Schließfach, das sich Cesar Pindo aussucht, ist ebenerdig. Ein kleineres Modell – es ist am „Einstieg“ lediglich 25 Zentimeter breit, in der Höhe misst es 50, in der Tiefe etwa 70 Zentimeter. Der Ecuadorianer steckt zunächst sein linkes Bein hinein, dann bringt er seinen Körper in Position und zwängt ihn ins Innere.

Es sieht ganz einfach aus, doch man merkt, wie konzentriert Cesar zu Werke gehen muss. Ein Arm folgt. Kurz muss man befürchten, dass sich der Körper verkantet. Aber der Schlangenmensch rollt sich weiter zusammen. Er zieht den gebeugten Kopf und anschließend das zweite Bein nach. Blitze aus Handys zucken. Zum Schluss sieht man nur noch eine Hand, mit der der Akrobat die Tür schließt – von innen, versteht sich. Klappe zu, Schweigen ringsum.

Doch die lächelnden Gesichter der charmanten Balletttänzerinnen Vera und Vika, die die Aktion optisch und publikumswirksam aufwerten, versprechen: Alles geht gut, solange niemand den Schlüssel umdreht und den Ärmsten in echte Verlegenheit bringt. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, zumal auch vom Bahnhofspersonal keine Gefahr droht. Die Bundespolizei ist noch nicht auf den Plan gerufen. So kann sich der etwa 1,60 Meter große Gummimann langsam wieder befreien. Gut gemacht!

Cesar Pindo ist ein Kontorsionist – ein Akrobat also, der seinen Körper nach allen Regeln der Kunst verbiegen und verrenken kann. „Ich habe acht Schwestern, meine Eltern arbeiten in der Heimat als Plantagenbauern“, erzählt er. Mit 15 Jahren stieß er zum Zirkus, zunächst agierte er als Jongleur und Bodenakrobat, tourte durch Kolumbien, Argentinien, Chile und Peru. Drei Jahre später hatte er seine erste Solo-Nummer als Schlangenmensch einstudiert. „Ich habe hart trainiert, jeden Tag bis zu vier Stunden.“ Er trat im Fernsehen und Theater auf.

Nun ist er 36 Jahre alt, es ist sein erstes Engagement beim Zirkus Charles Knie, der noch bis zum Sonntag auf der Exe in Flensburg gastiert. Höhepunkt seiner Show ist der Moment, da er sich in eine 38 mal 40 Zentimeter kleine Kiste zwängt. „Vorher muss ich mich weich machen, eine halbe Stunde lang“, sagt Cesar. Ihn fasziniert das Zirkusleben, das stete Reisen in unbekannte Städte und Länder, in die seine Frau ihn begleitet. Wie lange aber wird sein Körper noch mitmachen? „Das weiß ich nicht– ich mache weiter, so lange es geht“, sagt er.

Doch eine Nachfolge ist schon in Sicht. In Gestalt seine Sohnes Cesar junior, der jetzt ein Jahr und drei Monate alt ist. „Ich wäre stolz“, sagt der Vater, „wenn er in meine Fußstapfen treten würde.“

Ob jemand wegen der Aktion seinen Zug verpasst hat, ist nicht überliefert.

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erstellt am 02.Sep.2016 | 08:45 Uhr

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