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Flensburger Tageblatt

28. Mai 2016 | 02:04 Uhr

Marschbahn, Fehmarnbeltanschluss : Bahn-Ideen für SH: Von Flensburg nach Hamburg in 90 Minuten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nordfriesland, Schleswig, Flensburg - „abgehängt“, sagt NEG-Chef Ingo Dewald. Ohne Marschbahn gehe es schneller.

Flensburg | Wenn sich der Vorschlag durchsetzt, wird der Bahnverkehr im nördlichen Landesteil auf den Kopf gestellt. Um schnellere Bahnverbindungen zu ermöglichen, schlägt der Chef der Norddeutschen Eisenbahn Gesellschaft (NEG) in Niebüll, Ingo Dewald, die Abkehr von der Westküstenbahn - auch als Marschbahn bekannt - vor. Der hochwertige Zugverkehr soll umgeleitet werden auf die Strecke Flensburg-Hamburg. Ergebnis: schnellere Verbindungen. Voraussetzung: der Ausbau der stillgelegten Strecke Flensburg-Weiche–Lindholm-Niebüll. Finanzierung: mittels Windkraft. Mit diesem Thema begann eine Vortragsreihe der IHK Flensburg über die Machbarkeit der modernen Bahn im Norden.

Langsame Verbindungen, schlechte Anschlüsse, Strecken ohne Elektrifizierung: Der Bahnverkehr im Land ist eins der großen Infrastrukturprobleme Schleswig-Holsteins. Die Idee könnte auf der Strecke von Hamburg nach Flensburg und Nordfriesland wertvolle Zeit für Pendler und Touristen sparen.

Wir zeigen die Bahntrassen, um die es geht, auf einer Karte: Die roten Punkte markieren die wichtigsten Stationen der Linie Hamburg-Flensburg, die blauen die der Marschbahn (Westküsttenbahn). Die gelben Punkte markieren Stationen der stillgelegten Strecke Flensburg - Niebüll.

Eher spöttisch nutzt Ingo Dewald den touristischen Slogan von der „Langsamzeit“ in Schleswig-Holstein, wenn er die aktuelle Bahnsituation beschreibt: Zwei Stunden und drei Minuten braucht ein Zug von Flensburg nach Hamburg, fast zweieinhalb Stunden die Bahn von Niebüll nach Hamburg.

Dewalds Schlussfolgerung: „Derzeit sind der Landesteil Schleswig mit den wichtigen Feriengebieten Nordfrieslands und der Stadt Flensburg sowie das dänische Jütland von der Metropolregion Hamburg weitestgehend abgehängt.“ Dies schade Tourismus und Wirtschaft im Norden.

Oberstes Ziel müssten schnellere Verbindungen sein. Konkret bedeute dies: Die Fahrzeiten zwischen Flensburg und Hamburg müssen um 30 Minuten verkürzt werden. Dies erscheint möglich.

Für eine schnelle, attraktive Zugverbindung ist die Westküstenbahn mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h eine zu langsame Trasse. Ingo Dewald macht den Vorschlag, die schnellen Züge von der Westküstenbahn herüber zu leiten auf die Hauptstrecke Flensburg-Hamburg. Fahrzeit auf der Marschbahn jetzt: zwei Stunden, 24 Minuten. Mögliche Fahrzeit Niebüll-Flensburg-Hamburg: zwei Stunden, zehn Minuten.

Denn die Hauptstrecke Flensburg-Hamburg lässt eine Höchstgeschwindigkeit von Tempo 160 zu. Mit der Eröffnung der Fehmarnbeltquerung werden auf der Route Kapazitäten frei. Außerdem sei durch fahrplantechnische Verbesserungen eine Reisezeit von einer Stunde und 30 Minuten zu erreichen. Jetzt: zwei Stunden, vier Minuten.

