zur Navigation springen

Elmshorner Nachrichten

09. Dezember 2016 | 03:11 Uhr

Er hilft bei Zahnschmerzen : Elmshorner Zahnarzt Bernd Ossenkop behandelt Obdachlose und Flüchtlinge in Hamburg

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Einmal im Monat ist der Elmshorner Zahnarzt Bernd Ossenkop in Hamburg im Einsatz.

Elmshorn | Wenn Bernd Ossenkop Mittwochmorgens mit einem kleinen Lastwagen am Hamburger Hauptbahnhof einbiegt, erwartet ihn schon eine große Gruppe Menschen sehnlichst. Kein Wunder: Die Leute haben Zahnschmerzen. Und weil sie keine Papiere haben oder sich nicht trauen, eine Arztpraxis aufzusuchen, kommen Obdachlose und Flüchtlinge hierher, zur Haltestelle des Zahnmobils der Caritas.

Mittwochsvormittags hat einmal im Monat der Elmshorner Zahnarzt Bernd Ossenkop Dienst. Ehrenamtlich zieht der 68-Jährige Zähne oder macht Füllungen – gleich vor Ort. Die Patienten behandelt Ossenkop in der Reihenfolge der Nummernzettel, die der Fahrer des Zahnmobils zuvor verteilt hat. „Da kommt es auch schon mal zu verbalen Auseinandersetzungen und Schlägereien darüber, wer als erster dran kommt“, erklärt Ossenkop. Denn: Während seiner Schicht bis 12 Uhr schafft der Arzt etwa zehn Patienten, danach muss das Zahnmobil zu seinem Standort am ehemaligen Hafenkrankenhaus in der Seewartenstraße zurückkehren, um die mobile Praxis auf den nächsten Einsatz am Nachmittag vorzubereiten.

2008 ist das Zahnmobil als erstes seiner Art von der Caritas gestartet worden – nicht nur als mobile Zahnarztpraxis, sondern auch um in Brennpunktvierteln Kindern die richtige Zahnpflege beizubringen. Ossenkop hat im März 2010 angefangen und ist seitdem einer von etwa 28 Zahnärzten, die in ihrer Freizeit Bedürftigen helfen.

Vor zweieinhalb Jahren haben er und seine Frau ihre Praxis an ihren Sohn und ihre Schwiegertochter abgegeben. Trotzdem engagiert sich Ossenkop weiterhin in Hamburg. „Es ist sehr befriedigend, anderen mit seinen Fähigkeiten helfen zu können – und ich bin der Meinung, dass man der Gesellschaft auch ein bisschen was zurückgeben sollte, wenn man dazu in der Lage ist“, sagt Ossenkop. „Und ich und meine Ausbildung werden gebraucht, Zähneziehen kann ja nicht jeder.“

Am Anfang des Zahnmobils kamen zu den verschiedenen Haltestellen in erster Linie Obdachlose. „Das hat sich inzwischen verändert“, sagt Ossenkop. „Jetzt kommen zu 90 Prozent Flüchtlinge und nur noch zu zehn Prozent Obdachlose.“ Ossenkop glaubt, dass das vor allem am Charakter der Menschen liegt. „Obdachlose werden am liebsten in Ruhe gelassen und kommen nur, wenn sie wirklich starke Schmerzen haben. Flüchtlinge haben dagegen schon eine Flucht bewältigt, sie sind deutlich aktiver.“ Mit den Obdachlosen habe er früher oft Gespräche geführt, über ihre Lebenssituation und wie sie in diese hineingeraten sind zum Beispiel. „Es ist erschreckend, wie schnell das manchmal gehen kann“, sagt Ossenkop. „Erst verlieren die Menschen ihre Arbeit, dann geht die Ehe kaputt – und dann wollen sie alles nur noch hinter sich lassen.“ Mit den Flüchtlingen seien Gespräche wegen der Sprachbarriere schwieriger. Trotzdem genießt Ossenkop den Kontakt mit den vielen verschiedenen Patienten.

Was Ossenkop im Zahnmobil macht, ist reine Schmerzbehandlung. Die Arbeit unterscheide sich stark von seinem früheren Praxisalltag. „Dort hat man Menschen von der Kindheit an begleitet. Hier sehen wir die Menschen oft nur einmal.“ 95 Prozent der Patienten des Zahnmobils kommen mit akuten Beschwerden, viele sind Zahnpflege nicht gewohnt – Ossenkop hat es oft mit verfaulten Zähnen zu tun. Keine komplizierte, aber eine wichtige Arbeit. „Und die Menschen sind sehr dankbar.“ Der 68-Jährige kann sich nicht über Langeweile im Ruhestand beschweren. Ossenkop geht auf Reisen, segelt und besucht seine drei Kinder. Mit der Arbeit im Zahnmobil möchte er trotzdem weitermachen – „solange es geht.“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 19.Okt.2016 | 16:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen