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Elmshorner Nachrichten

27. September 2016 | 17:33 Uhr

„Vom Fleck weg eingestellt“ : Elmshorner Tischler beschäftigt Flüchtlinge und kritisiert die Agentur für Arbeit

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Der Elmshorner Tischler Jan-Markus Göbel hat einen Syrer als Gesellen. Mit der Agentur für Arbeit ist er unzufrieden.

Elmshorn | Jan-Markus Göbel ist ein Mann mit Prinzipien. Der 44-jährige Tischler scheut sich nicht seine Meinung zu sagen – sei es zur Flüchtlingssituation oder zur deutschen Bürokratie. Und die fällt, wenn es um die Bürokratie geht, nicht gerade schmeichelhaft aus.

Angefangen hat alles damit, dass Göbel im Februar mit seiner Werkstatt von Krempe in eine Tischler-Gemeinschaft an der Justus-von-Liebig-Straße umgezogen ist. Dort hat er den Praktikanten der Firma Holzfeind kennengelernt, einen 19-jährigen afghanischen Flüchtling. „Ich habe ihn ein paar Mal auf den Bau mitgenommen und er ist unglaublich fleißig und motiviert“, erzählt Göbel. Weil der Tischler schon seit längerem erfolglos nach einem Gesellen sucht, kam er auf die Idee, einen Flüchtling einzustellen. Göbel wandte sich an die Agentur für Arbeit – und scheiterte an der Bürokratie. „Dort sagte man mir, ich stelle mir das alles zu einfach vor, es gebe viel zu beachten. Das war mir alles viel zu kompliziert.“

Göbel riss irgendwann der Geduldsfaden. „Das passte nicht zu mir, ich bin ein spontaner, unverschnörkelter Mensch.“ Hilfe bekam er dann bei der Handwerkskammer Lübeck, von Willkommenslotsin Birgit Wacker. Ihre Aufgabe ist es, von Elmshorn aus in den Kreisen Steinburg, Pinneberg und Segeberg geflüchtete Menschen und Handwerksbetriebe zusammenzubringen. Vor allem nimmt sie den Betrieben die verwaltungstechnischen Fragen so weit wie möglich ab, berät zu den rechtlichen Rahmenbedingungen und zum Qualifikationsbedarf. „Herr Göbel hat mir geschildert, was er sucht“, erzählt Wacker. „Und kurz darauf kam ein Ehrenamtlicher aus Itzehoe mit Mohamad Albeida zu mir.“

Der 35-jährige Syrer passt ideal zu Jan-Markus Göbel. Sein ganzes Leben lang arbeitet er schon als Tischler, erst als Junge in den Ferien in der Werkstatt seines Vaters, später im eigenen Betrieb. Im Juli 2014 kam Albeida mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Sohn nach Itzehoe, legte an der Volkshochschule die Sprachprüfung auf dem Niveau B1 ab. Kurz nachdem sich Albeida bei ihr vorgestellt hatte, rief Birgit Wacker in der Tischlerei von Jan-Markus Göbel an. „Ich sagte: Ich glaube ich habe Ihren neuen Mitarbeiter gefunden. Und eine Viertelstunde später saß Herr Göbel bei mir und hat Herrn Albeida vom Fleck weg eingestellt.“

Die Zusammenarbeit läuft jetzt gut, Mohamad Albeida baut Türen, Schränke und Tische und erhält das selbe Gehalt wie jeder andere ausgelernte Geselle. Einiges ist für ihn neu. In Syrien seien Tischler echte Allrounder, kümmerten sich neben der Inneneinrichtung auch um den ganzen Hausbau, vom Maurern bis zum Dachdecken. Deutsche Tischler seien eher Spezialisten. „Aber daran werde ich mich gewöhnen“, sagt Albeida. Und dann ist da natürlich noch die Sprache. „Die ist sein Handicap“, sagt Tischer Göbel. „Aber auch das wird durch die viele Praxis immer besser“, sagt Göbel. Er glaubt, dass Albeida in drei Monaten in der Werkstatt mehr gelernt habe als in zehn Monaten in der Volkshochschule.

Auch wenn Birgit Wacker von der Handwerkskammer das anders sieht – „gewisse Grundlagen braucht man einfach“ – sie ist begeistert von der Zusammenarbeit zwischen Göbel und Albeida. „Das ist ein Glücksfall, das klappt längst nicht immer so schnell und so reibungslos.“ Es sei ein großes Glück, dass Mahamad Albeida bereits als Flüchtling anerkannt ist. Deutlich schwieriger sei es bei Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern, bei denen nie sicher ist, wie lange sie noch in Deutschland bleiben können.

Göbel ist mittlerweile so überzeugt von Mohamad Albeida, dass er sofort einen zweiten Flüchtling einstellen würde. Nur müsse die Vermittlung durch die Agentur für Arbeit besser werden. Davon profitiere dann auch das Handwerk. Gerade hier sei der Fachkräftemangel ein Problem. „Ich weiß zu diesem Zeitpunkt von bestimmt zehn offenen Stellen.“ Früher habe er es nie ernst genommen, wenn von den Facharbeitern unter den Flüchtlingen die Rede gewesen sei. „Aber da habe ich meine Meinung grundlegend geändert. Die Flüchtlinge, die ich kennengelernt habe, sind pünktlich, fleißig und froh, einen Beruf zu haben. Für sie ist es eine Ehre, arbeiten zu dürfen.“ Das bestätigt auch Albeida: „Selbst das Essen schmeckt jetzt besser, weil ich es mir selber verdient habe.“

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erstellt am 19.Sep.2016 | 14:00 Uhr

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