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Elmshorner Nachrichten

04. Dezember 2016 | 03:04 Uhr

Hörnerkirchen : Was Kirche noch leisten kann

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Pastor Ulrich Palmer aus Hörnerkirchen sieht große strukturelle Unterschiede bei den Gemeinden in Ost und West.

Brande-Hörnerkirchen | Seit Juni 2012 ist Dr. Ulrich Palmer Pastor der Christus-Kirchengemeinde Hohenfelde-Hörnerkirchen. Das Einleben in der neuen Heimat vollzog sich reibungslos und auffallend schnell. Vielleicht, weil der 56-Jährige deutlich schwierigere Rahmenbedingungen kannte, als er sie in Höki vorfand. Palmer war zuvor 18 Jahre Pastor in Hohen Sprenz, einer Gemeinde bei Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. Dort betreute er vier Kirchen und rund 500 Gemeindeglieder. In Hörnerkirchen und Hohenfelde sind es zwei Kirchen und rund 2500 Gemeindeglieder.

Hinter den „nackten“ Zahlen verbergen sich große strukturelle Unterschiede. Bundesweit verliert die Kirche Mitglieder, doch besonders im Osten Deutschlands, wo aufgrund der DDR-Vergangenheit ohnehin weniger Menschen in der Kirche sind, ist die Tendenz alarmierend. „In meiner alten Gemeinde gibt es jetzt nur noch eine halbe Pastorenstelle. Und es ist auch kein Pastor mehr vor Ort“, erzählt Palmer. Die Gemeinden würden zu immer größeren Einheiten zusammengelegt. „Und da stellt sich dann die Frage: Wie schaffen wir das, ohne das Gemeinschaftsgefühl zu verlieren?“

Auch die vielen Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern seien ein Problem. Längst schon könnten die Gemeinden mit weniger Gotteshäusern auskommen. Doch kaum ein Dorf wolle einfach so auf seine Kirche verzichten. Nach dem Mauerfall seien viele Kirchen aufwendig saniert worden – ohne sich vorab zu fragen, ob die Bauten überhaupt noch gebraucht werden, so Palmer. Auch eine seiner vier Kirchen sei „quasi schon aufgegeben worden“, ehe „Hunderttausende DM da rein verbraten worden sind“.

Schon die nackten Zahlen untermauern, dass in unserem Nachbar-Bundesland eigentlich zu viele Kirchen auf zu wenig Menschen kommen. Während im Bereich der Nordelbischen Kirche rund 800 Gotteshäuser auf über zwei Millionen Kirchenmitglieder kommen, stehen in Mecklenburg-Vorpommern circa tausend Kirchen nur knapp 300  000 Kirchenmitgliedern gegenüber.

„Kirchen sollten leben und keine reinen Denkmäler sein“, findet Palmer. Doch viele Menschen – auch solche, die selbst nicht in die Kirche gehen – würden an den Bauten hängen und „ihre“ Kirche ein gutes Stück weit als Wurzel der eigenen Geschichte ansehen. Aber der Finanzdruck ist groß, weil die Kirchenkassen leer sind. Und so „gibt es Kollegen im Osten, die haben während ihrer Zeit als Pastor vier Mal hinter sich das Licht ausgemacht“, umschreibt Palmer die Situation. Im Westen sei die Lage zwar deutlich besser, es seien aber „ähnliche Tendenzen im Gange“. So seien die beiden großen Kirchen in seiner Gemeinde „rational auch nur schwer zu begründen“.

Die beiden einstmals eigenständigen Gemeinden Hörnerkirchen und Hohenfelde waren noch vor Palmers Amtsantritt zusammengelegt worden – was für erhebliche Spannungen in der neuen Christus-Gemeinde gesorgt hatte. Die mögliche Schließung eines der beiden Gotteshäuser ist bis heute ein so heißes Eisen, dass niemand einen entsprechenden Schritt ernsthaft ins Gespräch zu wagen bringt. Doch nach Ansicht Palmers wird sich die Situation noch deutlich zuspitzen. „Wir haben keine wirkliche Gebäude- und Finanzkrise“, sagt er.

Die käme erst so richtig auf die nächste Generation zu, die mit deutlich weniger Geld aus der Kirchensteuer auskommen müsse. Spätestens dann werde auch die Frage aufkommen, ob Pastoren ihren Beamten-Status behalten können, und ob wirklich jedes Dorf einen eigenen Pastor benötige.

Pastoren hätten vor allem auf dem Land noch immer eine besondere Bedeutung. Zumindest im Westen. „Generell ist das Arbeiten hier deutlich einfacher“, gibt Palmer zu. Die Kirche genieße eine andere Wertschätzung als im Osten, und insbesondere in der Christusgemeinde würden die ehrenamtlichen Mitarbeiter „sehr viel Know-how einbringen“. Doch die angespannte Finanzlage wird aus Palmers Sicht auch seine Gemeinde verändern. „In 20 Jahren wird es wohl immer noch zwei Kirchen hier geben“, sagt der 56-Jährige, „aber wohl nur noch einen Pastor“.

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