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Elmshorner Nachrichten

10. Dezember 2016 | 17:41 Uhr

Ungewohnte Blickwinkel : „Flüchtlinge – unsere Gesellschaft braucht diese Menschen“ - Diskussion in Elmshorn

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Die Nordakademie und die Initiative Elmshorn luden ein zu einer Diskussion unter dem Titel „Wirtschaft trifft Wissenschaft“.

Elmshorn | Wenn sich Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft austauschen, dann geht es in der Regel recht nüchtern zu – selbst, wenn es um ein so emotional aufgeladenes Thema wie die Flüchtlings-Debatte geht. Um so überraschender kam wohl für die Teilnehmer der gemeinsamen Veranstaltung der Nordakademie und der Initiative Elmshorn unter dem Motto „Flüchtlinge – unsere Gesellschaft braucht diese Menschen“ der Beitrag von Jennifer Ellis.

Der Nordakademie-Absolventin gelang es, mit ihrem sehr persönlichen und emotional aufgeladenen Vortrag, die Aufmerksamkeit der 90 Zuhörer im Audimax der Nordakademie zu fesseln. Hier ging es nicht um Theorie und abstrakte Integrationskonzepte. Jennifer Ellis erzählte, wie sie dazu kam, den jungen Syrer Bilal Hammoud in ihrem Haus aufzunehmen – und wie es ihr mit einer einzigen Mail gelang, dass der 23-Jährige in diesem Jahr ein Studium an der Nordakademie aufnehmen kann. Das viel beklatschte Fazit: „Statt sich darauf zu konzentrieren, was mit den Flüchtlingen alles schiefgehen könnte, sollten wir uns darauf fokussieren, dass die meisten hier einfach nur ein neues Leben beginnen möchten – und wie wir ihnen dabei helfen können.“

Zwischen ihr und Bilal Hammoud gäbe es viele kulturelle Unterschiede. Der junge Syrer isst zum Beispiel kein Schweinefleisch und glaubt im Gegensatz zu ihr an Gott. „Aber das sind doch alles keine Gründe, warum man sich nicht verstehen sollte“, sagte sie. „Wir glauben beide an Familie, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft – und das ist doch so viel wichtiger.“ Und: Integration sei keine Einbahnstraße. „Es gibt vieles, was wir von anderen Kulturen lernen können“, sagte Ellis. „Das beste daran ist, dass wir dafür nicht mal mehr verreisen müssen.“

Einen ebenfalls ungewöhnlichen Blickwinkel auf die Flüchtlingssituation warfen die beiden Nordakademie-Studenten Julian Krais und Mitja Wittersheim, die im Rahmen eines sogenannten Science Slams auf unterhaltsame Weise über die Themen Lebensmittelverschwendung und Blickpunkt-Wechsel sprachen. Krais machte seine Zuhörer mit verblüffenden Statistiken darauf aufmerksam, dass ein Drittel der gesamten Lebensmittel, die auf der Welt produziert werden, im Müll landen. Das führt nicht nur zu einem enormen CO2-Ausstoß, sondern Lebensmittelknappheit ist auch ein Fluchtgrund für viele Menschen. Wittersheim legte den Fokus dagegen auf die Lebensumstände von Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen müssen. „Was wäre wenn wir täglich 1000 Luftangriffe auf Deutschland erdulden müssten, wenn wir keinen Zugang zu frischem Wasser oder medizinischer Versorgung hätten? Ich glaube, wir wären die viel komplizierteren Flüchtlinge.“

Jennifer Ellis sprach über ganz praktische Hilfe.
Jennifer Ellis sprach über ganz praktische Hilfe. Foto: Sprenger
 

Wie Flüchtlinge aktiv in die Gesellschaft eingebunden werden können, darüber gab es später eine ganz klassische Podiumsdiskussion zwischen Thomas Kenntemich von der Bundesagentur für Arbeit, Andreas Alexander Eule von der Industrie- und Handelskammer, Siglinde Hessler vom Deutschen Gewerkschaftsbund und Pastor Norbert Bezikofer vom Erzbistum Hamburg. Die größte Herausforderung, da waren sich alle einig, ist die Integration in den Arbeitsmarkt. Für Kenntemich gehören dazu Weiterbildungsangebote ebenso wie die Vermittlung von Praktikanten an Unternehmen. Sprachkurse sollen in Zukunft immer mehr mit beruflicher Orientierung kombiniert werden, damit nicht ein bis zwei Jahre vergehen, bis ein Flüchtling zum ersten Mal in Kontakt mit der Arbeitswelt kommt.

„An dieser Stelle können sich Unternehmen einbringen – und haben gleichzeitig die Chance, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, die zu ihnen passen“, sagte Kenntemich. Er plädiert für individuelle Wege an Stelle standartisierter Integrationskurse. Diese Meinung vertrat auch Pastor Bezikofer. „Jeder Geflüchtete hat seine eigene Geschichte. Grundsätzlich kommen hochmotivierte Menschen. Es sind die langen Wartezeiten, in denen sie zur Untätigkeit gezwungen sind, die die Leute entmutigen.“ Den Abschluss der Veranstaltung gestaltete der aus dem Fernsehen bekannte Comedian Abdelkarim.

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erstellt am 05.Okt.2016 | 12:15 Uhr

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