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Flensburger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 12:38 Uhr

Auge in Auge mit dem Kunden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stefan Schmidt ist Rollstuhlfahrer und arbeitet in der Gastronomie – mit seiner Geschichte möchte er ein positives Zeichen setzen

Von seiner Behinderung hat Stefan Schmidt schon oft erzählen müssen. „Krebs im Endstadium“, so sagt der 28-Jährige, lautete die Hiobsbotschaft im Alter von vier Monaten. „Lauter Fehldiagnosen“, Chemotherapie und die zu späte richtige Erkenntnis sorgten dafür, dass sein Rückenmark irreparablen Schaden nahm und er seither im Rollstuhl sitzt. Das Paradoxe: Wenn er davon erzählt, dann haben die Leute ihn vorher danach gefragt. Und gefragt zu werden, findet Schmidt 1000 Mal besser als angestarrt.

„Ich habe mich arrangiert“, sagt Stefan Schmidt gerade heraus und wünscht sich weder Mitleid noch „extreme Sonderbehandlung“. So zögerte er nicht, als die Freundin seines jüngeren Bruders ihn vor Wochen anregte, über einen Nebenjob in der Gastro Lounge nachzudenken, gleich neben dem verwandten Gastro Burger in der Großen Straße. „Warum soll ich nicht arbeiten“, fragte der Rollstuhlfahrer zurück. Mit seinem 25-jährigen Bruder Christian Schmidt und dessen Freundin Caroline Kuvecke wohnt er zusammen in einer großen Wohnung in Mürwik – da sind 450 Euro zum Bafög dazu willkommen. Caro und Christian sind unter anderem für den Einkauf der beiden Lokale zuständig; der dänische Geschäftsführer des jungen Unternehmens mit insgesamt 20 Mitarbeitern war sofort einverstanden. „Einen besseren Kerl für den Posten als Servicekraft hätten wir nicht finden können“, schwärmt Christian Schmidt, der in Flensburg studiert. „Und die Resonanz der Kunden ist überwältigend.“ Stammgäste sagten, das mache den Laden sympathischer, fügt er hinzu.

So ist sein großer Bruder seit Juni nicht nur für den Service an 13 Tischen zuständig, sondern auch „für das Entertainment“. Stefan – oder „Steve“, wie es auf seinem schwarzen Dienstshirt steht – zeigt auf einen kleinen Tisch mit Wischlappen und nennt das augenzwinkernd sein Büro. Mit dem Job erfüllt sich der Ost-Holsteiner, der sich „hauptberuflich“ zum Erzieher ausbilden lässt, durchaus einen Traum: Er gehöre irgendwie in die Gastronomie rein. „Hier draußen bin ich der Boss“, sagt er selbstbewusst und berichtet von mindestens 20 Gästen, die ihn bislang gefragt hätten, ob ihm die Lounge gehöre.

Doch es geht auch umgekehrt: Manche Kunden verneinten schon seine Frage, ob sie bestellen möchten, als er mit Ipad auf sie zukam. Später mussten sie feststellen, dass hier Steve im Rollstuhl die Bestellungen aufnimmt. „Ich weiß, dass Leute Berührungsängste haben“, sagt er einfühlsam und weist darauf hin, dass gerade hier, wenn seine Gäste an den Tischen sitzen, man einander „Auge in Auge“ begegne. Mit seiner kommunikativen Art vermag er Ängste sicher zu nehmen. „Man darf nie denken, Du bist ausgeschlossen“, betont Schmidt. Doch ärgert er sich zugleich über Ignoranten, die das „Fass Inklusion aufgemacht haben“ und nicht mitdenken – angefangen beim Finanzminister in Berlin, der doch nicht mit seiner Brille auf die Dinge blickte. Oder bei jemandem in Flensburg, der ihm und seinem Bruder eine Wohnung als „barrierefrei“ vermieten wollte – mit Stufen und Badewanne. „Inklusion“, sagt Stefan Schmidt, „das betrifft auch Opis mit Rollator und Mütter mit Kinderwagen.“ Er wünscht sich, dass das Land aufwacht und „uns alle akzeptiert, alle mit Handicap“.

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erstellt am 22.Aug.2016 | 07:02 Uhr

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