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Kulturszene Flensburg : Auf Tuchfühlung mit den Klassik-Stars

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Brita Schmitz-Hübsch hat viele berühmte Musiker nach Flensburg geholt: Nach 20 Jahren an der Spitze des Vereins der Musikfreunde zieht sie sich jetzt zurück.

Einmal musste sie Albrecht Mayer einen Knopf annähen. Die Geigerin Midori übte nach einem Konzert stundenlang im Kinderzimmer ihres Hauses. Nicht alle Erinnerungen, die sie an zahlreiche Musiker hat, sind für die Öffentlichkeit bestimmt. Nach 20 Jahren an der Spitze des Vereins der Musikfreunde gibt Brita Schmitz-Hübsch, die im Sommer 75 wird, den Vorsitz des unter ihr stark gewachsenen Vereins ab. Heute wird als ihr Nachfolger voraussichtlich Jochen Frank gewählt. Das Tageblatt sprach mit ihr über Künstler und Konzerte.

Sie haben vor kurzem zum letzten Mal einer Künstlerin auf der Bühne Blumen überreicht. In welcher Erinnerung werden Sie Anna Vinnitskaya behalten?

In sehr guter Erinnerung. Ich hatte sie 2011 im Sinfoniekonzert gehört, und wie sie da so scheinbar mühelos den Brahms spielte, diese zierliche Person, dachte ich, da sitzt Clara Schumann. Die müsste man mal holen. Wir sind etwas zurückhaltend mit Klavier-Solisten, weil wir immer einen Flügel in Hamburg beschaffen müssen, das ist sehr teuer. Aber es war mein letztes Konzert, da hat das Kuratorium gesagt, ich dürfte mir etwas aussuchen. Da habe ich mir Anna Vinnitskaya gewünscht. Und ihr musikalischer Auftritt war wirklich überzeugend.

Bei dem Konzert musste der Klavierstimmer Carsten Lappe in der Pause nochmal dem Instrument zu Leibe rücken; die Pianistin hatte ein leises Quietschen im linken Pedal gehört. Auch habe der Flügel ganz leicht schräg gestanden. Aber geschenkt: Publikum und Kritiker waren hingerissen.

Wer waren die ersten Künstler, die Sie 1997 gebucht haben?

Als ich gewählt wurde, war die nächste Saison schon fertig. Als ersten Künstler habe ich Lars Vogt gebucht, dann Matthias Janz und Thomas Jensen und das Petersen Quartett, alle für die Saison 1998/99. Vogt musste dann leider absagen, für ihn kam Jan Gottlieb Jiracek.

Welche Musiker haben Sie am nachhaltigsten beeindruckt?

Ich wusste, dass so eine Frage kommt. Aber ich tu den anderen Musikern unrecht, wenn ich einige heraushebe. Man kann sagen, welche das Publikum am meisten begeistert haben. Allen voran Dorothea Röschmann, die haben wir zweimal gehabt, Sabine Meyer, auch internationale Klasse, Midori - es sind enorm gute Leute hier gewesen, die Schwestern Skride, der Cellist Daniel Müller-Schott, das Juillard Quartett.

Wen hätten Sie gern gehabt?

Daniel Hope zusammen mit Sebastian Knauer. Da haben die Eckernförder Musikfreunde versucht, die Beiden für zwei Auftritte zu buchen. Das scheiterte am Ende aber an unterschiedlichen finanziellen Vorstellungen.

Gab es besonders anspruchsvolle Künstler, die Ihnen schlaflose Nächte vor dem Auftritt bescherten?

Im Großen und Ganzen waren unsere Musiker alle angenehm zu haben. Der Bühnenleiter des Theaters, der mit den Künstlern die Positionierung der Instrumente und die Beleuchtung bespricht, war immer sehr angetan von der Professionalität der Musiker. Je berühmter und je besser, desto bescheidener.

Wie finden es die Künstler, dass sie von Ehrenamtlern gebucht und betreut werden?

Da bekommen wir sehr positive Rückmeldungen. Früher, als der Verein noch weniger Geld zur Verfügung hatte, wurden die Künstler auch noch privat einquartiert, was zum Teil gern angenommen wurde. Bei mir haben die Geigerin Antje Weithaas und ihre Klavierpartnerin gewohnt, auch der Pianist Jan Gottlieb Jiracek. Andere Musiker haben bei mir geprobt, zum Beispiel Gabor Boldoczki und der Pianist Gergely Bogányi, die haben einen halben Tag bei mir geprobt und anschließend zu Abend gegessen, auch Albrecht Mayer und Markus Becker, und wir hatten viel Spaß zusammen. Dieses Private geht aber zurück. Heute kommt zum Vertrag fast immer die Hotelbuchung dazu.

Für die Nacht vor dem Konzert, oder?

