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Elmshorner Nachrichten

29. April 2017 | 15:35 Uhr

Sofa-Kritik: Mitleid mit den Models

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Fernsehen EN-Autorin Laura-Maxine Kalbow nimmt an einem Mädelsabend mit der neuesten Folge von „Germanys Next Topmodel“ teil

Es ist Donnerstagabend, 20 Uhr. Mitten im Herzen von Elmshorn öffnet mir Eva die Türen zu ihrer Studenten-WG. Die Mission für heute lautet: Germanys Next Topmodel in der Live-Kritik – und dafür haben mich Eva, Jenny, Rita, Mia, Mery und Kim zu ihrer allwöchentlichen TV-Party eingeladen.

Ich bin neu in der Runde, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir die fragwürdige Modelcoaching-Sendung ab und zu hinter verschlossenen Türen genüsslich angeschaut habe – und damit tut sich auch schon die immer gleiche Frage auf: Warum gucken wir, junge Frauen, Akademikerinnen, Studentinnen und weit entfernt von Modelmaßen und –größen eine Sendung, die ein Frauenbild vermittelt, das wohl keine von uns lebt oder leben will.

Jenny, die schon seit der 2. Staffel durchgängig Germanys Next Topmodel schaut und von ihren Freundinnen als „Topmodel-Queen“ betitelt wird, gibt eine zunächst simple Antwort: „Das ist ein gesellschaftlicher Anlass, ein Mädelsabend, alle quatschen und tratschen.“ Stimmt, denke ich mir, warum nicht? Wenn andere sich am Samstagnachmittag mit Bier und Chips versammeln um die Bundesliga zu schauen, warum das Gleiche nicht auch mit Heidi Klums Erfolgsgarant im deutschen Privatfernsehen zelebrieren?

Für das kulinarische Wohl ist auf jeden Fall gesorgt – mit Nachos und Käsesauce, Minipizzen und dem ein oder anderen Glas Wein stimmen wir uns schon einmal ein und besprechen natürlich die letzte Folge, um wieder „Up-to-date“ zu sein. Oh weia, denke ich mir. Dafür, dass ich sonst immer über bildungsfernes Privatfernsehen schimpfe, bin ich ganz schön gut drin im Thema. Und passend zu diesem Gedanken begrüßt uns die völlig überbelichtete Heidi Klum mit ernsthaften Worten, bei denen man meinen könnte, es würde gerade über den Brexit verhandelt werden.

Aber nein, das Motto hat zwar wie immer mit albernen Anglizismen zu tun, lautet diese Woche aber: Boys, Boys, Boys. „Ahhh, kicher, hihihi“, sind die einfallsreichen Reaktionen der Modelanwärterinnen und natürlich das obligatorische: „Was soll bloß mein Freund dazu sagen?“ Wir sind auch alle am kichern und sind uns sicher, dass uns in dieser Folge großartiges Lästerpotenzial erwarten wird, darauf nochmal eine Käsenacho und eine Brezel – ok, zugegeben, das mit den Modelmaßen wird nichts mehr.


Beim Fotoshooting vergeht das Lästern


Und so nimmt die Sendung ihren immer gleichen Verlauf. Es gibt ein Casting bei zwei Modeschöpferinnen, die an zerbrechliche Porzellanfiguren erinnern und wir können uns nicht entscheiden, ob wir die Kleider schön finden oder uns über die rudimentären Englischkenntnisse der „Topmodels“ lustig machen sollen. Bei der sogenannten „Challenge“, dem Fotoshooting, vergeht uns allerdings das Lachen und das Lästern. Was bisher noch skurril lustig war, entwickelt sich langsam zu einem erschrockenen Gesichtsausdruck, denn die jungen Kandidatinnen müssen nur in Reizwäsche bekleidet, mit einem fremden „Male-Model“ auf einem Bett, das von einem großen Van gezogen wird durch die Straßen Los Angeles fahren und dabei, so Heidis Worte: „so sexy, wie möglich aussehen.“

Das Ganze erinnert eher an das Nachtprogramm dubioser TV-Sender und als dann vor laufender Kamera zwei Autos ineinanderfahren und Heidi Klum nur süffisant erklärt, dass die Autofahrer nun mal von ihren schönen Mädels abgelenkt waren, schreit Kim: „Das ist doch ekelhaft.“ Ja, das ist ekelhaft, vor allem moralisch ekelhaft, denn es wird immer beteuert, dass dies ja zum Job gehöre.

Nein, derartiges gehört bestimmt nicht zum Job. Dass sich zum Teil noch minderjährige Mädchen unter den Blicken neugieriger Gaffer und Fotografen bis auf ein Hauch von Nichts ausziehen müssen und in sehr, sehr eindeutigen Posen, die nichts mit modeln zu tun haben, abgelichtet werden, ist nicht nur fragwürdig, sondern sollte verboten gehören. Wo wir vorher noch gelästert haben, schleicht sich so langsam Mitleid in unsere Gedanken und alle sind sich sicher: „Das ist echt krass, viel zu krass. Die armen Mädchen.“

Und trotzdem gucken wir weiter, diskutieren über Outfits, über den botoxgeschliffenen Wolfgang Joop, über unehrliche Bussis. Doch nach und nach sinkt die Aufmerksamkeit. Heidi und ihre Mädels flimmern nur noch beiläufig über den Fernseher und wir unterhalten uns über Studium, Beruf, Versicherungen. Eben das, was einen als „normale Frau“ im Alltag beschäftigt.


Auf dem Rücken junger Frauen


Die Entscheidung (Soraya ist raus) kriegen wir nur noch am Rande mit und wir konstatieren, dass alle Beteiligten das Schauspiel perfekt beherrschen. Denn da sind wir uns alle einig. Die ganze Sendung kann man nur gucken und sollte man nur gucken, wenn man die ganze Story als eine Art Fiktion wahrnimmt – nichts daran ist echt. Drama pur, alles zur medialen Ausschlachtung auf dem Rücken junger Frauen, von denen viele die Konsequenzen noch gar nicht sehen und erahnen. Wir wissen das. Aber trotzdem fragen wir uns, wie diese Sendung auf Mädchen im Teenageralter wirkt, die mitfiebern und an all das glauben, was uns Pro7 als „normalen Modelalltag“ verkauft. Wir wissen es nicht, aber wir ahnen nichts Gutes.


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