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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 21:26 Uhr

Das deutsche Pflegesystem im Vergleich zu Skandinavien

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Deutschland hat ein Pflegeproblem – und schaut weg. Mit System. Dieser Überzeugung ist Cornelia Heintze. Und sie kann das auch belegen: Seit Jahren vergleicht die Sozialwissenschaftlerin das skandinavische Sozialsystem mit dem deutschen. Die Unterschiede sind eklatant.

Laut Heintze wird das deutsche Sozialsystem von der Überzeugung getragen, dass die Familie die oberste und beste Instanz für erzieherische und pflegerische Leistungen sei. „ Die im Sozialgesetzbuch 11 niedergelegten Leistungen der Pflegeversicherung haben vor allem die Funktion, Angehörige bei der Erbringung von Pflegeleistungen zu unterstützen.“ Rechtsansprüche auf Geld- und Sachleistungen würden von staatlicher Seite definiert, Ziele gesetzt – „die Verantwortung für die Einhaltung aber einem Quasi-Markt aus untereinander im Wettbewerb stehenden Kassen und Pflegedienstleister überlassen“. Im skandinavischen System hingegen stehe die Kommune im Mittelpunkt der Verantwortung für die Pflege. „Es ist ein öffentlich finanziertes und gestaltetes Pflegesystem.“


Von Pflegestufen gehen falsche Anreize aus


In den Qualitätszielen seien Skandinavier und Deutsche gar nicht weit voneinander entfernt. Der Weg dahin aber – über die private beziehungsweise öffentliche Verantwortung – mache den eklatanten Unterschied. „Und das lässt sich auch an den Zahlen ablesen.“ Deutschland tätigt öffentliche Ausgaben von aktuell rund 30 Milliarden Euro; überwiegend stammen sie aus den Mitteln der Gesetzlichen Pflegeversicherung. Was wie eine enorme Summe klingt, macht unterm Strich gerade einmal ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BiP) aus. Die Skandinavier hingegen investieren 2,5 Prozent des BiP in die Pflege – aufgebracht über Steuern. Geld, das sich in einer deutlich besseren Personalausstattung und höheren Professionalität, auch einer wirksameren Unterstützung von Angehörigen niederschlägt.

Besonders großes Augenmerk richte man im Norden auf Prävention, Gesunderhaltung und die Inklusion älterer Menschen in das Gemeindeleben. Auch in Deutschland gebe es diesen Anspruch, die Realität sei aber eine andere: „Es ist doch klar, dass in einem System, wo Prävention zwar proklamiert wird, die Pflegekassen dafür aber gar kein Budget haben, die Bereitschaft, wirksam in die Gesunderhaltung älterer Menschen zu investieren, geringer ist als in Skandinavien, wo es sich für die Kommunen rechnet, wenn Stürze vermieden werden, statt anschließend die Folgen zu behandeln“, sagt sie.

Auch von den Pflegestufen, die es in Skandinavien gar nicht gibt, gingen falsche Anreize aus. Logischerweise gehe das Interesse Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen dahin, eine möglichst hohe Pflegestufe zu erhalten, weil das mehr Geld bedeutet – bei vollstationärer Versorgung zukünftig (Pflegegrad 5) rund 2000 Euro monatlich aus Mitteln der Pflegeversicherung.


Das Pflegesystem vor dem Zusammenbruch


Wenn der alte Mensch durch gute Betreuung nun aber wieder zu Kräften kommt und selbstständig gehen kann, droht die Rückstufung – was weniger Geld bedeutet.

Unabhängig von diesen Systemfragen zeigen auch die Zahlen der Bundesregierung, dass das deutsche Pflegesystem vor dem Zusammenbruch steht. Und zwar einfach, weil die Menschen, die es tragen, zu 73 Prozent Frauen, dem System zunehmend abhanden kommen: 2007 waren 2,13 Millionen Menschen in Deutschland im Sinne des SGB XI pflegebedürftig. Im Jahr 2015 waren es schon 2,9 Millionen. Immer noch, wie 2007, werden 71 Prozent zu Hause versorgt aus einer Kombination von Angehörigen und Pflegediensten. Es wird ein Anstieg der Pflegebedürftigen auf vier Millionen Menschen bis 2050 erwartet. Die Zahl der potenziellen Pflegepersonen wird gleichzeitig um 30 Prozent sinken. Es muss sich also etwas ändern.

Eine Forderung, die das Frauenwerk der Nordkirche sich auf seine Fahnen geschrieben hat. Es fordert ein Care-System, dass sich an der skandinavischen Pflege orientiert. „Care“ steht dabei laut Waltraud Waidelich für die Sorge sich selbst oder jemand anderem gegenüber. Zudem fordern die Frauen „eine Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit. Unter dem Motto „Gut versorgt alt werden – Was können wir vom skandinavischen Sozialsystem lernen?“ will das Frauenwerk für das Thema sensibilisieren.


„Gut versorgt alt werden – Was können wir vom skandinavischen Sozialsystem lernen?“, Donnerstag, 21. April, 18-21 Uhr, Flensburg, sh:z, Fördestraße 20. Um Anmeldung wird gebeten. Telefon: 0431-55779112, die Teilnahme ist frei.

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erstellt am 18.Apr.2016 | 19:09 Uhr

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