Wichtige Voraussetzung für die Pläne: Um die Züge von der Westküstenbahn zur Hauptstrecke Flensburg-Hamburg zu leiten, muss die Nebenbahn Niebüll-Flensburg – stillgelegt 1981 – umfassend ausgebaut werden. Das bedeute auch die Elektrifizierung.

Das passt zu den Plänen, die in Flensburg auf dem Tisch sind. Ein Gutachten beschreibt die Voraussetzungen für den Neubau eines Flensburger Bahnhofes. Darin ist die Reaktivierung der Strecke Niebüll-Flensburg benannt.

Bleibt die Frage nach den Kosten. Der Niebüller Bahnchef veranschlagt sie mit rund 65 Millionen Euro. Für die Renovierung der Strecke Flensburg-Niebüll sieht Dewald einen Bedarf von 20 Millionen Euro. Das gleiche koste deren Elektrifizierung. Den Bau der elektrischen Oberleitung als Voraussetzung für den Einsatz schneller Elektrolokomotiven sieht Dewald zwischen Niebüll und Westerland. Kosten: 25 Millionen Euro. Über eine Fortführung der modernisierten Strecke bis nach Kiel sei später nachzudenken.

Ingo Dewald
Ingo Dewald

Für den Ausbau der Strecke Flensburg-Niebüll-Westerland sieht Ingo Dewald die Problemlösung direkt vor der Haustür: durch Nutzung der Windkraft für den elektrischen Antrieb der Züge.

Auf 20 Millionen Euro schätzt Dewald den Anteil der Kosten für Treibstoff, die das Land jährlich den Bahnfirmen  aus dem Topf der Nahverkehrsmittel überweist. Durch die Nutzung der Windkraft könne die Summe eingespart und für die Modernisierung der Bahnstrecke Flensburg-Niebüll verwendet werden.

Einfach einen Bürgerwindpark neben eine Bahnstrecke stellen und den Strom von den Mühlen in den elektrischen Fahrdraht einspeisen? So einfach ist es nicht, warnt Arnd Stephan, Wissenschaftler für Bahnverlehr an der Technischen Hochschule Dresden. Er war von Ingo Dewald gebeten worden, in einem Vortrag über die Voraussetzungen für den elektrischen Bahnverkehr insbesondere  im Norden Schleswig-Holsteins zu sprechen. Stephan stellte eine Einschätzung klar: Bahnen unter Strom seinen nicht attraktiv aus ökologischen Gründen, sondern wegen ihrer hohen Leistung. Nichts sei so effizient wie der Einsatz elektrischer Lokomotiven. Allerdings: Die technischen Voraussetzungen seien nicht einfach zu bewältigen.

So seien die großen Energiemengen, die elektrische Loks aus der Oberleitung ziehen, nur schwer über Windparks bereit zu stellen. Die Regelung sei kompliziert und aufwendig. Ideal sei die Einspeisung der Windenergie in die großen, überregionalen  Netze, die dann die Speisung der Bahn vornähmen.  Blieben noch Restmengen, könnten die zur Erzeugung von Wasserstoff und der für den Antrieb von Fahrzeugen mit Brennstoffzelle genutzt werden.

Stephan stellte klar: Elektrifiziert werde nur, wo es wirtschaftlich sei. Sei die Energie günstiger und nutzen mehr Fahrgäste die attraktiveren Züge, verbessere sich die Wirtschaftlichkeit. Dies sei allerdings von Profis zu berechnen.

Technische Detailfrage: Funktioniere denn eine elektrische Oberleitung auf dem Hindenburgdamm? Tatsächlich seien die Stromleitungen windanfällig. Der Nachteil sei aber mit kürzeren Abständen der Fahrleitungsmasten und stärkeren Fundamenten auszugleichen. Solche aufwendigeren technischen Lösungen verursachten aber höhere Kosten.

Theoretisch machbar, zog Ingo Dewald sein Fazit aus dem Vortrag. Und: „Ich gehe mit einem gewissen Optimismus aus diesem Abend.“


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erstellt am 19.Feb.2016 | 09:39 Uhr

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