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Flensburger Tageblatt

25. August 2016 | 18:40 Uhr

Viele Sprachen in Flensburg : Babylon am Alten Gym

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

18 Flensburger Schüler sind „Probanden“ einer Studie der Uni Hamburg zur Mehrsprachigkeit – die Schule ist eine von sechs im Land

Die 13-jährige Virginia Sawizki stammt aus der Ukraine. 2013 zog sie nach Deutschland, jetzt besucht sie die siebte Klasse am Alten Gymnasium. Ihr Weg dorthin führte über das Daz-Zentrum der Schule. „DaZ“ steht für Deutsch als Zweitsprache. Virginia ist russisch-sprachig aufgewachsen, spricht zu Hause weiterhin in ihrer Muttersprache und hat in Windeseile Deutsch gelernt, so dass sie inzwischen vollständig in den Unterricht am Alten Gym integriert ist. Für eine wissenschaftliche Studie, an der das Alte Gym seit Jahresbeginn beteiligt ist, sei eine Schülerin wie Virginia genau die Richtige, sagt Susanne Yalim, Daz-Lehrerin am Alten Gym und Kreisfachberaterin.

„MEZ“ ist die Abkürzung für das Projekt der Universität Hamburg, das dem Bundesbildungsministerium eine Förderung mit 3,26 Millionen Euro wert ist. MEZ hat nichts mit mitteleuropäischer Zeit zu tun, sondern steht für „Mehrsprachigkeitsentwicklung im Zeitverlauf“.

Eine der Leitfragen lautet: Welche sprachlichen, personalen und kontextuellen Bedingungen beeinflussen die Aneignung von Mehrsprachigkeit positiv oder negativ? Darüber hinaus werden die Veränderungen und Wechselbeziehungen dieser Bedingungen untersucht. Das geht aus einer Projektbeschreibung hervor. Ziel ist demnach, die Bedingungen zu bestimmen, welche die Bildungschancen mehrsprachig aufwachsender Kinder erhöhen. Die Leitung des interdisziplinären Teams hat die Professorin Ingrid Gogolin von der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Uni Hamburg. Die Studie ist auf fünf Jahre angelegt und endet im September 2019.

In diesem Zeitraum wollen die Forscher 1800 Schüler in 80 Schulen unter die Lupe nehmen. Insgesamt sechs Schulen aus Schleswig-Holstein sind derzeit dabei, das Alte Gym ist die einzige Schule aus Flensburg, weiß Thorsten Klinger von der Uni Hamburg.

Viele der Schüler haben Interesse angemeldet, berichtet Jan-Christian Schwarz, Lehrer am Alten Gym und kommissarischer Mittelstufenleiter. Allerdings kommen nur Mädchen und Jungen der Klassenstufen sieben und neun in Frage, die zudem mit Russisch oder Türkisch als Muttersprache aufgewachsen sind – oder monolingual mit Deutsch. Von den 18 Teilnehmern am Alten Gymnasium gehören 16 der Kontrollgruppe an mit deutscher Muttersprache und zwei der bilingualen Gruppe. Neben Virginia ist das die 15-jährige Jana Döring. Sie hat einen deutschen Vater und eine weißrussische Mutter. Auf die hat Jana gehört, als sie zu Hause von der Studie erzählte. Denn mit den Erkenntnissen könne man anderen Schülern vielleicht helfen, sagte sie und ermunterte die Tochter, sich zu beteiligen. „Es ist teilweise so, dass ich in einem Satz zwei Sprachen benutze“, schildert die Neuntklässlerin, die regelmäßig über Skype und Telefon Kontakt zu ihrer Verwandtschaft in Minsk hält.

Die erste Testung, wie es im Forscher-Vokabular heißt, sei im Januar am Alten Gymnasium durchgeführt worden, sagt Jan-Christian Schwarz, die zweite vor wenigen Tagen. Jana Döring nennt Übungen fürs Leseverständnis auf Deutsch, ihre Mitschülerin Julie Gollek (15 und monolingual) Lückentexte und Aufgaben in verschiedenen Sprachen als Beispiele.

Irina Usanova, die bei der Studienleiterin Gogolin promoviert, ist zuständig für die „Instrumentenentwicklung“. Dazu zählen Fragebögen und Tests. Einen Teil der Stichproben, sagt Usanova, die selbst aus dem sibirischen Omsk kommt, führt die Uni Hamburg selbst aus. Andere werden delegiert. Über die konkreten Fragen und Inhalte auf den Bögen darf Usanova nicht mehr verraten, nur so viel, dass etwa auch auf Russisch geschrieben, gelesen werde und Fragen beantwortet werden müssen. Sie sagt, dass unterschiedliche Schwerpunkte abgefragt würden und als Ziel die Erhöhung von Bildungschancen verfolgt werde. In der Forschung der „Mehrschriftigkeit“, wie Usanova es lieber ausdrücken würde, werde noch diskutiert, ob Bilingualität von Vorteil für den Bildungserfolg ist oder nicht. Das Besondere der Studie sei, „dass wir alle Sprachen untersuchen“. So werde nicht nur der Einfluss auf das Deutsche betrachtet, betont Usanova, sondern auch auf die Fremdsprachen.

Teilnehmende Schulen können durch die Studie Erkenntnisse gewinnen, wie der Unterricht besser gestaltet werden kann für Kinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, sagt Susanne Yalim vom Daz-Zentrum, und, was jeder Lehrer dafür tun kann. Und Jan-Christian Schwarz ergänzt, dass das Alte Gymnasium schließlich ausnahmslos alle Schüler zum Schulabschluss führen möchte.

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erstellt am 17.Feb.2016 | 12:03 Uhr

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