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Elmshorner Nachrichten

06. Dezember 2016 | 11:20 Uhr

Elmshorn : Mit Video: Schönheitskur für die Kirchenuhr

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Seit gestern hängen die renovierten Ziffernblätter wieder am Turm der Stadtkirche. Beim Ein- und Ausbau gab es Probleme.

Elmshorn | Zentimeter um Zentimeter schwebt das schwarz-goldene Ziffernblatt am Seilzug in die Höhe. „Noch ein bisschen weiter“, dirigiert Sebastian Otto vom schmalen Balkon der Nikolai-Kirche aus seinen Kollegen, der ein Stockwerk höher an der Seilwinde steht. Direkt neben dem Glocken- und Uhrentechniker geht es rund 40 Meter in die Tiefe. Unten legen auf dem Alten Markt einige Passanten die Köpfe in die Nacken und beobachten wie gebannt, wie das Ziffernblatt langsam aber sicher seinen Platz, das große runde Loch im Kirchenturm, erreicht.

Seit gestern hat die Stadtkirche ihre vier Ziffernblätter samt aufwendig verzierter Minuten- und Stundenzeiger zurück. Wo sich seit Anfang September nur gähnende schwarze Leere befand, können die Elmshorner ab sofort wieder die Uhrzeit ablesen. Der Einbau hatte sich verzögert. Schon vor einer Woche sollten die Uhren eigentlich wieder eingebaut werden, nachdem die Firma OttoBuer aus Neustadt sie aufwendig restauriert hatte. Aber es gab Probleme mit dem Mauerwerk.

Die Ursache: Die Ziffernblätter waren mit einer ungewöhnlichen Konstruktionsform am Kirchturm befestigt. Sie hingen an einem Eisenkreuz, dessen Enden eingemauert waren. Weil sich Rost gebildet hatte, konnte man die Uhren nicht einfach aus ihren Halterungen lösen. Otto und seine beiden Mitarbeiter mussten die Halterungen durchflexen. Und dadurch wiederum entstanden Schwingungen, die den alten Steinen des Mauerwerks nicht bekommen sind.

Es ist ein nebliger Tag. Trotzdem lassen sich hinter den frisch restaurierten Zeigern einige Häuser erkennen.
Es ist ein nebliger Tag. Trotzdem lassen sich hinter den frisch restaurierten Zeigern einige Häuser erkennen. Foto: Sprenger
 

Als die Uhren vor einer Woche wieder eingebaut werden sollten, zerbröselten einige Steine und stürzten in die Tiefe – glücklicherweise nur in den Bereich innerhalb der Absperrungen, verletzt wurde niemand. Die beiden probeweise eingesetzten Uhren mussten jedenfalls wieder herausgenommen werden.

Für gestern hatte sich Sebastian Otto eine neue Konstruktion überlegt, mit einem Gestell, das die Uhren von innen in ihren Löchern hält. Um die rund 60 Kilogramm schweren Uhren überhaupt erst dorthin zu kriegen, waren die frisch restaurierten Ziffernblätter schon vor einer Woche von außen den Turm hoch- und über die Balkone in die Kammer eine Etage unter dem Uhrenraum gebracht worden. Gestern wurden sie dann mit einer Seilwinde von außen an die richtige Stelle gezogen und dann mit Metallstäben von innen an der neuen Konstruktion befestigt. „Nachher müssen wir noch das Zeigerwerk in Betrieb bringen“, erklärt Sebastian Otto, während er mit einem Schraubenschlüssel die letzten Schrauben festzieht. „Und dann stellen wir den Strom an, damit die Uhren wieder laufen.“

Albert Bäcker kürzt die Metallstangen für die Befestigung mit der Flex auf die richtige Länge.
Albert Bäcker kürzt die Metallstangen für die Befestigung mit der Flex auf die richtige Länge. Foto: Sprenger
 

Elektrisch ist die Kirchenuhr von St. Nikolai bereits seit einigen Jahren. Damals hatte man Schwierigkeiten damit, dass die Zeiger immer wieder stehen blieben. Der Vater von Sebastian Otto, Joachim Otto, vermutete damals außerdem, dass Rost und Schmutz die Probleme mit der Uhr auslösen würden. Eine Restauration war nötig, aber lange Zeit war kein Geld dafür da. Als in diesem Jahr die Steuereinnahmen des Kirchenkreises gut waren und der Gemeinde zusätzliches Geld zur Verfügung stand, entschied sich der Kirchenvorstand für die längst überfällige Restauration der Ziffernblätter.

„Die Ziffernblätter waren seit dem Bau des Turms im Jahr 1881 nicht mehr herausgenommen worden“, erzählt Rosmarie Lehmann, Vorsitzende des Kirchenvorstands. „Bei einer Restuaration im Jahr 1968 hatten die Arbeiter die Lackschicht auf den Ziffernblättern von den Balkonen aus mit Leitern erneuert.“Heute wäre ein solch gefährliches Unterfangen undenkbar. Die Ziffernblätter mussten für die Restauration ausgebaut werden.

„Das war für die Elmshorner ein richtiges Spektakel, Kinder haben aufgehört Fußball zu spielen und sogar die Arbeiter von der Baustelle des Kirchlichen Zentrums haben zugesehen. Acht Wochen dauerte es dann, bis die Firma OttoBuer, die sich auf Kirchenglocken und -uhren spezialisiert hat, den Schmutz und die Restfarbe entfernt, Grundierung und Lackfarbe aufgebracht und Ziffern und Zeiger mit Blattgold verziert hatte. Auch die Metallunterbauten, auf denen die Zifferblätter befestigt waren, mussten ausgetauscht werden. „Es war mehr Arbeit, als gedacht“, sagt Lehmann. Durch all die Probleme, die sich ergeben haben, erhöhen sich die Restaurierungsarbeiten. Ursprünglich waren 12.000 Euro veranschlagt, derzeit geht man von 18  000 Euro aus – und es wird wohl noch mehr werden. „Das ist misslich für unseren Haushalt, da müssen andere Dinge erstmal zurückstehen“, sagt Rosmarie Lehmann.

Sebastian Otto befestigt das Ziffernblatt mit einer neuen Konstruktion im Innern des Kirchturms.
Sebastian Otto befestigt das Ziffernblatt mit einer neuen Konstruktion im Innern des Kirchturms. Foto: Sprenger
 

Zum Beispiel der Ersatz der beim missglückten Einbau heruntergefallenen Ziegelsteine. „Das werden wir wahrscheinlich im nächsten Jahr noch nicht schaffen“, sagt Lehmann. Denn dafür müssen die Ziffernblätter wieder abgenommen werden. Immerhin: Die restaurierten Ziffernblätter werden für lange Zeit Wind und Wetter trotzen können: „Das Ergebnis wird nachhaltig wirken und für die nächsten 50 Jahre werden wir Ruhe haben“, sagt Lehmann.

Dafür, dass die Zeiger den Elmshornern wirklich richtige Zeit anzeigen, dafür hat Sebastian Otto gesorgt: „Wir stellen die Kirchenuhren nach unseren eigenen Funkuhren.“

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erstellt am 26.Nov.2016 | 14:00 Uhr

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