Genau, da bestehe ich eigentlich drauf. Ich mag es gar nicht, wenn die Künstler erst morgens anreisen. Das schreibe ich heutzutage in den Vertrag. Bei Sabine Meyer haben wir eine Ausnahme gemacht. Da sagte die Agentur, sie schläft lieber zu Hause in Lübeck. Das hat dann auch geklappt, ihr Mann hat sie gefahren. Aber wenn Glatteis gewesen wäre . . .

Wie hat sich der Verein, dem Sie jetzt 20 Jahre vorgestanden haben, in dieser Zeit verändert?

In dieser Zeit ist die Mitgliederzahl gestiegen, und zwar von 350 im Jahr 1997 auf jetzt 531. Das sind mehr als wir Abos verkaufen können, auf die die Mitglieder ja ersten Zugriff haben. Wir haben jetzt schon wieder 49 neue Abo-Wünsche. 430 Abos haben wir vergeben. Die werden mittlerweile sogar vererbt, nämlich dann, wenn bei einem Ehepaar der Partner stirbt und der oder die Verwitwete gern jemand anders mitnehmen möchte ins Konzert. Wir haben den Mitgliedsbeitrag von 15 auf 20 Euro erhöht, so dass wir allein durch die Beiträge 10  000 Euro zur Verfügung haben. Das ist natürlich sehr schön.

Früher waren die Konzerte sehr unterschiedlich gut verkauft. Da haben wir viel Plakatwerbung gemacht, auf Litfaßsäulen, in den Bussen. Das müssen wir heute nicht mehr, wir sind praktisch immer ausverkauft. Seit 2008 machen wir vier Meisterkonzerte, vorher waren es nur drei. Wir haben uns irgendwann gesagt, wir brauchen einen Kracher pro Spielzeit, dann zeichnen die Leute Abos, um sicher zu gehen, dass sie dabei sind. Bei einer Agentur habe ich mal gesagt, wir brauchen für die kommende Saison noch einen „André Rieu“, was haben Sie denn da im Angebot?

Wie sehen Sie denn die Zukunft des Vereins angesichts eines doch sehr hohen Altersdurchschnitts?

Ich sehe sie positiv. Die Leute kommen frühestens so Ende 40 ins Konzert, wenn die Kinder über zehn Jahre alt sind. Dann erwacht auch das Interesse an klassischer Musik. Ich habe keine Sorge, dass wir nicht genügend Besucher haben. Das Produkt ist gut eingeführt. Wir haben mal über eine andere Uhrzeit diskutiert, sind dann aber doch bei der Matinee geblieben.

Gibt es Bemühungen, auch ein jüngeres Publikum in die Konzerte zu locken?

Wir haben das Angebot für junge Menschen, zum halben Preis eine Karte zu bekommen. Bei den Konzerten der Reihe „Classic after Work“ zahlen Schüler und Studenten fünf Euro. Das Geld ist sicher nicht der Punkt. Trotzdem kommen einfach wenige. Das ist sehr sehr schade. Schüler des Alten Gyms machen die Werkbeschreibungen im Programmheft und bekommen dafür freien Eintritt, die kommen dann auch ganz gern. Aber ansonsten? Ich bin ja selbst Mutter von Söhnen, und was machen junge Männer, die was auf sich halten? Die liegen sonntagmorgens im Bett.

Als Landtagsabgeordnete waren Sie Expertin für Wirtschaft. Wie passt das mit Ihrer Leidenschaft für Musik zusammen?

Es ist eine Gabenkombination, die nicht so häufig anzutreffen ist. Ich habe die musikalische Begabung von meinem Vater, der war Arzt. Sein Vater wiederum war Kaufmann, und von daher hatte er auch eine starke kaufmännische Ader. Ich habe mich dann entschieden, nicht Musik zu studieren, sondern Volkswirtschaft. Und rückblickend ist das dem Verein zu Gute gekommen. Ich habe durchaus kalkuliert, Durchschnittshonorare gebildet, mal einen Künstler günstiger eingekauft, einen anderen teuer, das aber nicht dem Zufall überlassen. Wirtschaftliche Kenntnisse waren im Verein auf jeden Fall von Nutzen.

In Ihrer Zeit hat der Kontakt zu den Musikfreunden in Dänemark Fahrt aufgenommen. Wie ist der Kontakt heute?

Das hat mein Vorgänger Dr. Petersen in Gang gesetzt. Ich musste das nur noch endgültig in eine Form gießen und beleben. Wir haben anfangs mal versucht, gemeinsame Zusatzkonzerte zu machen, das wurde aber finanziell ein Desaster, da kam niemand. Später gab es gemeinsame Konzerte in den jeweiligen Reihen, das hat funktioniert. Dann haben wir die Musikschulen zusammen gebracht, und so entstanden Veranstaltungen mit Musikschülern. Das läuft inzwischen so gut, dass ich aus der Zeitung erfahre, wenn da was läuft. Die brauchen uns nicht mehr. Jetzt denken wir über Workshops für junge Musiker nach. Das 20. Jubiläum der Zusammenarbeit wollen wir im kommenden Jahr mit zwei Konzerten begehen.

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erstellt am 21.Mär.2017 | 08:16 Uhr

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