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Glücksburg : „40 Jahre hinterm Tresen sind genug“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Manfred Baumgärtner gibt die Kneipe „Zum Leisten“ auf und hofft auf einen neuen Pächter.

Glücksburg | Fast 40 Jahre – mit Unterbrechungen – war Manfred Baumgärtner der Pächter von Glücksburgs Kneipe „Zum Leisten“ an der Rathausstraße. Nun hat Baumgärtner, 62, den hier alle Manni oder Tschani nennen, das Rentenalter erreicht und will das Lokal zum Ende des Jahres schließen. „40 Jahre hinter’m Tresen sind genug“, sagt er und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Falls kein neuer Pächter übernimmt, verliert Glücksburg dann seine „letzte richtige Kneipe“, wie Baumgärtner es nennt. Es gibt zwar die Sportsbar an der Sporthalle und ein paar Restaurants mit Tresen, aber eben nicht die gute alte Kneipe von nebenan, wo man in vertrauter Gesellschaft beim Bier entspannt.

„Das wäre nicht gut für den Ort“, findet Baumgärtner und ergänzt: „Für mich wäre es auch nicht gut. Ich gehe auch gerne mal ein Bier trinken.“ Ansehen tut man es ihm nicht, vielleicht weil er leidenschaftlicher Raucher ist. Im Schein der Tiffany-Lampen qualmt es. Das Mobiliar riecht nach Rauch, man selbst bald auch. „Das gehört dazu“, meint Baumgärtner achselzuckend. Mit Grausen erinnert er sich an die kurze Zeit der rauchfreien Kneipen. Damals wurde die Küche zum Raucherraum. Dann kam einer vom Ordnungsamt und meinte, wenn er nur einen Raum habe, könne er auch seine Raucherkneipe behalten. Am nächsten Tag war der Raucherraum wieder zu. „Privat“ hatte Baumgärtner auf einen Zettel geschrieben und an die ausgediente Kammer geheftet. Gekocht wird seitdem nicht mehr.

So manche Lebensgeschichte wurde Baumgärtner in den Jahrzehnten erzählt oder er hat sie in seiner Kneipe miterlebt. „Ich hätte mir jeden Abend Notizen machen sollen, dann hätte ich jetzt ein tolles Buch“, sagt er. Aber als Wirt fühlt er sich der Diskretion verpflichtet. Über seine Kundschaft verrät er gerade so viel: 30 bis 35 Stammkunden, grundsätzlich immer nur nett. Prominente Gäste? – Ja schon, früher mal – aber bitte keine Namen. Ob es mal eine Schlägerei gegeben hat? – Nichts Schlimmes. Mal jemand umgekippt wegen zu viel Alkohol? – Ja, sicher. Leises Lächeln. Tolle Partys? – Ja, vor allem sein 60. Geburtstag. Da kam Verwandtschaft aus Franken mit dem Vereinsbus des 1. FC Nürnberg zu Besuch. Einer hat Beziehungen zum Zweitligisten, daher der Bus, der in Flensburg und Umgebung viel Aufmerksamkeit erregte.

Baumgärtners Zeit als Pächter des Leisten ist nicht lückenlos: von 1979 bis 1992 war er es. Dann machte er zwei Jahre das Clubhaus im Glücksburger Tennisclub und das „Roseneck“ in Flensburg. 1999 kehrte er „Zum Leisten“ zurück. Der „Leisten“ und er – das gehörte einfach zusammen. Vielleicht, weil das Lokal ihn an die Heimat erinnerte. Der „Leisten“, früher ein Schuster-Geschäft – daher der Name – schenkte Hofbräu aus. An den Wänden gab es Malereien von Münchner Plätzen. Baumgärtner stammt aus Franken.

Wie so viele kam er durch seinen Bundeswehr-Dienst an die Förde. Den gelernten Schlachter steckte man 1975/76 als Koch in die Küche des Flottenkommandos. „Es war eine tolle Zeit. Die Sommer waren gut, wir waren in jeder freien Minute am Strand“, erzählt der Vater einer 26-jährigen Tochter. So kam es, dass es den Franken nach kurzer Zeit wieder in den Norden zog, wo ihm der damalige Leisten-Wirt einen Job anbot.

Gut sind die Erinnerungen an die Zeit vor 1986. Damals gab es die Edith-Jahn-Schule noch, eine Gymnastikschule für 17- bis 21-jährige Mädchen. Gleichaltrige Männer waren durch die Marine genug vorhanden. Der „Leisten“ war ein Treffpunkt für sich anbahnende Bekanntschaften. Eine Goldgrube, obwohl es in direkter Nachbarschaft noch eine zweite Kneipe, die Kupferkanne, gab.

Baumgärtner hofft, dass jemand anders seine Kneipe weiterführt. Aber er warnt auch: „Als Wirt musst Du selbst meistens da sein. Man kann nicht nur Pächter sein und eine Bedienung rein stellen – so läuft es nicht.“ Erholsam ist so ein Arbeitsleben nicht. Einen Herzinfarkt hat Baumgärtner hinter sich und lebt seitdem mit einem Stent. „Ich habe Glück gehabt“, sagt er.

Wenn er nicht mehr täglich außer mittwochs – da lässt er sich vertreten – im „Leisten“ steht, will Manfred Baumgärtner viel auf dem Boot sein, das in Schausende liegt. Denn das Meer liebt er immer noch und nach Bayern zurückzukehren ist keine Option.

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