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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 03:19 Uhr

Szene Flensburg : Bunkermädel und Rock-Oma: Gerty Molzen ist wieder da

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hilke Rudolph und Maik Beta lassen das Leben der Flensburger Legende mit viel Charme Revue passieren

„Ich bin nicht schön, ich bin viel schlimmer, wer mich küsst, der wird nicht dümmer“: So dichtete und sang Margarethe Molzen, besser bekannt als Gerty, als sie in den 50er und 60er Jahren als Alleinunterhalterin durch die Seebäder an Nord- und Ostsee tingelte, um ein paar „Piepen“ zu verdienen. Jetzt gibt es ein munteres Wiedersehen und -hören mit der Frau, die viele nur noch als skurrile Rock-Oma mit einer kuriosen Version des Lou-Reed-Hits „Walk on the Wild Side“ kennen gelernt haben.

Das Unterdeck des Schifffahrtsmuseums ist rappelvoll bei der Premiere. Hilke Rudolph, seit Jahren vor allem bekannt und zum Teil gefürchtet als lokalkritische Petuh-Tante Frau Krischansen, verbindet eine besondere Beziehung mit Gerty Molzen; denn sie war es, die in den 60er Jahren mit einem Buch und einer Kolumne im Tageblatt das Petuh-Revival einleitete.

Chronologisch arbeiten sich Hilke Rudolph und Maik Beta durch das Leben der 1906 geborenen Sängerin, Kabarettistin und Schauspielerin. Die wäre lieber ein Junge geworden, hat Autor und Regisseur Stephan Jelkmann heraus gefunden, und spielte am liebsten draußen mit Ernie Bartels, zum Beispiel Fußball auf dem Schützenhof, wo man auch schon mal den Pfosten anzündete.

Dass die Molzen kein Kind von Traurigkeit gewesen sein muss, hatte man immer schon geahnt – nicht jedoch, was für ein Früchtchen sie war. Genüsslich las Hilke Rudolph aus den Zeugnissen am Lyzeum, der AVS, vor. Französisch: mangelhaft, alles andere kaum besser als genügend – mit einer Ausnahme: Singen. Da war sie immer „sehr gut“.

Später besuchte sie die berühmte Odenwaldschule, wo sie auch nicht reüssierte, wie der ausführliche Brief des Schulleiters an Vater Molzen bewies.

Den spielte, ebenso wie später ihren ersten Gesangslehrer an der Hochschule in Berlin, der junge Maik Beta. Der spielte nicht nur Klavier, sondern sang auch und war in vielen Szenen Hilke Rudolphs Spielpartner. Mit anderen Worten: Er hatte tüchtig zu tun. Der Schlaks mit der ebenso zeitlosen wie mutigen Frisur, der wie eine Mischung aus Blixa Bargeld und Franz Kafka (ein Besucher) daher kam, war die eigentliche Entdeckung des Abends. Von ihm wird man sicher in anderen Zusammenhängen noch hören.

Ausführlich widmet sich das Stück dem Thema kulturelle Truppenbetreuung, zu der auch Gerty Molzen nach Engagements unter anderem an den Opern in Koblenz und Saarbrücken verpflichtet wurde. Als „Gerty von der Waterkant“ und „Bunker-Mädel“ bemühte sie sich singend um das Seelenheil der bedauernswerten Landser. In einem ausführlichen, durchaus kritischen Exkurs wurde erläutert, wie sich deutsche Schauspiellegenden in den Dienst der Wehrmacht stellten und dabei auch noch gut verdienten.

„Vor der Kaserne, vor dem großen Tor“: Wohl jeder im Publikum hat diese Zeilen sofort im Kopf, als Maik Beta diese unsterbliche Melodie am Klavier anstimmt. Und irgendwie ist die Erwartung da, dass seine Spiel- und Vokalpartnerin zumindest eine Strophe singen würde. Tut sie nicht, genauso wenig wie am Schluss, als Gerty Molzens später kurzer Weltruhm mit der Lou-Reed-Nummer thematisiert wird. Stattdessen gibt es dann aber kurz die echte Gerty-Molzen-Stimme, zusammen mit einem kurzen Videoclip aus New York. Weitere Vorstellungen:
20. und 21. Januar

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erstellt am 14.Nov.2016 | 17:00 Uhr

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