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Elmshorner Nachrichten

06. Dezember 2016 | 13:12 Uhr

„Gefährliche Pflege“ im Altenheim?

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Haus Thomsen Fünf Pflegerinnen berichten von schlimmen Zuständen / Die Leiter des Hauses lehnen die Kritik ab und beschuldigen ehemalige Mitarbeiter

Es geht um Menschen, um alte Menschen, die oft nicht mehr für sich selbst sprechen können und im Altenheim auf die Fürsorge von Altenpflegerinnen und Altenpflegerhelferinnen angewiesen sind. Das ist auch der Grund, warum sich fünf Frauen, die bis Mai alle im Senioren- und Pflegeheim Haus Thomsen in Elmshorn gearbeitet haben, an diese Zeitung gewandt haben. Sie wollen über ihre Erfahrungen berichten und das Leben für die Bewohner verbessern. Denn das, was sie während ihrer Arbeit erlebt haben, bezeichnen sie als „gefährliche Pflege“.

Vor allem kritisieren die Frauen die personelle Unterbesetzung im Heim. Wenn sie Glück hätten, seien die Pfleger und Pflegehelfer zu fünft in einer Schicht, manchmal sogar nur zu zweit oder zu dritt. Und das bei bis zu 48 Bewohnern. „Das führt dazu, dass wir uns alle die Hacken ablaufen und körperlich und psychisch am Ende sind“, berichtet die Altenpflegerin Irina Buch*. Mit zu vielen Betäubungspflastern seien die Bewohner zeitweise richtiggehend sediert worden, weil niemand sich die Mühe gemacht habe, alte, schlecht zugängliche Pflaster zu entfernen. Medikamente seien zu spät bestellt worden, die tägliche Pflege der Menschen sei oft nur eine „oberflächliche Katzenwäsche“. „Was wirklich los ist, sieht man dann erst bei der Intimpflege“, sagt Buch.

Die Tochter einer Bewohnerin, die regelmäßig im Haus Thomsen zu Besuch ist, berichtet: „Die Hygiene im Haus Thomsen ist unmöglich. Da bezahlt man so viel Geld, trotzdem hat meine Mutter fettige Haare und dreckige Fingernägel. Sie wird oft nur einmal in der Woche geduscht – dabei sollte das doch jeden Tag passieren.“ Der Pullover ihrer Mutter starre oft vor Dreck. „Das ist einfach nur ekelhaft.“ Oft habe sie sich schon beschwert. „Dann heißt es immer, dass nicht genug Personal da sei.“ Seit Anfang Mai sollen etwa zwölf Bewohner von Angehörigen aus dem Heim geholt worden sein.

Heimleiter Burghard Herrmann und seine Frau Angela Konieczny, selbst ausgebildete Altenpflegerin, weisen diese Vorwürfe von sich. Auch wenn die Heimaufsicht des Kreises und der medizinische Dienst der Krankenkassen (MdK) im Haus Thomsen Dinge beanstandet hätten – um die Hygiene der Bewohner sei es dabei nie gegangen. „Im Gegenteil – wir bekamen die Rückmeldung, dass sich unsere Bewohner in körperlich gutem Zustand befinden“, sagt Herrmann. Dem Ehepaar ist die Situation, mit der sie jetzt in Elmshorn konfrontiert werden, nicht unbekannt. Das Altenheim in Henstedt-Ulzburg, das sie 2012 übernommen haben, habe am Anfang auch schlechte Qualitätsprüfungen vom MdK bekommen. Und auch dort habe es Probleme mit einigen Mitarbeitern gegeben. „Das ist hier wie ein Abziehbild von Henstedt-Ulzburg. Und jetzt, zwei Jahre später, gibt es keine Beanstandungen mehr vom MdK – und noch wichtiger: Der Krankheitsstand bei unseren Mitarbeitern ist unter zwei Prozent gefallen“, sagt Angela Konieczny. Sie und ihr Mann sind überzeugt, dasselbe auch in Elmshorn zu schaffen. „Sonst wären wir hier auch fehl am Platz.“

Nur sind da weiterhin die Vorwürfe ihrer ehemaligen Mitarbeiterinnen. Wie die Altenpflegehelferin Manja Peters* berichtet, hätten mindestens zwei Bewohner des Hauses multiresistente Keime. Normalerweise müssten diese Menschen von den anderen Bewohnern isoliert werden und alle Mitarbeiter, die mit ihnen zu tun haben, Handschuhe, Mundschutz und Kittel tragen. „Aber das erlaubt der Chef nicht, damit die Angehörigen nicht sehen, dass es hier Probleme gibt.“

Acht Mitarbeiter hätten in letzter Zeit das Heim verlassen, fünf hätten gekündigt, drei seien fristlos gekündigt worden. Auch Irina Buch war kurz vor dem Zusammenbruch, als sie gekündigt hat. Die ausgebildete Altenpflegerin war als Nachtwache eingeteilt und während ihres Dienstes alleine eingesetzt. Sie erzählt von Notfällen, etwa, wenn ein Patient einen Herzinfarkt erleidet. „Dann muss ich den Notarzt rufen, die Tür aufmachen, den Fahrstuhl holen und das Ganze dokumentieren – aber während dieser ganzen Zeit bleibt der Patient alleine.“ Solche Notfälle seien in den vergangenen drei Monaten fünf- bis sechsmal vorgekommen. Irina Buch kam mit der Situation nicht mehr zurecht, bekam Panikattacken und konnte nicht mehr richtig schlafen. Nachdem kürzlich ein verstorbener Bewohner bereits zehn Stunden tot in seinem Bett lag, als sie ihre Schicht antrat, war das für sie nur das letzte Glied einer langen Kette an Vorfällen – sie kündigte.

