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Elmshorner Nachrichten

07. Dezember 2016 | 15:33 Uhr

Reportage : Segeltörn mit dem Ewer Gloria

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Der 118 Jahre alte Traditionssegler macht 70 Fahrten pro Jahr. Die Gloria ist wohl häufigste Klappbrücken-Nutzerin.

Elmshorn | „Was das bisschen Wind für Energie hat“, Bodo Lüth ist beeindruckt. Das „Bisschen“ beläuft sich auf rund drei Beaufort, genug um Groß- und Klüversegel zu füllen und bei Wenden das Vorsegel lautstark im Wind schlagen zu lassen. „Mitzukriegen, was das für die Crew bedeutet, ist schon spannend“, findet Gabi Lüth. Die Eheleute aus Reinfeld bei Lübeck sind heute auf dem Elmshorner Traditionssegler Gloria unterwegs.

Die Fahrt führt von Elmshorn nach Glückstadt, am folgenden Tag wird das Schiff die Rückreise antreten, die sieben Leute Besatzung – darunter eine Frau – werden die Nacht an Bord verbringen.

Die Fahrt zwischen den beiden Städten ist eine der Standard-Touren im Fahrplan; weitere Anlaufstellen sind Wedel, Stade, Uetersen und Hamburg Oevelgönne. An die 70 Fahrten macht das 118 Jahre alte Schiff pro Jahr, damit sichern rund 30 Aktive den Unterhalt für die Gloria.

Verschlickung macht der Gloria zu schaffen

Im Elmshorner Hafen liegt die Gloria an der Museumswerft in einer Ecke der Wasserfläche. Als einziges Elmshorner Schiff mit Fahrplan ist sie wohl häufigste Nutzerin der Klappbrücke. Aber obwohl der Ewer – so die Fachbezeichnung für segelnde, kleine Frachtschiffe mit glattem Boden – nur einen Meter Tiefgang hat, macht ihm die Verschlickung der Krückau zu schaffen: „Das Zeitfenster wird immer enger“, sagt Gerd Bestmann, seit zehn Jahren auf der Gloria aktiv und seit sechs Jahren ehrenamtlicher Werftmeister.

Das bekommen auch die Fahrgäste an diesem Tag zu spüren: Eigentlich sollen sie um 12.30 Uhr einsteigen, 13 Leute stehen am Südufer, schräg gegenüber liegt in Sichtweite das Schiff. 20 Minuten nach der Zeit kommt Crew-Mitglied Petra Schmidt-Rus und bittet um weitere 20 Minuten Geduld, bis der Wasserstand zum Auslaufen ausreicht. Eine weitere Viertelstunde später kommt Hans-Werner Speerforck ums Hafenbecken gelaufen und bittet die Gäste zur Museumswerft, der Verein spendiert für die Wartezeit Kaffee und Kuchen. Mit einer Stunde Verspätung geht es schließlich los. Die Krückau laufe heute sehr langsam auf, schimpft Schiffsführer Ulrich Grobe.

Die Fahrgäste nehmen es gelassen, sie genießen ihren Ausflug aufs Wasser. Der dauert schließlich sechs Stunden statt, wie angekündigt, vier, aber der Applaus beim Anlegen in Glückstadt zeigt, dass es gefallen hat.

Natureindrücke

Zunächst geht es anderthalb Stunden lang die Krückau hinunter, der Fluss windet sich zwischen den Deichen hindurch, auf denen Schafe und Rinder weiden, ab und zu lugt ein Reetdach über den Deich, Fischreiher steigen aus den Vordeichwiesen auf. „Wir haben auch immer wieder Natur- und Vogelkundler dabei“, erzählt Deckshand Jürgen Schöttner. Der Wedeler ist durch seine Frau auf die Gloria gekommen. Sie hatte in der Zeitung gelesen, dass der Verein Aktive sucht und ihren Mann animiert: „Wenn du schon einen Bootsführerschein hast und kein Boot, dann guck’ dir das doch mal an.“ Seit einem Jahr ist er dabei und lobt „die Ruhe, das Wasser, die netten Leute“. Außerdem sei das Segeln im Verein „für uns als Crew ein sehr preiswertes Hobby: Wir können für 50 Euro im Jahr Boot fahren.“

Ähnliche Gedanken treiben auch Arno Nicolaisen um. Der Pinneberger ist schon von Usedom, Hamburg und Flensburg aus auf Schiffen unterwegs gewesen, er verspürt eine „Affinität zu älteren Segelschiffen“. Seine Tochter hat ihm und seiner Frau Elke die Fahrt heute geschenkt, Nicolaisen will sich angucken, ob eine aktive Mitarbeit auf der Gloria für ihn in Frage kommt: „Seit Anfang des Jahres sind wir Rentner“, Zeit ist da. Sechs Stunden und ein Gespräch mit Ulrich Grobe später, bei der Heimfahrt im Auto, ist die Idee zum Vorhaben gereift: „Das ist ein toller Umgang, den die miteinander pflegen“, findet Nicolaisen: „Selber könnte ich mir das Segeln nicht leisten, und mit einem Großsegler schon gar nicht.“

Auf der Elbe wird gesegelt

Zwischen den Krückaudeichen weht nur eine leichte Brise, aber draußen auf der Elbe genügt der Wind zum Segeln, entscheidet Schiffsführer Grobe. Alle 20 Leute an Bord tragen inzwischen Rettungswesten, der Klüver wird aus dem Schiff geholt und angeschlagen, mit einem Vorsegel und dem Großsegel geht es auf die Elbe hinaus. Es dauert ein bisschen, bis die Segel stehen, und es hakt hier und da, aber alle bleiben ruhig. Das Schiff kreuzt gen Glückstadt und nutzt dabei fast die ganze Flussbreite. Containerfrachter fahren ziemlich nahe vorbei, alle Fahrgäste haben sich inzwischen einen Pullover oder eine Jacke übergezogen und sich an die Bewegung im Wasser gewöhnt.

Die Gloria wurde 1898 in Elmshorn gebaut. Nach einer wechselvollen Geschichte übernahm ein Elmshorner Verein das Schiff 2001. „Sie ist vor dem Hochofen gerettet worden“, sagt Werftmeister Gerd Bestmann. Dann begann die lange Restaurierung, 2003 kam der neue Motor ins Schiff, seit 2010 segelt die Gloria wieder. Der Betreiberverein „Freunde des Ewers Gloria“ kümmert sich um das Schiff, von den 60 Mitgliedern arbeiten und segeln an die 30 mit, erzählt der Vorsitzende Grobe. Sie bilden gern Leute aus, die ohne Erfahrung kommen und mitmachen, aber: „Es fehlen uns Leute mit Erfahrung.“ Wie auch immer: Aktive braucht der Verein bei so vielen Fahrten immer. Einmal pro Woche ist Werft-Tag, mittwochs wird am Schiff gearbeitet.

Die Nachfrage steigt

Das Angebot an mehrstündigen Ausflügen scheint attraktiv: „Die Tendenz ist aufsteigend“, sagt Grobe, dessen Frau Cornelia die Geschäftsstelle des Vereins betreut: „Die Nachfrage ist deutlich größer als vor einigen Jahren“.

Die Stimmung unter den Fahrgästen heute bestätigt diese Einschätzung. Bernd Heeling aus Hamburg wusste morgens nur, dass er mittags in Elmshorn sein sollte, mehr hatte ihm seine Frau nicht verraten. Ein paar Stunden später, unter den Segeln auf der Elbe sitzend, strahlt er: „Ich war von Anfang an begeistert.“

> www.ewer-gloria.de
 

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