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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 11:04 Uhr

Geschichte : Auf den Spuren der Kolonialzeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Spannendes Forschungs- und Buchprojekt über die Rolle des Kolonialismus in der Region nördlich und südlich der Grenze

Kolonialwarenläden findet man heute nur noch im Museum. Bei „Netto“ in Dänemark gibt es immerhin noch eine Abteilung „Tørkolonie“, was so viel heißt wie Trockenkolonialwaren. Schon lange haben Deutschland und Dänemark keine Kolonien mehr, aber das Erbe des Kolonialismus wirkt bis in die Gegenwart hinein – jeder Schluck Rum ist ein bisschen Erinnerung an die Kolonialzeit.

Rechtzeitig zu einem besonderen Jubiläum im kommenden Jahr wollen Historiker und Museumsleute von beiden Seiten der Grenze deshalb der Erinnerung vieler Menschen ein wenig auf die Sprünge helfen. 2017 jährt sich zum 100. Mal der Verkauf der Virgin Islands von Dänemark an die USA. Damit endete die Zeit der dänischen Kolonien in Westindien – und damit auch offiziell die Flensburger Beziehungen zu den kleinen Inseln St. Croix, St. Thomas und St. John. Um die komplexe Thematik des Kolonialismus und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein zu beleuchten, arbeiten über 20 Autoren an einem bis zu 400 Seiten starken Buch, das im Oktober 2017 auf Deutsch, Dänisch und Englisch erscheinen soll.

Historiker Marco Petersen erklärt, warum gerade die Region Sønderjylland-Schleswig für den Kolonialismus prädestiniert war. Hier wurde immer Handel getrieben, auf der Festlandachse von Nord nach Süd und umgekehrt, aber auch von den Häfen an Nord- und Ostsee über die Weltmeere. Spuren finden sich an vielen Orten, diese sollen in einer Karte dargestellt werden. Im Haus Peters auf Eiderstedt gibt es einen alten Kolonialwarenladen, im Sönke-Nissen-Koog in Nordfriesland sind die Höfe nach alten Bahnstationen in Namibia benannt; Nissen war damals am Bau der Eisenbahn in „Deutsch-Südwest“ beteiligt. Und Flensburg war Teil des Dreieckshandels Dänemark – Westafrika – Virgin Islands.

In den Beiträgen zu dem Buch geht es auch um den Sklavenhandel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. So befasst sich ein Autor mit der Frage, wie der Umgang mit den Menschen aus Westafrika schon damals kritisch öffentlich diskutiert wurde. Sicher ist, dass der Sklavenhandel mit dem Verbot 1793 durch dänisches Gesetz nicht beendet war, zumal der Besitz von Sklaven damit nicht verboten wurde.

Beleuchtet wird auch, wie koloniales Denken, die Einteilung in Herren und Beherrschte „und damit letztlich auch Rassismus“, so Petersen, bis heute fortwirkt. Über die Auswirkungen des Kolonialismus auf den Virgin Islands und in Ghana forscht seit Monaten die jamaikanische Wissenschaftlerin Imani Tafari-Ama, die ebenfalls in dem Band vertreten sein wird.

Obwohl Flensburger Kapitäne und Seeleute auf Sklavenschiffen gefahren sind, liegen keine Berichte über die Zustände auf den drei westindischen Inseln vor. Die Historiker gehen fest davon aus, dass die Seefahrer zu Hause darüber berichtet haben, Schriftliches liegt indes nicht vor. Jetzt hoffen sie, dass alteingesessene Familien noch auf Dachböden und in alten Kommoden stöbern und vielleicht Tagebücher oder Briefe finden, in denen über diese Zeit berichtet wird. Wer so etwas oder auch Fundstücke hat, die einen Zusammenhang zur Kolonialzeit beleuchten könnten, ist gebeten, sich an „einen Historiker seines Vertrauens zu wenden“, zum Beispiel Marco Petersen, Schleswigsche Sammlung in der dänischen Zentralbibliothek, sowie Susanne Grigull und Thomas Overbeck im Schifffahrtsmuseum.

Das gesamte Projekt kostet rund 200  000 Euro; der Löwenanteil kommt von der Kulturstiftung des Bundes, weitere 30  000 Euro stammen aus Mitteln der Region. Oberbürgermeister Simon Faber überbrachte gestern die Nachricht, dass auf seine Vermittlung hin der dänische Kulturminister eine Förderung von 75  000 Kronen zugesagt habe. Ein weiterer Förderantrag beim Land läuft noch.

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erstellt am 17.Nov.2016 | 18:51 Uhr

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