Auch für Manja Peters, die in der Tagesschicht arbeitete, waren die Arbeitsbedingungen unhaltbar: „Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist durch den ganzen Stress unglaublich schlecht. Überall wird nur gemeckert und vom Chef kommt nur Druck, keinerlei Lob.“ Burkhard Herrmann ließe sich auf den Stationen den ganzen Tag kaum blicken und reagiere auch nicht auf die Nöte seiner Angestellten.

Selbst eine Pflegedienstleitung (PDL) gebe es tagsüber im Haus Thomsen nicht. Für die Organisation der Abläufe und Absprachen mit Ärzten und Apotheken arbeitet in einem Altenheim normalerweise eine speziell ausgebildete Kraft. In jeder Einrichtung muss es eine solche PDL geben. Diese Ausbildung hat im Haus Thomsen laut Irina Buch aber nur eine Frau, die als Nachtwache tätig ist und damit tagsüber nicht anwesend. „Auf dem Dienstplan sieht alles ganz gut aus“, sagt Manja Peters. „Aber da stehen Mitarbeiter drauf, die schon lange nicht mehr da sind.“

Auch zu diesen Punkten bleiben Burghard Herrmann und Angela Konieczny nicht stumm. Zu wenig Personal gebe es in ihrer Einrichtung nicht – und vorübergehende Engpässe würden durch Zeitarbeitsfirmen ausgeglichen. Das sei nicht ideal, aber manchmal die einzige Möglichkeit. Mittlerweile sei man aber in der komfortablen Lage, eine 50-prozentige Fachkraftrate vorweisen zu können. Das werde auch regelmäßig von den Behörden überprüft. „Nicht mehr vorhandenes Personal auf die Dienstpläne zu schreiben, sei da gar nicht möglich“, sagt Burghard Herrmann.

An der Fortbildung der Mitarbeiter arbeiteten die beiden jetzt Punkt für Punkt, um die Qualität zu verbessern und den Anforderungen des MdK zu entsprechen. „Wir arbeiten auch daran, die individuelle Pflege zu verbessern“, sagt Konieczny und berichtet von Essen, die auf die Vorlieben der Bewohner abgestimmt werden. Was die PDL betrifft, so sei die Stelle bereits ein halbes Jahr vakant gewesen, als sie das Haus Thomsen übernommen hätten. Dass die jetzige PDL nachts arbeite, sei rechtlich kein Problem. „Es gibt keine Vorschriften darüber, wann eine PDL im Dienst ist. Aber wir werden auch bald eine zweite PDL haben, die auch tagsüber arbeitet.“

Wenn es um die gekündigten Mitarbeiter geht, wird Angela Koniecznys Tonfall härter. „Ich komme selber aus der Pflege und es ist ganz wichtig, diese Arbeit ordentlich zu machen. Wenn diese Frauen sagen, unsere Pflege sei schlecht, dann beschuldigen sie sich und ihre Arbeit selbst.“ Die Einstellung der Mitarbeiter habe in der Pflege einen besonders hohen Stellenwert, da man schließlich für Menschen verantwortlich sei. „Und wenn jemand Zigarettenpausen macht, während noch Menschen gewaschen werden müssen, dann kann ich das nicht verstehen.“ Als Leitung hätte Burghard Herrmann sich nichts zu Schulden kommen lassen. „Ich bin sehr viel im Haus unterwegs, kontrolliere die Arbeit der Mitarbeiter und bespreche mit ihnen, was noch verbessert werden muss“, sagt er.

Das Arbeitsklima hat sich laut Herrmann deutlich verbessert, seit einige Mitarbeiter das Haus verlassen hätten. „Wir sind auf einem guten Weg und haben keinen Personalmangel. Der Krankenstand ist seit Juni schlagartig zurückgegangen.“ Viele der Vorwürfe seien haltlos. Bei multiresistenten Keimen hielte das Haus Thomsen alle Vorschriften ein – in dem Fall habe sich die Infektion allerdings nicht im Brachialsystem, sondern im Urin befunden – „und da braucht man natürlich keinen Mundschutz“.

Manja Peters und Irina Buch reicht es – ebenso vielen ihrer Kollegen. „Bei der Altenpflege muss man mit so viel Herz und Liebe dabei sein“, sagt Manja Peters. „Das sind Menschen, um die es bei uns geht. Wie mit ihnen umgegangen wird, macht mich einfach nur traurig.“ Peters würde am liebsten eine ganz andere Pflege machen. „So geht es vielen meiner Kolleginnen – sie wollen sich mehr Zeit für die Bewohner nehmen. Aber dafür bräuchte man erst einmal einen Investor.“

* Namen wurden von der Redaktion geändert.

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erstellt am 19.Jul.2016 | 16:15 Uhr

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