zur Navigation springen

Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 02:53 Uhr

Bürgerinitiative : Der harte Kern des Atom-Widerstands

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seitdem der Umweltminister bei der Deponiesuche für Kernkraftschrott auf Harrislee gestoßen ist, sammeln Angela und Jörg Wolff Informationen.

Für Angela und Jörg Wolff ist das Thema Atom-Schutt in Harrislee noch lange nicht durch – obwohl der Hauptausschuss der Gemeinde sich einstimmig dagegen ausgesprochen hat, Deponiebetreiber Jörn Lassen nicht gegen den Willen Harrislees deponieren will – und kaum anzunehmen ist, dass die Gemeindevertretung das Votum der Fraktionsspitzen heute Abend (19 Uhr) wieder kassieren wird. „Viele Leute glauben, das ist jetzt vom Tisch“, sagt Jörg Wolff (46). Er wisse, dass dies nicht so sei: „Rein rechtlich gibt es gar keine Möglichkeit, das zu verhindern.“ Dann müssten aber nicht nur die Atomkraftwerksbetreiber mit ihrer Deponiesuche scheitern, sondern auch Grünen-Atomaufsichtsminister Robert Habeck die Lagerung von Bauschutt auf der Deponie Balzersen anordnen. Ob ein Grüner so etwas politisch durchstehen kann? Gegen den Willen praktisch der gesamten Bürgerschaft vor Ort?

Jörg Wolff war 16, als es in Tschernobyl zur vollständigen Kernschmelze kam, der Reaktor explodierte und radioaktives Material über halb Europa verteilte. Seitdem beschäftigt er sich mit der Atomenergie. Die Familie lebt seit vier Jahren in Harrislee. Seine Frau Angela (42) berichtet, dass sie in Jülich in der Region des Atom-Forschungszentrums gelebt habe, wo es zu Leukämiefällen gekommen sei: „Wir hatten die Kinder im Kindergarten.“

Allerdings ginge es in Harrislee nicht um Kernbrennstäbe oder anderes hochstrahlendes Material. Die Familie Wolff und der harte Kern ihrer Mitstreiter arbeiten sich gerade tief ein in die komplexe physikalische Thematik zwischen Mikrosievert, Becquerel, Kinderkrebsstudie und Cäsium-137: „Wir sehen unsere Aufgabe darin, Informationen zu sammeln und zu bündeln“, sagt Angela Wolff. Ihre täglich gefütterte Internetseite www.beash.de belegt das eindrucksvoll. Die Strahlenschutzverordnung mit Tabellen, Nukliden und Freigabewerten auf 130 Seiten gehört dazu.

Dass man Schutt aus den Atomkraftwerkgebäuden überhaupt „freimessen“ können soll, finden die kritischen Harrisleer komisch und führen sie sofort zu weiteren Fragen. Wer misst eigentlich und wer kontrolliert? „Im Überwachungsbereich werden nur Stichproben gemessen. Eigentlich müssten die aber alles messen“, sagen die Wolffs.

Mit ihrem intensiv angelesenen Sachverstand sind sie derzeit regelmäßig in der Kommunalpolitik zu Gast. Bei der Harrisleer SPD waren sie schon, bei der Linken in Flensburg und gestern Abend beim SSW in Harrislee. Die Bürgerinitiative glaubt, dass es das Beste wäre, wenn das mehr oder minder strahlende Material komplett auf dem Gelände der Atommeiler bliebe. Dass es für hochstrahlendes Material in Brunsbüttel oder Krümmel noch 40, 50 Jahre Zwischenlager geben müsse, sei völlig klar.

Wenn heute Abend die Gemeindevertretung im Bürgerhaus tagt, gibt die Initiative zu bedenken: „Die Unterzeichnung der Entsorgungsvereinbarung durch kommunale Behörden bedeutet aus unserer Sicht eine Einvernehmenserklärung für die gesamte Dauer des Rückbaus.“ Es könnte also eine Entscheidung für Jahrzehnte sein – mit kaum absehbaren juristische Folgen.

Wie viel Zeit die Arbeit in Anspruch nimmt, kann das Ehepaar kaum sagen. Angela Wolff erzählt, dass die Kinder (7, 8 und 17) schon mal murren: „Wir merken, dass wir mal eine Pause brauchen.“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 13.Jul.2016 | 23:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen