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Elmshorner Nachrichten

30. August 2016 | 16:57 Uhr

Bokholt-Hanredder : Rinderherde abgeschossen: „Ein Bild des Grauens“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Das Ordnungsamt begründet den Abschuss einer Herde Galloways im Kreis Pinneberg mit der Gefahr für Autofahrer auf A23 und L75. Der Kreis prüft mögliche Tierschutz-Verstöße des Besitzers.

Bokholt-Hanredder | Tierschützer sind entsetzt: In Bokholt-Hanredder (Kreis Pinneberg) sind 21 Rinder auf Anweisung des Ordnungsamtes abgeschossen worden. Die Herde sei nicht mehr zu bändigen gewesen, es hätte Gefahr für die Öffentlichkeit bestanden. So begründet Rainer Schattauer vom Amt Rantzau die Entscheidung.

„Die Rinder waren völlig verwildert, haben Zäune niedergetrampelt. Es bestand die Gefahr, dass sie auf die A23 oder die Landstraße zwischen Elmshorn und Barmstedt laufen“, sagt Schattauer. Der Chef des Ordnungsamtes hatte nach einem erneuten Ausbruch am Dienstag den Abschuss der Tiere durch Jäger angeordnet. Zuvor hatte er sich mit dem Kreisveterinäramt und weiteren Experten beraten. „Wir haben keine andere Lösung gesehen. Die Entscheidung ist mir alles andere als leicht gefallen. Es war ein Bild des Grauens.“

Besitzer der Herde ist ein Landwirt aus Bullenkuhlen. Er selbst war vor Ort, versuchte verzweifelt die Tiere einzufangen. Jemand habe das Gatter offen stehen gelassen, lautete seine Begründung. Probleme hätte es davor nie gegeben. Diese Sicht hat der Landwirt exklusiv. Sowohl der Naturschutzbund Elmshorn, der dem Mann die Weide verpachtet hat, als auch benachbarte Landwirte und Rainer Schattauer schildern die Situation völlig anders. Die Highlandrinder und Galloways seien in den vergangenen Wochen immer wieder ausgebrochen. Die Weide sei unzureichend gesichert gewesen. Laut Schattauer hätten sich die Beschwerden zuletzt gehäuft. „Am 13. November wurde sogar eine Radfahrerin auf dem Krückauwanderweg von einem Bullen attackiert“, so der Leiter des Ordnungsamtes.

Vor allem der direkte Nachbar hatte unter der Herde zu leiden. Dem Landwirt wurden sämtliche Zäune platt getreten. Und nicht nur das. Auch 20 seiner Milchkühe sollen von den Bullen bestiegen worden sein. Bei diesen müsste nun abgetrieben werden.

Die Szene wirkt bedrückend. Im Scheinwerferlicht werden am Dienstagabend die Kadaver der 21 Rindern auf den Lkw einer Entsorgungsfirma verladen. Rainer Schattauer steht still daneben. Der Leiter des Ordnungsamtes des Amtes Rantzau hatte wenige Stunden zuvor die Anweisung gegeben, die Herde von Highlandrindern und Galloways abzuschießen. „Sie kannten keine Zäune mehr, haben alles niedergetrampelt. Die Herde war eine Gefahr für die Öffentlichkeit“, sagt Schattauer. Man sieht ihm an, dass ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Die Tiere waren laut Schattauer nicht mehr zu bändigen. „Wir mussten handeln. Sonst hätten wir am Pranger gestanden, wenn etwas passiert wäre“, so der Leiter des Ordnungsamtes.

Bevor er den Abschuss anordnete, hatte sich Schattauer mit dem Kreisveterinäramt und anderen Experten beraten. Es habe drei Möglichkeiten gegeben. Option 1: Die Tiere anfüttern und zurück zur Weide bringen. „Das war unmöglich. Die waren so scheu, dass sie bei jeder Annäherung völlig durchgedreht sind. Außerdem war der Zaun in großen Teilen komplett zerstört“, so der Leiter des Ordnungsamtes. Option 2: Betäuben und umsiedeln oder schlachten lassen. „Laut Experten besteht bei derart aufgeregten Tieren durch das viele Adrenalin im Körper die Gefahr, dass die Betäubung gegenteilig wirkt und die Rinder noch wilder werden.“ Option 3: Töten. „Unter Berücksichtigung aller Aspekte und der Gefährdung der Öffentlichkeit war dies der einzige Weg“, sagt Schattauer, der auch einen Tag nach der Aktion noch von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt ist. Mit einer Ausnahmegenehmigung von der Jagdbehörde des Kreises Pinneberg ließ er die 21 Rinder von fünf Jägern abschießen. „Wir wussten nicht, wie die Herde auf die Schüsse reagiert, deshalb haben wir mehrere Jäger zur Hilfe gerufen. Auch denen ist das nicht leicht gefallen.“

Die Tiere weideten auf dem Gelände des Naturschutzbundes (Nabu) Elmshorn. Dieser hat das zehn Hektar große Areal an einen Landwirt aus Bullenkuhlen verpachtet. „Wir haben uns gefreut, dass er dort diese Rinder halten will. Schließlich ist es eine gute Maßnahme zur Landschaftspflege“, so Elmshorns Nabu-Chef Hans Helmut Dürnberg. Die Freude währte nur kurz. Die Probleme hätten im Juni begonnen, kurz nachdem die Tiere auf die Weide kamen. „Unser Pächter hat die Weide unzureichend gesichert. Die Tiere haben große Schäden angerichtet“, berichtet Dürnberg. Immer wieder hätte der Nabu den Landwirt aufgefordert, den Zaun zu verbessern. „Außer Versprechungen ist nichts passiert. Bis zuletzt war der Elektrozaun nicht mit Strom versorgt“, so der Nabu-Chef. Die Naturschützer zogen die Konsequenzen, forderten den Pächter auf, die Tiere zu entfernen und kündigten den Pachtvertrag. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass der Fall ein so dramatisches Ende nimmt.“

Dürnberg selbst ist zwar kein Experte, aber doch sehr verwundert über das Vorgehen der Behörde. „Das kann ich so nicht nachvollziehen.“ So geht es auch Susanne Tolkmitt, stellvertretende Vorsitzende des Tierschutzbundes Schleswig-Holstein. „Von so einem drastischen Fall habe ich noch nie gehört. Aus meiner Sicht war keine Gefahr in Verzug“, sagt Tolkmitt. Zumal die Tiere zum Großteil vor dem Abschuss wieder auf die ursprüngliche Weide getrieben werden konnten. Allerdings: „Wir konnten wegen der kaputten Zäune nicht garantieren, dass sie nicht wieder ausbrechen“, so der Leiter des Ordnungsamtes. Tolkmitt dazu: „Man hätte den Zaun ausbessern müssen. Es zumindest versuchen, bevor man so viele Tiere tötet.“

Der Kreis Pinneberg prüft jetzt etwaige Verstöße gegen das Tierschutzgesetz durch den Halter der Rinder. Der äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.

Dieter Wichmann, Vorsitzender des Vereins für extensive Robustrinderhaltung im Liether Moor, ist entsetzt vom Vorgehen der Ordnungsbehörde. „Das ist eine Riesensauerei, totaler Blödsinn.“ Er vermutet Fehler bei allen Beteiligten. „Ich gehe davon aus, dass sich niemand ordentlich um die Tiere gekümmert hat“, sagt der Chef des Liether Vereins.

Die Haltung von Robustrindern, besonders in einer Herde dieser Größenordnung, sei ein Vollzeitjob. Wichmann: „Das kann man nicht aus Liebhaberei oder nebenbei machen, auch wenn es zurzeit in Mode ist.“ Besitzer müssten sich täglich um die Tiere kümmern. Die Rinder müssten regelmäßig Futter und Zuwendung bekommen, um nicht zu verwildern.

Der Einsatz der Robustrinder sei auch eine Maßnahme der Landschaftspflege. Vermarktung spiele da nur eine untergeordnete Rolle. „Generell sind die Tiere nicht gefährlich, man muss nur richtig mit ihnen umgehen. Ich nehme Schulklassen mit auf unsere Weiden, da sind auch Bullen dabei und das ist kein Problem“, sagt Wichmann. Er hält es durchaus für möglich, aufgebrachte Tiere einzufangen. „Es hätte sicher eine elegantere Lösung gegeben, als die Tiere einfach nur abzuknallen“, so der Robustrinder-Experte aus Heidgraben.

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erstellt am 20.Nov.2014 | 10:00 Uhr

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