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Flensburger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 14:44 Uhr

Flensburg-Mürwik : Aufräumen mit der Vergangenheit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Marineschule gestaltet Aula um / 100 Jahre nach der Skagerrakschlacht gedenken Briten und Deutsche gemeinsam

Für die Rekruten an der Marineschule Mürwik ist heute ein Tag, den sie nicht vergessen werden. Stolz werden sie sein, wenn sie am Vormittag ihre Offizierspatente überreicht bekommen. Doch die Kadetten der Crew VII/2015 werden nicht die einzigen mit stolz geschwellter Brust sein. Obwohl die Abschlussveranstaltungen der Lehrgänge jährlich stattfänden, sei diese Feier „für die Deutsche Marine etwas ganz Besonderes“, sagt ihr Chef, Flottillenadmiral Carsten Stawitzki. Und das aus gleich drei Gründen.

Das Ende des Lehrgangs, der im Juli letzten Jahres begonnen hatte, ist per se ein Grund zum Feiern. Diesmal aber wird Stawitzki, Kommandeur der Marineschule, prominente Unterstützung haben, wenn er die Offizierspatente überreicht.

100 Jahre wird es am kommenden Dienstag her sein, dass in der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht des Ersten Weltkrieges, 8645 Soldaten ihr Leben verloren. 2551 deutsche und 6094 britische Soldaten fielen, als sich am 31. Mai 1916 im Skagerrak die deutsche Hochseeflotte und die britische „Grand Fleet“ der Royal Navy gegenüber standen.

Heute werden die ehemaligen Feinde als Freunde an die Schlacht erinnern. Flottillenadmiral Stawitzki hat den Kommandeur des Britannia Royal Naval College (das britische Gegenstück zur Marineschule), Captain Henry Duffy, mit einer Fahnenabordnung eingeladen. Auch der Enkel des damaligen britischen Befehlshabers Admiral John Jellicoe wird bei der Feier anwesend sein. „Die deutsche und britische Flagge Seite an Seite werden symbolisieren, was wir heute sind“, sagt Stawitzki: „Allierte und Freunde.“

Wenn die Freunde wieder in ihre Heimat gereist sind und die Kadetten Mürwik verlassen haben, beginnt für die Marineschule eine neue Ära. Die Aula bekommt ein neues Erscheinungsbild. Es ist ein sensibles Thema innerhalb der Marine. Lange wurde intern diskutiert, allein der „Findungs- und Entscheidungsprozess“, wie Stawitzki es formuliert, „dauerte zwei Jahre. Der symbolische Kern der Umgestaltung wird das Umdrehen der Bestuhlung um 180 Grad sein“, erklärt der Kommandeur. Bisher blicken die Soldaten und Gäste auf die Namenstafeln der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. „Wir werden dem Ersten Weltkrieg und den in Holz gemeißelten Kampfansagen des Revanchismus („exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor“ – „Aus unseren Knochen soll ein Rächer entstehen“; Anm. d. Red.) im 100. Jahr der Seeschlacht im Skagerrak den Rücken kehren“, erklärt der Kommandeur. „Diese Zeit lassen wir hinter uns.“

Die Frontseite soll künftig ein Gemälde zieren. Zeigen soll es Offizieranwärter, die auf dem Oberdeck der „Gorch Fock“ im Segelmanöver arbeiten. Ein Vorschlag, der aus Reihen der jungen Soldaten kam.

Die Umgestaltung der Aula wird sukzessive erfolgen. Dafür haben sich Stawitzki und seine Mitstreiter einen Spannungsbogen überlegt. In sechs Schritten wird sich die Aula verändern. Beispielsweise wird am 20. Juli, dem Tag des Widerstandes, eine Büste des Korvettenkapitäns Alfred Kranzfelder aufgestellt. Er gehörte zum Umfeld des Widerstandes und wurde nach seiner Verurteilung in einem Schauprozess durch den Volksgerichtshof noch am selben Tag in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

„Die Aula ist in ihren Aussagen im Jahr 1945 stehengeblieben“, sagt Stawitzki. „Mit der Büste wollen wir einen Gegenpol setzen.“ Einerseits ginge es um diejenigen, die „tapfer auf See gekämpft haben. Andererseits um diejenigen, die ihrem Gewissen gefolgt sind.“ Vier Admiräle – Karl Rudolf Bromme (erster Flottenchef 1848 unter Schwarz-Rot-Gold), Albrecht von Stosch (erster Chef der preußischen Admiralität 1871), Rolf Johannesson (der in vier verschiedenen System von der Kaiserlichen Marine, über die Reichs- zur Kriegsmarine bis hin zur Bundesmarine diente) und Dieter Wellershoff (erst Inspekteur der Marine und dann Generalinspekteur der Bundeswehr) – und ein Korvettenkapitän. „Das Gewissen ist unabhängig von Dienstgrad.“

Am Volkstrauertag 2017 sollen die Änderungen mit dem Gedenken an die Toten der Marine seit 1945 abgeschlossen sein. Aber schon im Mai nächsten Jahres soll „die Aula im Kern soweit sein, wie sie aussehen soll“, sagt Flottillenadmiral Stawitzki. Wenn alles gut läuft, kann die Crew VII/2016 ihre Verabschiedung dann in einer Aula im neuen Gewand feiern.

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erstellt am 27.Mai.2016 | 18:00 Uhr

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