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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 12:41 Uhr

Bewährungsstrafe für gefährlichen Messerstich

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Jahr und zehn Monate zur Bewährung: 1. Strafkammer verhandelte Streit-Eskalation in der Neustadt

Als das Urteil verkündet war, wünschte Dr. Marc Radke den Prozessbeteiligten für den Rest noch einen schönen Tag. Für den schmächtigen Mann im blauen Holzfällerhemd dürfte das hundertprozentig der Fall gewesen sein. Fünf Monate hatte er zuvor in Untersuchungshaft gesessen. Zusammen mit der quälenden Ungewissheit, wie das für einen jemenitischen Flüchtling wohl ausgehen wird mit dem Vorwurf des versuchten Totschlags vor einem deutschen Gericht. Die 1. Kammer gelangte zu einem Urteil, mit dem Mohammed O. gut leben kann. Ein Jahr und zehn Monate Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung.

Dass dies von allen Prozessbeteiligten als gutes Urteil gelobt wurde, mag mit dem Rechtsgespräch zusammenhängen, in dem Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidiger schon zu Beginn ein Tableau für diesen Fall gespannt und sich auf eine Bewährungsstrafe verständigt hatten. Allen war klar: Den Tod des Opfers hatte Mohammed O. weder gewollt noch in Kauf genommen, als er an jenem Julitag dem flüchtenden Marokkaner das Messer in den Rücken stach und die Lunge schwer verletzte. Auch das Opfer, obwohl lebensgefährlich verwundet, wurde von einer Mitschuld nicht freigestellt.

Beide waren zuvor in dem arabischen Lebensmittelmarkt aneinander geraten, in dem O. arbeitete. Der 19-jährige Marokkaner gab an, er sei von O. dort als Dieb verdächtigt worden. Die erste Eskalationsrunde in dieser Auseinandersetzung schob deshalb der 19-Jährige Marokkaner an, der, ziemlich ziemlich betrunken, dem Jemeniten eine Flasche über den Schädel zog. Dazu setzte es Schimpfkanonaden, die – so der Dolmetscher – für einen Muslim weit oberhalb der Schmerzgrenze trafen. „Das waren böse Worte.“

Das Geschehen verlagerte sich dann aus dem Markt auf die Straße Neustadt. Zeugen beobachteten, wie mittlerweile zwei Marokkaner, von Mohammed O. verfolgt, in Richtung Gasstraße rannten. Ein 47-jähriger Passant in einem Laden, Flensburger mit marokkanischen Wurzeln, wurde dort unvermittelt in das Geschehen hineingezogen. Der 24-jährige Verfolger, aus einer Kopfwunde blutend, bat den Mann um Vermittlungshilfe. „Ich war völlig schockiert“, so der Zeuge. Er wandte sich seinen beiden Landsleuten zu. „Die standen da und tranken Jägermeister. Ich fragte: Was hast du gemacht? Aber er schrie mich nur an. Da habe ich ihm eine gescheuert.“ Für den 47-Jährigen schien sich die Situation dann zu entspannen. Beide Parteien entfernten sich voneinander. Aber dann passierte es doch. Gut 100 Meter seien die Streitenden schon auseinander gewesen. Doch dann schrie der junge Marokkaner wieder und das mehrfach: „Komm doch her, du Hurensohn! Da hat der einen Blackout bekommen.“

Der Zeuge möchte noch etwas loswerden. „Ich bin selbst Marokkaner und der Angeklagte ist Jemenit, und das mit dem Messer habe ich erst später gehört. Wissen Sie, ich bin wütend auf diese Typen. Die trinken und klauen und stellen den Mädchen nach, den ganzen Tag lang. Das sind keine Vorbilder. Dieser Jemenit aber ist ein vernünftiger Mann, der für seinen Lebensunterhalt arbeitet.“ Das kann er bald wieder tun. Wie sein Verteidiger mitteilte, kann er bei seinem alten Arbeitgeber weiterarbeiten.

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erstellt am 30.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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