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Flensburger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 03:35 Uhr

grippeimpfungen : Ärzte kritisieren „stumpfe Nadeln“ für Babys

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburger Mediziner kritisieren die Vorgabe-Praxis der Krankenkassen für Impfungen - die AOK weist Vorwürfe zurück.

Noch hoffen viele auf sonnige Sommerferien an der Förde. Danach droht mit Herbst und Winter die nächste Influenza-Welle. Doch schon bevor die Grippesaison beginnt, gibt es Streit um die Impfstoffe. Jetzt geht es in die Bestellphase für die erforderlichen Präparate, die Auslieferung wird für September erwartet – doch Flensburger Kinderärzte sind alles andere als glücklich über das Prozedere.

Eine Empfehlung für die Grippeimpfung gilt vor allem für Risikopersonen wie Säuglinge, alte Menschen, Personen mit geschwächtem Immunsystem und Schwangere sowie Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Personen, die häufig mit Kranken in Kontakt kommen. Bester Zeitpunkt dafür ist September bis November.

Kinder sind von einer Grippewelle am stärksten betroffen. „Und wir fordern, dass wir für Kinder unter 24 Monaten den Impfstoff wie früher wieder selbst wählen können“, sagt Kersten Rosemann, der am Marrensdamm praktiziert und Obmann des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in der Region Flensburg-Schleswig ist.

Er kritisiert, dass die AOK im Auftrag aller Krankenkassen über eine Ausschreibung den zwei günstigsten Anbietern den Zuschlag erteilt hat. Die Preise auf dem freien Markt variieren zwischen sieben und 25 Euro. „Dabei gibt es natürlich deutliche Qualitätsunterschiede“, sagt Rosemann, der den Impfstoff für eine differenzierte Behandlung lieber selbst bestimmt hätte. Rein ökonomische Erwägungen, findet er, dürften dabei nicht Priorität haben.

Thomas Frohberg, bei der Kassenärztlichen Vereinigung Leiter für den Verordnungsbereich der niedergelassenen Ärzte, sagt, man habe auf das Ergebnis der Ausschreibung keinen Einfluss, könne es nur zur Kenntnis nehmen und an die Praxen weiterleiten. „Aus medizinischer Sicht kann ich das nicht beurteilen.“

Rosemann wehrt sich gegen den Einsatz von Fertigspritzen mit angeschweißter Injektionsnadel. Besonders Kindern bis zu zwei Jahren würden dabei „völlig unnötig“ Schmerzen zugefügt. „Die Kanüle ist stumpf, man spürt, dass man den kleinen Patienten wehtut.“ Das habe sogar der Beratungsarzt der KV kundgetan. „Doch es hat offensichtlich nichts genützt.“

Bei älteren Kindern werden die Kosten auch übernommen, wenn der Impfstoff nasal verabreicht wird – aber nur, wenn sie an chronischen Erkrankungen wie etwa Asthma, Stoffwechselstörungen oder einem angeborenen Herzfehler leiden. Dabei belegen Untersuchungen, dass die nasale Grippeimpfung dem injizierten Impfstoff überlegen ist.

Der zweite kritisierte Aspekt: Der von den Kassen mit den Herstellern ausgehandelte trivalente Impfstoff biete keinen vollständigen Schutz. Er decke einen häufig vorkommenden Influenza-Stamm nicht ab, wie die Vergangenheit gezeigt habe. Die WHO empfiehlt seit vier Jahren den tetravalenten Impfstoff, bei dem ein B-Stamm zusätzlich erfasst wird. Pro Saison könnten so allein in Deutschland 400.000 Influenza-Fälle vermieden werden. „2015/1026 sind 90 Prozent der Grippe-Erkrankungen bei Kindern von dieser zweiten B-Linie ausgelöst worden“, berichtet Rosemann. „Leider hat man daraus nicht gelernt.“

Offenbar ist der Prozess aber nicht mehr zu stoppen. Der Beratungsarzt der KV, Stephan Reuss, schreibt auf Anfrage des Flensburger Kinder-Kardiologen Geert Morf, er könne nicht empfehlen, einen anderen als den verhandelten Impfstoff zu verwenden, „da ansonsten ein Schaden seitens der Kassen geltend gemacht wird“. Die Herstellung sei bereits im Gang „und die Vereinbarungen der Kassen mit den Herstellern sind nicht mehr umkehrbar“. Für Morf ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar: „Es kann nicht sein, dass wir Kinder in den ersten zwei Lebensjahren aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen der Krankenkassen mit bekannt schlechteren Kanülen impfen müssen.“

Auch der Kinderarzt Hans-Jörg Tirpitz (Harrislee) will sich dem Diktat nicht fügen. Kersten Rosemann wird den Eltern seiner kleinsten Patienten zu einem Privatrezept über den guten, tetravalenten Impfstoff raten. 23 Euro würde das Präparat kosten, zehn Euro wären zusätzlich für die Behandlung fällig, sollte er mit der Kasse nicht abrechnen können. Über Zweijährigen wird er ohnehin die stumpfe Nadel ersparen. „Ansonsten wäre das unethisch. Das kann ich nicht vertreten!“

Die für den Winter 2016/17 empfohlenen Stämme für den Impfstoff
A/California/7/2009 (H1N1)pdm09 („Schweinegrippe“)
A/Hong Kong/4801/2014 (H3N2)
B/Brisbane/60/2008
Für tetravalente Impfungen:  B/Phuket/3073/2013

 

Geht es den genannten Ärzten darum, zusätzliche Leistungen zu verkaufen? Jens Kuschel von der AOK Nordwest drückt es so deutlich nicht aus. Aber er warnt davor, einen Behandlungsvertrag zu unterschreiben: „Es gibt keinen Grund, etwas selbst zu bezahlen.“ Zuvor solle man unbedingt mit der zuständigen Krankenkasse sprechen. „Die Vorwürfe sind nicht zutreffend.“ Die Ausschreibung habe ergeben, dass zwei Anbieter für die Verordnung zuständig sind. Der Impfstoff entspreche jeweils höchsten Qualitätskriterien, sei vom Robert-Koch-Institut geprüft und von der WHO empfohlen. „Die Spritzen mit angesetzter Kanüle sind nicht stumpf“, widerspricht Kuschel. Für Kinder ab sechs Jahren könne der Arzt zudem eine Kanüle seiner Wahl verwenden. In begründeten Einzelfällen sei es möglich, auf ein Nasenspray zurückzugreifen. „Das bezahlen wir dann auch.“ Im Übrigen sei eine Impfung gegen Influenza für Kinder nur dann angebracht, wenn medizinisch indiziert.

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erstellt am 09.Jul.2016 | 14:24 Uhr

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