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Flensburger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 11:01 Uhr

Gender-Debatte in Flensburg : Der/die KopiererIn: Warum die Linke „männliche“ Arbeitsgeräte abschaffen will

vom

Flensburg macht mit einem kuriosen Vorschlag von sich Reden. Die Linke fordert Gender-Neutralität. Was dahinter steckt.

Flensburg | Die Stadt Flensburg sorgt für Aufsehen: Die Linke will männliche Gerätenamen abschaffen. Arbeitsgeräte sollen künftig geschlechtsneutral bezeichnet werden; also zum Beispiel der/die ComputerIn, der/die BleistiftanspitzerIn, der/die KopiererIn, der/die StaubsaugerIn. So steht es in diesem Antrag der Flensburger Ratsfraktion. Am Mittwoch soll darüber offiziell im Rathaus debattiert werden. Die Diskussion bekommt durch einen Bericht der Bild-Zeitung nun sogar bundesweit Aufmerksamkeit. Auch Spiegel-Online berichtet.

Geschlechtsneutrale Arbeitsgeräte: Das sind die Vorschläge der Linken

Bezeichnungen, die Berufsbezeichnungen nachgebildet sind: der/die ScannerIn, der/die ComputerIn, der/die BleistiftanspitzerIn, der/die KopiererIn, der/die StaubsaugerIn usw.

Weitere Bezeichnungen sollten bestehenden Doppelformen kreativ nachgebildet werden: der/die Papierkorb/-körbin, der/die Briefkopf/-köpfin, der/die AbfalleimerIn usw.

Ausgenommen davon sind Nomen,

... die mit einem Nominalisierungssuffix (-keit, -heit, -ung usw., insbesondere wenn sie dabei den femininen Artikel „die“ tragen) gebildet werden, z.B. die Sitzung, die Tagesordnung usw.

...die grammatisch einen neutralen Artikel („das“) tragen: das Papier, das Dokument usw.

...die einen Ort bezeichnen (der Flur, die Kantine, die X. Etage, der Wartebereich usw.)

Meint die Fraktion das ernst? Wohl eher nicht. Die Linke empfiehlt auf der Partei-Homepage, gegen den eigenen Vorschlag zu stimmen. Der Antrag solle bestenfalls für Lachanfälle in den 13 Etagen des Rathauses sorgen. Der Antag soll tatsächlich Satire sein.

 

Holger Ohlsen, Redakteur des Flensburger Tageblatts, kommentierte bereits am Samstag das Thema. Denn nicht nur die Linke bringt einen Gender-Antrag in die Ratsversammlung ein. Die Debatte hat eine Vorgeschichte.

In Zeiten weltweiter Genderdiskussionen, reizbarer Gleichstellungsbeauftragtinnen und der leider immer noch nicht vollendeten vollkommenen Gleichstellung des weiblichen Geschlechtes ist es eine heikle Mission, sich ungefragt der weiblichen Form anzunehmen – zumal wenn die Annäherung von männlicher Seite erfolgt. Umso begrüßenswerter, dass es diese Woche zwei Frauen übernommen haben, Gender-Sprech und Kommunalpolitik zu synchronisieren: Ursula Jensen von der WiF und Gabriele Ritter von der Linkspartei.

Jensen, bürgerschaftliches Mitglied im Gleichstellungsausschuss, fiel unlängst beim Aktenstudium auf, dass weibliche Mitglieder der Ratsversammlung als Frau bezeichnet werden, männliche hingegen als Herr. Frau und Herr – gendertechnisch gesehen ist das eine Katastrophe und im Alltagssprech gleichbedeutend mit „Du kannst jetzt abräumen, Baby. Ach ja, und hol’ mir auf dem Rückweg noch ein Bier aus dem Kühlschrank – äh, Schatz!“

Das ist natürlich vollkommen inakzeptabel. So kann und darf es im Flensburger Rat nicht mehr weiter gehen! Ursula Jensen schlussfolgerte völlig zutreffend, dass die Verwendung der Bezeichnung „Frau“ im Zusammenhang mit einer weiblichen Person als abwertend verstanden werden kann, weil sie die soziale Stellung einer weiblichen Person im hohen Rat der Stadt nicht berücksichtigt. Kurzum: Jensen beantragt, Frauen im Rat künftig als „Ratsdamen“ zu bezeichnen. Das klingt gendertechnisch schon viel besser. Eher wie: „Das war eine vorzügliche Debatte. Wie wäre es, wenn wir nach der kräftezehrenden Jugendhilfeausschusssitzung noch einen Prosecco im Casino schlürften?“ Das ist entschieden damenhafter und auch herrentechnisch anwendbar – total genderneutral!

Es sei nicht verschwiegen, dass Dame Jensen auch kurz erwog, nach unten abzurunden – also die Ratsfrau mit dem Ratsmann zu vereinen. Sie verwarf das – wohl wegen der in dieser rein geschlechtlichen Begrifflichkeit nicht serienmäßig enthaltenen überlegenen sozialen Stellung der im Rat Tätigen. Sie will aber die Wahl des Begriffspaares (Frau-Mann/Dame-Herr) dem politischen Ratschluss überlassen. Immerhin.

Der Vollständigkeit halber sollte an dieser Stelle (aus dem Volke) noch eine weitere Begrifflichkeit eingeführt werden, die im mittelalterlichen Ratsalltag anzusiedeln ist. Da waren Damen noch seltener als Ratspolitikerinnen und Frauen waren Weiber und Männer waren Kerle. Wäre das im harten Wettbewerb der Standorte nicht eine Alternative? Die Flensburger Ratsversammlung, der rauflustig-verwegene Haufen vom Pferdewasser? Durchsetzungsstark und zupackend. Da dröhnt die Stadtpräsidentin: „Das Wort hat Ratsweib Ursula Jensen und Ratskerl Jeromin hält solange einfach mal die Klappe, ja?!!!“ Das wünscht sich manch eine(r) doch. Jedenfalls manchmal.

Ratsfrau(-dame; -weib) Gabi Ritter indessen hat die Aussicht auf die Damenwahl so erheitert, dass sie den/die VorstoßIn der Wif-Dame mit eine(r)m eigenen Linken-AntragIn flankiert. Und der/die geht so: Da es im Sinne einer „sozial gerechten und antidiskriminierenden Gesellschaft“ nicht hinzunehmen sei, „dass Nomen, die ein Arbeitsgerät/mittel bezeichnen, häufig nur mit maskulinen Artikeln gebraucht werden“; da dies die „patriarchalische Gewohnheit verlängert, dass menschliche, mechanische oder technologische Arbeitsleistung als überwiegend männlich charakterisiert wird“, will Ritter beschließen lassen, „dass ab sofort Arbeitsmittel und -geräte in allen Arbeitsbereichen der Stadt genderneutral bezeichnet werden. Also: AbfalleimerIn; ScannerIn; ComputerIn, StaubsaugerIn, BleistiftanspitzerIn, SchreibtischIn und so weiter.

Also, für die Papierkörbin hätte ich da schon was...

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von
erstellt am 26.Sep.2016 | 07:59 Uhr

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