zur Navigation springen

Kirche in Flensburg : Denkmalstreit zeigt Wandel der Kirche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ in St. Marien eröffnet

Flensburg | Der Streit um den steinernen Krieger von St. Marien – vor 50 Jahren aus der Kirche verbanntes Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege – steht als Meilenstein für den Wandel der Gesellschaft und der Kirche hin zur Demokratie. Das erklärte Stephan Linck, Historiker an der Akademie der Nordkirche, am Donnerstagabend bei der Eröffnung der Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ in der Marienkirche.

Vor den fast 100 Gästen ging der Vorsitzende des Kirchengemeinderates von St. Marien, Rainer Hanf, auf das Konzept der Ausstellung ein: Als Wanderausstellung der Landeskirche beschäftige sie sich damit, wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit nach 1945 umgegangen sind. Jeweils vor Ort seien diese durch lokale Themen ergänzt.

In Flensburg steht der Denkmalstreit, der sich 2017 zum 50. Mal jährt, im Mittelpunkt. Rainer Hanf sagte: „St. Marien war 1967 Schauplatz eines fast handgreiflichen Konfliktes, der damals nicht bearbeitet worden ist.“
Pröpstin Carmen Rahlf nannte den damaligen Streit um die Entfernung des Heldendenkmals aus der Kirche einen Paradigmenwechsel und Tabubruch gleichermaßen, die nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft und unter den Generationen auszufechten waren. Flensburg habe aber über den Denkmalstreit hinaus vielfach eine Rolle in der Kirchengeschichte des Nordens gespielt. Dieses falle beim Gang durch die Ausstellung unter anderem auf, so die Pröpstin.

Sie dankte besonders dem Historiker Stephan Linck, der mit seiner Forschungsarbeit zum Verhältnis von Kirche und Nationalsozialismus und die Folgen nach 1945 tief in die norddeutsche Kirchengeschichte eingestiegen sei und mit seinen aufschlussreichen Erkenntnissen maßgeblich zur Aufarbeitung beitrage.

Linck bezeichnet den Denkmalstreit als einen Meilenstein im gesellschaftlichen Wandlungsprozess hin zur Demokratie. Sich ändernde Denkmuster hätten im Laufe der Zeit den Diskurs ermöglicht. Der Denkmalstreit sei einer der Impulse für den großen Transformationsprozess in Deutschland in den 1968er Jahren gewesen. „Kirche und Gesellschaft sind in dieser Zeit diskursfähig geworden und haben gelernt, demokratisch zu diskutieren.“

Er zeigte anhand der Ausstellung auf, wie sich die Gesellschaft in der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre verändert habe. „Geschichte ist immer auch eine Sammlung subjektiver Geschichten“, sagte Stephan Linck, „und es stellt sich die Frage, welchen Zugang wir als Gesellschaft dazu haben, welchen Blick und Standpunkt wir einnehmen und wie wir mit anderen Standpunkten umgehen.“ Diese unterschiedlichen Blickwinkel erläuterte er an zahlreichen Beispielen – die in der Ausstellung in sechs Themenfeldern dargestellt werden: „Heimatvertriebene, Flüchtlinge und displaced persons“, „Antisemitismus und neue Begegnungen“, „NS-Verbrecher im Schutz der Kirche“, „Streit um Schuld und Mitverantwortung“, „Haltung zu Krieg und Wiederaufrüstung“ und „Antikommunismus und Diffamierungen“.

Während beispielsweise das kollektive kulturelle Gedächtnis durch die Wirtschaftswunderzeit von Bildern des Volkswagens, des Aufschwungs und der gelungenen Integration von zwölf Millionen Flüchtlingen geprägt sei, wäre kaum präsent, dass hunderttausende befreite Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge nicht integriert worden seien und als Heimatlose weiter in Lagern lebten, erklärte der Historiker.

Linck sagte: „Die Ausstellung lädt, neben der Wahrnehmung der Fakten, auch dazu ein, Schwächen und Brüche wahrzunehmen und die damaligen Denkschemata aufzuzeigen.“

Die Ausstellung in St. Marien ist bis zum 8. Februar täglich von 10 bis 16 Uhr zu sehen und wird von einem umfangreichen Programm begleitet, das unter www.kirchenkreis-schleswig-flensburg.de aufgeführt ist. Am Sonnabend, 28. Januar, findet an der Europa-Akademie Sankelmark der Studientag „Der Umgang mit Denkmälern heute – zwischen Tradition und Häresie“ statt. Weitere Informationen dazu unter www.eash.de. 

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 14.Jan.2017 | 11:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen