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Elmshorner Nachrichten

03. Dezember 2016 | 05:40 Uhr

Knechtsche Hallen: Streifzug durch die Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Gesa von Grumbkow hat hier ihre Hausaufgaben gemacht, im Kontor ihres Großvaters Wilhelm Knecht. Das war mit üppiger Eichenvertäfelung und verzierten Sprossenfenstern ausgestattet, die Wände im Treppenhaus waren gefliest. 65 Jahre später besuchte sie am Sonntag die einst repräsentativen Räume und ist „erschüttert“: 2014 wütete ein Brand dort und hinterließ verkohlte Balken. „Anstrengend“ war die Reise in die Vergangenheit für die Mittsiebzigerin, aber nach der Runde resümierte sie: „Gut, dass ich das gemacht habe.“

1913 baute Wilhelm Knecht für seine Lederfabrik zwei große Gebäude mitten in Elmshorn, 1917 kam ein lang gezogenes Haus an der Schloßstraße dazu. 1953 schloss die Lederfabrik Knecht, nächster Nutzer war Teppich Kibek. Der Händler schloss sein Zentrallager dort 2006, seitdem stehen die Knechtschen Hallen leer. Am Tag des offenen Denkmals am Sonntag bestand die seltene Gelegenheit, das eingetragene Industriedenkmal zu besichtigen. Eine Chance, die viele nutzen wollten: Die drei Führungen mit insgesamt 60 Gästen waren schon Stunden im Voraus ausgebucht.

Organisiert wurden die Touren vom Freundeskreis Knechtsche Hallen, der so viel wie möglich von den riesigen Gebäuden erhalten will. Seit Jahresanfang nutzen die Vereinsmitglieder einen kleinen Abschnitt, der große Rest der insgesamt rund 20  000 Quadratmeter Nutzfläche in fünf Stockwerken liegt nach wie vor brach. Offene Fahrstuhlschächte, Bohrlöcher im Boden, herumliegender Schutt, jede Menge Glasscherben, farbenprächtige Graffiti an den Wänden und eine tote Taube im Treppenhaus: Die Gäste erlebten eine abenteuerliche Tour durch Elmshorns Industriegeschichte.

Sören Vollertsen war bei allen drei Touren dabei und konnte mit eigenen Erfahrungen aufwarten: Anfang der 2000er Jahre hatte er bei Kibek in den Knechtschen Hallen gearbeitet. Ein „bisschen merkwürdig“ fühlte es sich für ihn an, nach elf Jahren wieder an seinen alten Arbeitsplatz zurückzukehren: „Von Minute zu Minute kommen die Erinnerungen hoch.“ Vom Fotostudio fand er noch Tapeten und die alte Dunkelkammer. Die Zukunft der geschichtsträchtigen Gebäude ist unklar. Sie gehören Kibek-Chef Frank Sachau. Angesichts der geplanten Umgestaltung der Elmshorner Innenstadt ist die Fläche, auf der die Knechtschen Hallen stehen, zum Filetstück geworden. Jens Jähne, dem Vorsitzenden des Freundeskreise, ist klar, dass es schwierig wird, die Hallen zu bewahren: „Das geht nur durch gesellschaftlichen Druck und durch Geld“.

Jähne, der als einer von jeweils vier Helfern mit Taschenlampen die Führungen begleitete und sicherte, sah unterwegs schon Nutzungen für die Flächen: Wo Architekt Pitzer von erhaltenen gusseisernen Fenstern schwärmte, stellte sich Jähne Fotostudios oder Designer vor, die in dieser besonderen Atmosphäre arbeiten. Im fünften Stock rief er die Besucher auf: „Prägen Sie sich diesen Blick über Elmshorn ein!“, nach Loft-Wohnungen in solcher Lage leckten sich viele die Finger. Den 70 Meter langen Raum an der Schloßstraße sah er „prädestiniert für eine Kulturetage und Gastronomie“.

Bis dahin liegt noch viel Arbeit vor dem Freundeskreis. Erste Dringlichkeit haben laut Architekt Pitzer die Dächer: Sie weisen Leckagen auf. Das Dach eines Zwischenhauses haben die Ehrenamtler schon gereinigt.

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