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Flensburger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 13:44 Uhr

Nach Ablauf der Frist am Harniskai : Barrikaden an der Luftschlossfabrik: Wird heute geräumt?

vom

Bewohner der Luftschlossfabrik am Harniskai sichern ihr Terrain mit Gräben, Wällen und anderen Hindernissen an den Eingängen. Eins ist klar: Wenn die Stadt das Gelände räumt, wird es nicht ohne Probleme von sich gehen.

Flensburg | Nach zweieinhalb Jahren Duldung geht das Projekt „Luftschlossfabrik“ in seine finale Phase. Finale Phase heißt: Räumung des Geländes am Harniskai. Keiner der Bewohner weiß genau, wann es passieren wird – und die Stadt gibt den Termin aus gutem Grund nicht preis.

Nach dem Reinfall mit der Fertigung von Luftbooten durch die Firma Highship Ltd. und der Besetzung des Geländes durch eine Gruppe Alternativer, die dort ein Wohn- und Kulturprojekt realisiert haben, droht nach der Räumung erneut Stillstand an der Harniskai-Spitze. Die Stadt hat sich bisher nicht geäußert, wie das Gelände weiter genutzt werden soll.

Es ist möglich, dass die Behörden die Beschlusslage des Hauptausschusses morgen noch abwarten, doch Insider rechnen damit, dass der Gerichtsvollzieher mit adäquater Verstärkung schon am Montag anrücken wird. Seit Mitternacht ist die Frist, das Gelände zu verlassen, verstrichen „Wir sind auf alles vorbereitet“, sagt Sarah Leichnitz, Sprecherin des alternativen Wohnprojekts, und ein Kollege ergänzt: „Wir werden unseren Freiraum verteidigen.“

Sarah Leichnitz
Sarah Leichnitz Foto: Dommasch

Derzeit gibt es 15 Bewohner auf dem Areal, auf dem die Firma Highship Ltd. mit ihrer angeblich geplanten Fertigung von Luftbooten so grandios scheiterte und für das es noch keine Nachnutzung gibt. Doch die Zahl der Unterstützer ist weitaus höher. Am späten Sonnabend war ein rundes Dutzend Vermummter damit beschäftigt, an einem der Eingänge zur Luftschlossfabrik einen Graben auszuheben und einen Wall zu errichten, um das Eindringen ungebetener Gäste auf vier Rädern zu verhindern. Zwei Zufahrten sind massiv verbarrikadiert, mit Holzpaletten, Platten und allerlei Gerümpel, nach dem man auf dem teilweise von großen Planen verdeckten Gelände nicht lange suchen muss.

Das Gelände am Harniskai ist Samstagabend mit Planen verhängt worden.

Das Gelände am Harniskai ist Samstagabend mit Planen verhängt worden.

Foto: Lippmann

Angeblich wurden auch Steine aus der Straße gerissen – Zivilbeamte sollen das Geschehen beobachtet haben, wie Zeugen berichten. Doch die Polizei sei nicht eingeschritten. Offenbar um eine frühe Eskalation der Lage zu verhindern. Das ist auch im Sinne von Sarah Leichnitz, die immer noch darauf hofft, dass eine Räumung vermieden werden kann. „Es gibt keinen zivilrechtlichen Räumungstitel der Stadt“, sagt sie und verweist dabei auf Aussagen des Hamburger Rechtsbeistands der Gruppe. Sollte es dennoch dazu kommen, sei passiver Widerstand erwünscht. Die Mehrzahl der Bewohner rechnet damit.

Ein Indiz: Viele bringen ihr Hab und Gut auf die sichere Seite. Wertsachen wie etwa Werkzeug, das Tonstudio, Elektronik oder die Skater-Anlage werden peu à peu abtransportiert, ebenso einige Bauwagen. So sind rund zehn Fahrzeuge, Anhänger, Eigenbauten und Wohnwagen wurden von den Bewohnern seit Samstag vom Gelände der Luftschlossfabrik mit Zugfahrzeugen auf ein freies Gelände am Harnis (neben Jacob Cement) gezogen.

Kein Blick mehr aufs Gelände. Das Ultimatum der Stadt ist am Sonntag abgelaufen.
Kein Blick mehr aufs Gelände. Das Ultimatum der Stadt ist am Sonntag abgelaufen. Foto: Peter Traunstein
 

Inmitten des Geländes haben die Bewohner Holz, Stoff und andere brennbare Gegenstände zusammengetragen – das Sammelsurium erinnert an einen Scheiterhaufen. Sarah Leichnitz kann oder will den Sinn der Konstruktion nicht erschöpfend erklären, aber sie stellt fest: „Angezündet wird hier nichts!“ Auch sollen sämtliche Kraftfahrzeuge bis morgen entfernt werden. „Das ist uns  zu brisant, falls es zu Zusammenstößen kommen sollte.“

Die Begrüßung fällt alles andere als herzlich aus: Die Aktivisten am Harniskai rufen zum passiven Widerstand auf.
Die Begrüßung fällt alles andere als herzlich aus: Die Aktivisten am Harniskai rufen zum passiven Widerstand auf. Foto: Dommasch
 

Doch Konfrontation solle vermieden werden. Einer der Eingänge stand bis gestern noch weit offen. Immer mal wieder lassen sich Besucher blicken. „Wir laden Fußgänger herzlich ein, sich ein Bild von der Lage zu machen“, sagt die Sprecherin der Aktivisten und breitet die Arme aus. Trillerpfeifen, Rasseln und „alles, was irgendwie Lärm macht“ dürfe gern mitgenommen werden.

Die Jusos in Flensburg haben sich derweil von der Luftschlossfabrik distanziert. Bisher habe man sich für den Erhalt als alternatives Kunst- und Kulturzentrum stark gemacht. Die Verbarrikadierung, Vorhänge mit der Aufschrift „Fickt euch ihr Bullen!“ und der Aufruf auf linken Internetseiten, das Gelände mit Hilfe von „Troublemakern“ verteidigen zu wollen, sei Grund genug, sich von den Geschehnissen zu distanzieren. Das sagte der Kreisvorsitzende der Jusos in der SPD, Tiemo Olesen. „Wir stehen für rechtsstaatliches Handeln und lehnen den Staat nicht ab. Denn das ist leider die Botschaft, die die Geschehnisse nach außen dringen lässt.“ Eine Teilnahme der Jusos Flensburg an einer Demonstration für den Erhalt der Luftschlossfabrik am Montag um 16 Uhr wurde abgesagt. „Wir stehen nach wie vor für ein solches Kulturprojekt. Die derzeitigen Entwicklungen tragen wir allerdings keinesfalls mit“, sagt Olesen.

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erstellt am 01.Feb.2016 | 08:00 Uhr

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