zur Navigation springen

Flensburger Tageblatt

27. März 2017 | 16:26 Uhr

Mittelangeln : „Beratungsgespräch muss zwingend sein“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Barbara Langlet-Ruck ist Leiterin des Bernstorff-Gymnasiums in Satrup - die fehlende Schulart-Empfehlung sieht sie kritisch.

Mittelangeln | Seit zwei Jahren geben die Grundschulen nach der vierten Klasse keine Schulart-Empfehlung mehr. Die Eltern entscheiden alleine, welche weiterführende Schule ihr Kind ab der 5. Klasse besuchen soll. Dr. Barbara Langlet-Ruck, die Leiterin des Satruper Bernstorff-Gymnasiums mit derzeit 920 Schülern und stellvertretende Landesvorsitzende des Philologenverbandes, sieht das neue Verfahren kritisch.


Bis vor zwei Jahren gab es nach dem vierten Schuljahr von der Grundschule eine Schulart- Empfehlung. Hatte sich das System bewährt?
Langlet-Ruck: Ja, das System hatte sich bewährt. Für Schüler mit einer Schulart-Empfehlung für die Realschule – heute die Gemeinschaftsschule–, die zum Gymnasium wechseln wollten, war für die Eltern dort ein Beratungsgespräch bindend vorgeschrieben. Schüler mit einer Hauptschulempfehlung konnten nicht auf ein Gymnasium wechseln.


Aus welchem Grund wurde vom Bildungsministerium die Schulart-Empfehlung aufgehoben?
Das Ministerium ist der Meinung, dass sich die Grundschullehrerinnen in ihren Empfehlungen irren können und dass Kinder aus bildungsnahen Schichten eher eine gymnasiale Empfehlung bekommen als Kinder aus bildungsfernen Schichten.


Hat sich die Zahl der Anmeldungen für das Gymnasium in den vergangenen zwei Jahren erhöht?

Wir haben etwa 30 Schüler mehr und sind dadurch fünfzügig geworden.

Haben Sie und Ihre Kollegen festgestellt, dass mehr Schüler in der Orientierungsstufe überfordert sind als früher?
Diese Frage muss ich leider mit Ja beantworten. Gerade wurde im fünften Jahrgang eine Parallelarbeit in Mathematik geschrieben. Die Zahl der Schüler mit nicht ausreichenden Kenntnissen hat deutlich zugenommen. Das stellen wir auch in den Fächern Deutsch und Englisch fest.


Welche Auswirkungen hat die Überforderung für die Schüler?
Die Kinder sind enttäuscht, ihre Motivation lässt nach. Sie entwickeln ein Ausweichverhalten, stören den Unterricht oder neigen gänzlich zur Arbeitsverweigerung. Eine Entwicklung, die selbstverständlich auch uns Pädagogen traurig macht.

 

Wie geht die Schule mit überforderten Schülern um? Gibt es Hilfsangebote?
Da der Wegfall der Schulart-Empfehlung zeitig bekannt war, haben wir uns im Rahmen interner Lehrerfortbildungen intensiv mit der Thematik beschäftigt und auch mit Michael Felten von der Uni Köln einen Fachmann zu Rate gezogen. Hinzu kommen pädagogische Arbeitskreise in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch. Wir haben Konzepte erarbeitet, wie mit einer größeren Leistungsbreite umgegangen werden kann. Hinzu kommt, dass wir Förderkurse eingerichtet haben, die für schwache Schüler Pflicht sind, und dass wir in kleineren Gruppen in den Klassen arbeiten. Alle diese zusätzlichen pädagogischen Maßnahmen leisten wir ohne zusätzliche personelle Ressourcen.


Haben zu viele überforderte Schüler in einer Klasse Auswirkungen auf die anderen Schüler?
Wir haben durch das Schulgesetz einen klaren Bildungsauftrag mit der Vorgabe für das Gymnasium, unsere Schüler auf das wissenschaftliche Studium vorzubereiten. Diese Vorgabe ist in diesem Jahr noch einmal in einer Broschüre des Bildungsministeriums unterstrichen worden. Das heißt für uns konkret, dass wir die bildungsstärkeren Schüler nicht vernachlässigen dürfen. Das gelingt uns gut.


Machen Sie Eltern deutlich, dass ihr Kind auf dem Gymnasium überfordert sein wird?
Ein Beratungsgespräch ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben. Leider muss ich feststellen, dass gerade Eltern von schwachen Grundschulabgängern die Gelegenheit zum Gespräch kaum nutzen.

 

Wie reagieren Eltern, wenn Sie auf das mangelnde Leistungsvermögen ihres Kindes angesprochen werden?
Wenn das Kind an unserem Gymnasium ist und wir bereits in den ersten pädagogischen Konferenzen nach den Herbstferien deutliche Schwächen feststellen und sich diese im ersten Halbjahreszeugnis mit schlechten Zensuren manifestieren, nehmen wir umgehend Kontakt mit den Eltern auf. Die Verordnung verlangt, dass die Kinder die Orientierungsstufe durchlaufen und nach der sechsten Klasse dann entschieden wird, in welcher Schule das Kind besser aufgehoben ist. Ist im Zeugnis mehr als eine Fünf, wird der Schüler zur Gemeinschaftsschule versetzt. Meine Erfahrung ist, dass viele Eltern eher abwarten und hoffen, dass sich ihr Kind positiv entwickelt, dabei aber vergessen, dass ihr Kind in den zwei Jahren zu viele negative Erfahrungen sammeln könnte.


Wie lautet Ihr Vorschlag zur Schulart-Empfehlung?
Das frühere System hatte sich bewährt. Die Grundschule gibt eine abschlussbezogene Schulartempfehlung ab und das Beratungsgespräch muss zwingend sein, wenn keine deutliche Gymnasialempfehlung vorliegt.


Stimmen Sie Prof. Klemm von der Uni Köln zu, der ein Aufteilen der Kinder nach der vierten Klasse für zu früh hält?
Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass längeres gemeinsames Lernen keinen zusätzlichen Lernerfolg bringt. Weder die Leistungsschwachen noch die Leistungsstarken profitieren vom längeren gemeinsamen Lernen. Ein Aufteilen nach der vierten Klasse halte ich für angemessen, damit die Kinder in einigermaßen homogenen Lerngruppen zu den ihnen gemäßen Abschlüssen, in unserem Fall zum Abitur, geführt werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen