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Flensburger Tageblatt

30. August 2016 | 20:49 Uhr

Marquardt Petersen : Dem Tod mit Mut und Liebe trotzen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Söruper Trompeter Marquardt Petersen (17) wurde zum jüngsten Bundesbotschafter der Kinderhospize ernannt. Bei seiner Ernennung lernte er den schwerkranken Jean-Paul kennen.

Sofort ist eine spürbare Nähe da – zwischen diesen beiden besonderen Jungen, die sich noch nie zuvor begegnet sind, deren Leben unterschiedlicher nicht sein könnte. Zum einen Marquardt Petersen, das große Trompeten-Talent aus Sörup, das am Sonnabend zum jüngsten Bundesbotschafter aller Zeiten für die deutschen Kinderhospize ernannt wurde. Zum anderen Jean-Paul, eines der Kinder, für das Marquardt Petersen durch seine Popularität Aufmerksamkeit erwecken möchte. Für Kinder, die schon mit dem Schatten des Todes geboren werden, und doch so viel Sonne in ihrer kurzen Zeit auf dieser Welt schenken.

„Unheilbar kranke Kinder sind ein Thema, das in der Ecke steht, für das es Mut und Kraft braucht, um mit zu machen, das uns täglich daran erinnert, das wir alle vergänglich sind“, sagt Sabine Kraft, Geschäftsführerin des Bundesverbands der Kinderhospize. Dieser hatte in Kisdorf bei Kaltenkirchen zur Veranstaltung „Aus der Trauner wächst die Kraft“ eingeladen, um Marquardt Petersen in seinen Botschafterkreis aufzunehmen, um Experten der Kinderhospizarbeit und Betroffene zu Wort kommen zu lassen.

Einer von ihnen ist Bernd Seitz. Im April 2007 wird sein Sohn Jean-Paul mit Multiple Sulfatase Defizienz geboren, einer seltenen Stoffwechselerkrankung, die jede Zelle betrifft. Jean-Paul kann nicht gehen, nicht sitzen, nicht sprechen, aber er kann wunderbar lachen. „Seine Mutter wollte nichts für ihn tun, ihn in ein Heim geben und sterben lassen“, sagt Bernd Seitz. Der Vater trennt sich und verspricht seinem Sohn: „Ich kämpfe für dich bis zum Umfallen, solange du es willst, solange du freiwillig atmest.“ Im Januar 2010 lautet die Prognose für Jean-Paul: Nur noch wenige Wochen. „So eine Situation ist schwer für einen Mann, ich konnte mit niemandem reden“, erinnert sich Bernd Seitz. Die Lebenshilfe und ein Kinderhospizdienst fangen den allein erziehenden Vater auf, schenken ihm Entlastung bei der Versorgung des 24-Stunden-Pflegekinds. Ein Schicksal aus dem Raum Saarbrücken, für das es viele vergleichbare Fälle im Norden gibt. Mehr als 20 000 Kinder erhalten jedes Jahr in Deutschland die Diagnose „unheilbar krank“. Mit diesem Tag – das betonen alle Referenten – beginnt die von den Kinderhospizen angebotene Trauerbegleitung, größtenteils durch Spenden finanziert, auch von vielen ehrenamtlichen Helfern getragen. Zu diesen zählt nun auch Marquardt Petersen, mit ihm wurden unter anderem Hubertus Meyer-Burckhardt und Franz Walter Steinmeier zu neuen Botschaftern ernannt.

Jean-Paul atmet bis heute, hat durch eine perfekte Palliativversorgung keine Schmerzen und genießt sichtlich die bedingungslose Liebe seines Vaters. „Es kommt darauf an, im Hier und Jetzt zu leben, möglichst viele schöne Augenblicke miteinander zu teilen“, sagt Marquardt Petersen, der ohne Berührungsängste die Nähe zu Jean-Paul sucht. Bernd Seitz lacht viel mit seinem Sohn, geht mit ihm in Musicals und Konzerte, rührt dabei prominente Musiker wie Peter Maffay. Der unheilbar kranke Junge mit seidigen Locken, braunen Augen und wunderbaren Wimpern liebt Musik – auch die von Marquardt Petersen. Als der junge Söruper spielt, wird Jean-Paul ganz ruhig, als wenn er sich in die Musik hineinträumt. Schon außergewöhnlich, seine eigene Ernennung musikalisch zu begleiten – mit vier einfühlsamen, sensibel interpretierten Stücken, wie „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“.

„Wir ernennen einen besonderen jungen Mann zum Botschafter, dessen Persönlichkeit und Musik perfekt zu uns passen“, sagt Sabine Kraft. „Ich bin geehrt und gerührt. Ich möchte ein wenig von meinem Glück zurück geben“, sagt Marquardt Petersen. Entscheidend für die Ernennung war sein Engagement für das Weihnachtsdorf Wanderup, dessen Erlöse seit acht Jahren für die Kinderhospizdienste im Land bestimmt sind. In diesem Jahr begleitete Marquardt das neu gestaltete Weihnachtsdorflied „Tragt ein Licht durch alle Welt“ auf der Trompete. Jeder Download aus dem Internet kommt finanziell den Kinderhospizen zugute. „Dieses Lied soll durch ganz Deutschland bis ins Ausland getragen werden“, sagt Kraft. Der Text, der die Begleitung von todkranken Kindern beschreibt, wird ins Englische übersetzt. „Ein Licht anzünden heißt, sich nicht unterkriegen lassen“, sagt Uwe Sanneck vom Familenhafen Hamburg.

Der Mut von Bernd Seitz wurde belohnt, er fand eine neue große Liebe, eine Kinderkrankenschwester, die für Jean-Paul zur liebevollen Mutter geworden ist. Für seine Familie hat der außergewöhnliche Vater in einem Waldfriedhof bereits einen Baum erworben, vor dem die Urnen beigesetzt werden sollen. Die Buche liegt nah an einem Weg. „Damit ich später auch noch mit Rollator zum Grab meines Sohnes kommen kann“ sagt Seitz - lachend. Wann der Tag des Abschieds kommt, steht in den Sternen. „Jean-Paul wird selbst entscheiden, wann er geht.“

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erstellt am 03.Feb.2014 | 07:45 Uhr

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