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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 00:59 Uhr

„Der Autofahrer hat hier noch die Macht“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Deutliche Worte von Bürgermeister Brüggemann bei einer Veranstaltung der Grünen zum Thema Fahrradstadt

So deutlich hört man es selten in Flensburg: Es gebe „eine große Autolobby in der Stadt“, die „heilige Kuh Parkplätze“ werde verteidigt, „der Autofahrer hat hier noch die Macht“, und die kommunale Selbstverwaltung – also Ratsversammlung und Ausschüsse – sei in Fragen des Fahrradverkehrs „nicht ganz so mutig.“ Auch sei es angezeigt, „einen Gegenpol zu den Veröffentlichungen der IHK, des Einzelhandels und der Arbeitgeber“ zu schaffen, wenn es um Verkehrspolitik gehe.

Diese deutlichen Worte kamen nicht etwa vom ADFC, der natürlichen Radfahrer-Lobby, auch nicht von den Grünen, sondern vom Bürgermeister und Stadtkämmerer Henning Brüggemann.

Der ist bekennender und aktiver Radfahrer, privat und dienstlich, sommers wie winters. So lag es nah, ihn einzuladen zu einer Veranstaltung der Grünen zum Thema „Fahrradstadt Flensburg“. Und die Grünen legten die Messlatte gleich ziemlich hoch: Als auswärtigen Gast hatten sie einen Vertreter der Berliner Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ eingeladen. Die hat sich auf den Weg gemacht, die Fahrradstadt mittels einer Abstimmung der Wahlbevölkerung durchzusetzen. Ziel ist es, am Tag der Bundestagswahl die Berliner über die Frage abzustimmen zu lassen, ob per Gesetz ein Katalog von zehn Kernforderungen der Fahrradlobby umgesetzt werden soll.

In einem ersten Schritt habe man in nur drei Wochen 100  000 Unterschriften gesammelt, berichtete Denis Petri. Man sei geradezu überwältigt gewesen. Doch die enorme Beteiligung an der Unterschriftensammlung zeige auch, wie sehr das Thema Alltagsverkehr den Hauptstädtern unter den Nägeln brennt.

Über einen Volksentscheid wird in Flensburg noch nicht nachgedacht. Seit 2011 gebe es in Flensburg ein Rahmenkonzept zum Radverkehr, berichtete Brüggemann bei der Veranstaltung im Stadtteilhaus Neustadt. Ziel sei ein Anteil von 25 Prozent am so genannten Modal Split, die Verteilung aller Wege in der Stadt auf die unterschiedlichen Verkehrsarten. Bisher liegt dieser Wert bei etwa 20 Prozent. Von der Größe her sei Flensburg ideal für Fahrradverkehr. Das Argument der vielen Steigungen verliere vor dem Hintergrund des Booms an Elektrorädern an Bedeutung.

„Die Stadt hat hehre Ziele formuliert“, sagte Grünen-Ratsherr Pelle Hansen, „doch es hapert an der kleinteiligen Umsetzung.“ Auch er sprach von einem „Scheitern an der Autolobby“, etwa an der Frage, ob man die Straße Kielseng von vier auf zwei Spuren reduzieren und stattdessen eine Fahrradstraße einrichten solle. Das Land habe Förderprogramme für Rad-Infrastruktur, die nicht ausgeschöpft würden, beklagte Hansen, der sich dagegen wandte, in der Diskussion immer nur auf die Autofahrer zu schimpfen. Man müsse die Stadt „lebensgerecht machen für alle Situationen“. Angesichts der beengten Verhältnisse in der Innenstadt könne man nicht davon ausgehen, dass es neue abgetrennte Radwege geben werde, die etwa in Berlin gefordert werden.

„Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“, zitierte der Gast aus Berlin den SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel. „Das gilt auch für Fahrradstraßen.“ Aus dem Publikum kam der Vorschlag, einige Straßen zu Einbahnstraßen zu machen – Fruerlunder Straße – um so mehr Platz und Komfort auch für Radfahrer zu bekommen. „Wir tun gut daran, etwas radikaler zu werden“, mahnte schließlich Henning Brüggemann. Eine kontroverse Diskussion sei besser als immer nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu zielen.

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erstellt am 10.Okt.2016 | 12:13 Uhr

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