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Flensburger Tageblatt

27. Juni 2016 | 09:41 Uhr

Flüchtlinge und Asyl : Das Bahnhofsprinzip und hohe Zäune

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zur Debatte über das Thema Flucht und Asyl kommen fast 500 Menschen ins Audimax – die positive Stimmung überwiegt immer noch.

Flensburg | Es muss etwas passiert sein in den vergangenen Monaten in Flensburg, wenn ein Diskussionsabend zum Thema Flucht und Asyl fast 500 Menschen ins Audimax auf den Campus lockt. Dabei fasst der größte Hörsaal auf dem Sandberg gerade einmal 304 Zuhörer – weshalb die Europa-Uni die „Debatte zur offenen Gesellschaft “ kurzerhand auch noch live in den benachbarten kleineren Hörsaal übertrug.

Die zentrale Frage der Reihe, die Soziologieprofessor Harald Welzer im Spannungsfeld von Flüchtlingspolitik und Medienecho erfunden hat: „Welches Land wollen wir sein?“ Oder wie die für Europa zuständige Uni-Vizepräsidentin Monika Eigmüller fragte: „Wie offen wollen wir sein, und wo wollen wir Grenzen setzen?“

Harald Welzer beobachtet seit dem Sommer, dass die Mehrheitsbevölkerung die Flüchtlingswanderung nach Deutschland befürworte – „aus keinem anderen Grund, als dass man Menschen, die an Leib und Leben gefährdet sind, aufnehmen muss“. Für Welzer ist es eine Sternstunde der Demokratie gewesen, die die Politik vor sich hergetrieben habe. Nicht festgestellt habe er dagegen, dass die Stimmung gekippt sei: „Wo ist die Gesellschaft gespalten, wenn sich unglaublich viele Menschen so engagieren?“ Eine üble Nachrede über unser Land ist für Welzer seit dem Herbst 2015 jedenfalls widerlegt: „Immer, wenn etwas passiert, wird der Deutsche Nazi.“ Und dieses freie Gesellschaftsmodell, das wir privilegiert seien zu leben, gelte es zu verteidigen: „Es ist gefährdet durch die EU, Rechtspopulisten und eine gewisse Verrohung der Eliten.“

Für die Hilfsinitiative „Refugees welcome“ vom Flensburger Bahnhof berichtete Katrine Hoop, wie nach dem 9. September eine unglaublich präzise Hilfsorganisation wuchs: „Ganz viele Menschen, die sich nicht kannten und nichts voneinander wussten, haben einfach das gemacht, was sie gerne machen und gut können.“ Ganz gleich, ob in der Kleiderkammer, als Übersetzer oder bei der Essensausgabe – und eingebunden in ein Informationsnetzwerk vom Mittelmeer bis nach Finnland: „Für viele von uns war das ein Befreiungsschlag“, bekannte Hoop – Glücksmomente und Euphorie durch Helfen statt Konsumieren. Sie berichtete von Flensburgern, die bekannt hätten, dass sie vorher gar keine Ausländer gemocht hätten, bis sie die hilfebedürftigen Babys am Bahnhof gesehen hätten. 86 Prozent aller Flüchtlinge weltweit würden in armen Ländern aufgenommen – vor zehn Jahren sei das Verhältnis noch 72:28 gewesen, berichtete Harald Welzer.

Buchautor Jan Christophersen („Schneetage“) aus Ulsnis, der eigentlich habe kommen wollen, um zuzuhören, sich nun aber selbst auf dem Podium wiederfand, erinnerte angesichts der Flüchtlingsfußmärsche auf dänischen Autobahnen an die Trecks aus Ostpreußen 1945. Er sei eigens einen Tag vor der Veranstaltung bei Krusau über die Grenze gefahren. Und als er durchgewunken worden sei, habe er fast nostalgische Gefühle bekommen: „Jetzt müsste nur noch Rita da sein.“ Abschottung stelle er aber auch zunehmend im eigenen Dorf fest: „Die Zäune der Grundstücke werden höher – dahinter sind vollständig ausgestattete Spielplätze“ – auch eine Art von Abschottung.

Im Flensburger Bahnhof sei die Situation dieses Herbstes wie früher auf dem Dorf gewesen, erklärte nach der Veranstaltung Zuhörer Boje Maaßen: „Keine motorisierte Technologie stand zwischen den Menschen, nur der ganze Mensch trat in Erscheinung.“

Filmemacher Detlef Buck wollte eigentlich kommen, um die verhinderte dänische Autorin Janne Teller zu hören. Er berichtete, dass er sich Sorgen um die Dörfer mache – dass Flüchtlinge nun aber wieder mehr Leben bringen: „Ich habe mich sehr gefreut, als mir zwei Afrikaner mit dem Fahrrad entgegenkamen.“ Da fühlte sich ein Zuschauer aufgerufen, eine Lanze für den ländlichen Raum zu brechen: „Es gibt auch auf den Dörfern sehr gute Initiativen, wie man auf Einwanderer zugehen kann.“

Es wurden aber auch Sorgen geäußert: Dass das Land diese Integrationsleistung vielleicht doch nicht schaffe oder dass der Arbeitsmarkt zusammenbreche. Mit den Arbeitsplätzen sei das simpel, erklärte Wirtschaftsprofessor Stephan Panther: „Mehr Nachfrage schafft mehr Arbeitsplätze.“ Und noch wichtiger: Es kämen Menschen zu uns mit ganz neuen Ideen und Fertigkeiten.

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erstellt am 16.Jan.2016 | 12:00 Uhr

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