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Elmshorner Nachrichten

11. Dezember 2016 | 13:07 Uhr

Zwischen Stallgasse und Labor

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Serie Heute geht es hinter die Tür des Hengststalls des Holsteiner Verbandes und ins Labor der Besamungstechniker

Die EN ermöglichen einen Blick hinter sonst für Interessierte meist verschlossene Türen – und da verbergen sich spannende Geschichten.  .  .

Nicht nur auf der Reeperbahn wird mit der Lust Geld verdient. Auch bei der Holsteiner Hengsthaltungs GmbH in Elmshorn dreht sich alles nur um das Eine. Allerdings geht es hier weniger um das Vergnügen als vielmehr ums Ergebnis – und die vierbeinigen Damen nehmen nur die Zuschauerrolle ein.

In dem sterilen, weiß gekachelten Raum im Hengststall, nur ein paar Meter neben der Stallgasse, wartet der belgische Hengst Million Dollar auf seinen Einsatz. Ein romantisches Stelldichein sieht anders aus, die Schimmelstute, die ihn animieren soll, ist auf der anderen Seite des Raums angebunden und in der Mitte steht das sogenannte Phantom, eine Art großer Bock.Der vierjährige Hengst weiß, was von ihm erwartet wird. „Der hat genug Kopfkino“, sagt Gerard Muffels.

Und tatsächlich – nach nur wenigen Minuten ist Million Dollar so weit, springt auf das Phantom und verbeißt sich mit den Zähnen an der Stelle, an der sich normalerweise die Mähne der Stute befinden würde. Jetzt muss Muffels schnell sein, er eilt mit der künstlichen Scheide herbei, um Million Dollars bestes Stück zu greifen und den wertvollen Samen aufzufangen. Für Million Dollar ist der Job damit erledigt, der Hengst rutscht vom Phantom herunter und steht nur ein paar Sekunden später wieder ganz entspannt neben seinem Pfleger – bereit, zurück in seine Box geführt zu werden.

„Das Bild von dem wilden, aggressiven Hengst, das in vielen Köpfen noch herumgeistert, ist überholt“, sagt Gerard Muffels. „Wenn Hengste zusammen gehalten werden, mit genügend Kontakt zu ihren Artgenossen, dann sind sie in der Regel sehr ausgeglichen.“ Das komme im übrigen auch dem Geschäft zu Gute, die Qualität der Samen sei deutlich besser, wenn der Hengst entspannt sei – „das ist wie bei den Menschen.“


Die Arbeit im Labor


Für Muffels und seine Kollegen beginnt jetzt erst die eigentliche Arbeit. Das Erbgut wird im Labor gleich nebenan zentrifugiert und durch eine Nährlösung haltbarer gemacht. Zunächst untersucht Johanna Settgast aber mit Hilfe eines Mikroskops und eines speziellen Apparats die Qualität und Anzahl der Samen. Die junge Frau ist studierte Pferdewirtin und hat im Anschluss einen Aufbaulehrgang als Besamungstechnikerin gemacht. „7,4 Millionen“, verkündet sie. „Das ist nicht schlecht, aber bei diesem Hengst geht mehr. Man merkt, dass wir am Ende der Saison sind.“

Die Besamungstechniker kennen ihre „Pappenheimer“, wie sie es liebevoll ausdrücken. Die Liebe zum Pferd gehört bei dieser Arbeit dazu, auch wenn sie sich hauptsächlich im Labor abspielt. „Das braucht man auch“, sagt Heike Benzin. „Sonst würde man den Tieren nicht gerecht werden können.“

Normalerweise geht die Decksaison beim Holsteiner Verband von März bis Mitte August. In der Besamungsstation wird an einem Tag bis zu 25 Hengsten Sperma entnommen – und zwar auf Bestellung der Züchter, die sich aus dem Erbgut dieses Hengstes in Verbindung mit dem ihrer Stute den nächsten großen Spring- oder Dressurchampion erhoffen. Heutzutage läuft das fast immer über die künstliche Besamung. „Früher hatten wir 90 Prozent Natursprünge und nur zehn Prozent künstliche Besamung. In den letzten 25 Jahren hat sich das komplett umgedreht“, erklärt Geschäftsführer Norbert Boley. Der Natursprung passe nicht mehr ins System. Dafür müssten die Stuten zeitaufwendig transportiert werden, dazu kommen die hohen Kosten für den Tierarzt, der ganz genau den Zeitpunkt des Eisprungs bestimmen muss.

In erster Linie verschickt der Holsteiner Verband das Erbgut seiner insgesamt 30 Hengste innerhalb von Deutschland oder im angrenzenden europäischen Ausland. Bis zu 48 Stunden haben die Tierärzte der Züchter dann in der Regel Zeit, durch eine spezielle Nährlösung sind die Samen länger haltbar als im natürlichen Zustand. Die Kosten hängen ganz von Angebot und Nachfrage ab. „Wenn ein besonders erfolgreicher Hengst nicht mehr lebt, ist sein Erbmaterial natürlich eine echte Rartität“, sagt Boley. „Da wird bis zu 2500 Euro bezahlt.“


Kunden in der ganzen Welt


Der Verband hat Kunden in der ganzen Welt, versendet werden die Samen erfolgreicher Sportpferde mit edler Abstammung auch bis nach Australien oder Südamerika. Das sind die zehn Prozent der Fälle, in denen das Erbmaterial eingefroren werden muss, um bei Minus 196 Grad in Behältern mit flüssigem Stickstoff über die Weltmeere geflogen zu werden. Diese Reise steht auch den Samen von Million Dollar bevor, der Kunde sitzt in Südamerika, dort beginnt jetzt gerade erst die Decksaison.

Nicht bei jedem Hengst klappt es so schnell wie bei Million Dollar. „Manchmal dauert es auch mal länger, bis der Hengst so weit ist“, erklärt Gerard Muffels. Dann holen seine Mitarbeiter auch mal eine andere Stute, die dem Hengst sympathischer ist, oder arbeiten mit Duftstoffen von rossigen Stuten. „Wir arbeiten so nah wie möglich an der Natur“, erklärt Muffels. „Die Hengste müssen erstmal in Stimmung kommen, das ist nicht einfach bei dieser Schlachthausatmosphäre.“

In der Regel klappt es besser, je erfahrener der Hengst ist. Der älteste Hengst im Deckeinsatz war Corrado, er ist mittlerweile 31 Jahre alt und erst vor einem Jahr in den Ruhestand gegangen. „Das war eine Karriere wie man sie sich wünscht. Corrado hatte selbst eine interessante Abstammung, war ein erfolgreiches Springpferd und hat talentierte Nachkommen gezeugt“, sagt Muffels, der eigentlich von sich sagt, er habe keinen Liebling unter den Hengsten. Aber bei Corrado wird selbst er emotional. „Als ich hier mit meiner Ausbildung angefangen habe, habe ich ihn eingeritten. Und wenn es für ihn einmal so weit ist, werde ich auch derjenige sein, der ihn wegbringt.“ Bis es so weit ist, genießt der Schimmelhengst seinen wohlverdienten Ruhestand. Eine Mitarbeiterin, selbst im Ruhestand, geht mit ihm spazieren und grasen. Oder wie es Muffels ausdrückt: „Er hat ein richtig gutes Leben.“

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erstellt am 01.Sep.2016 | 16:00 Uhr

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