zur Navigation springen

Elmshorner Nachrichten

10. Dezember 2016 | 00:19 Uhr

Auf dem Dachboden von St. Nikolai : Eine Zeitreise hoch über den Dächern von Elmshorn

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Es gibt vieles zu entdecken: Objekte aus dem 17. Jahrhundert bis zu heute notwendigen Feuerlöschern.

Elmshorn | „Hinter die verschlossene Tür des Kirchen-Dachbodens wollen Sie gucken?“ In der St.-Nikolai-Kirchengemeinde ist man zwar gern bereit selbige zu öffnen – doch es gibt keine Tür, dafür aber eine dicke Holzluke. Und die aufzustoßen, fordert erstmal kräftigen Körpereinsatz.

Auf einer steilen Leiter im Probenraum neben der Orgel stehend, muss zuerst eine dicke Holzplatte über dem Kopf hochgestemmt werden. Dabei hilft ein schwerer Ziegelstein auf dem Dachboden, der über ein Drahtseil mit der Bodenluke verbunden ist. Drückt man die Luke hoch, sinkt der Stein als Gegengewicht ab und hält sie offen.

 

Der Blick fällt in einen riesigen Raum. Dicke Holzpfosten stützen das Gebälk der Dachkonstruktion. Staub flirrt im schwachen Sonnenlicht, das durch die kleinen Fensterluken fällt. Übersichtlich leer sieht es dort aus und... sandig? In der Tat, doch wer nun meint, man müsse dort mal den Besen schwingen, wird eines Besseren belehrt: Der alte Lehmeinschub – mittlerweile zu Staub und Sand zerbröselt – wurde zurzeit des Dachneubaus vor mehr als 100 Jahren aufgetragen, um die darunter liegenden Holzbohlen vor Austrocknung und dem Sprödewerden zu schützen, erklärt Rosmarie Lehmann, Vorsitzende des Kirchengemeinderates von St. Nikolai. Außerdem diene er dem Schallschutz und der Wärmedämmung. „Gehen Sie vorsichtig!“, meint sie, denn der Fußboden ist teilweise nur über ausgelegte Bretter begehbar. Ein Schritt daneben, und man kann durchbrechen...

Hat sich der Blick ans Schummerlicht gewöhnt, sind in der Raummitte längliche, mit dicker Staubschicht bedeckte Holzplatten zu sehen. Wischt man darüber, kommt ein zarter Blauton zu Tage. Es sind Holzwangen aus Eiche. Am oberen Ende sind sie mit Knorpel-schnecken und Muschelmotiven (dem Erkennungszeichen der Pilger) verziert. Ähnliche Wangen findet man auch in der denkmalgeschützten Kirche als Seitenteile der Sitzbänke. Diese weisen mit den Jahreszahlen von 1667 bis 1699 auf ihren Entstehungszeitraum hin.

Bankwangen: Ihre in der Kirche stehenden „Kollegen“ weisen Jahreszahlen kurz nach dem 30-jährigen Krieg auf.
Bankwangen: Ihre in der Kirche stehenden „Kollegen“ weisen Jahreszahlen kurz nach dem 30-jährigen Krieg auf. Foto: Robbe
 

Auf dem Mittelbalken liegt, durch Holzwangen gestützt, ein schmales, schlichtes Kreuz mit dem Schriftzug INRI. Der Anblick berührt wie ein Fingerzeig der Ewigkeit. Gedanken an Gottvertrauen und stille Zuversicht kommen dem Betrachter in den Sinn. Das graubestaubte Kreuz wirkt wie aus der Zeit gefallen und doch zeitlos. Woher die Figur kommt, kann Rosmarie Lehmann spontan nicht erinnern. Doch vielleicht wäre es ja eine hübsche Idee, sie in den Gemeinderäumen des kirchlichen Zentrums zu neuem Leben auferstehen zu lassen.

Hinten in einer Ecke unter der Dachschräge steht ein weiteres Kreuz. Schlicht und unbeschriftet mag es mal eine Nische im Gotteshaus ausgefüllt haben. Daneben hängt ein knallroter Feuerlöscher – er scheint völlig deplatziert, wenn auch notwendig, um den Brandschutz zu gewährleisten. Vergänglichkeit und Ewigkeit finden auf dem Dachboden ein trautes Miteinander. Erst der Blick aus einem der kleinen Dachbodenfenster und den mit eisernen Haken gesicherten Klapptüren lässt einen wieder ins Hier und Heute zurückkehren. Ein selten naher Blick auf Regenrinnen und den Glockenturm von St. Nikolai beendet den Besuch auf dem Dachboden des Gotteshauses.

Unten auf dem Marktplatz spürt man nichts von der Stille hoch oben, sondern hört fröhliches Lachen, die Musik des Kinderkarussells und das lebendige Treiben der Elmshorner rund um die älteste Kirche der Stadt.

Älteste Quellen erwähnen in einem 1362 abgeschlossenen Kaufvertrag der Herren von Raboysen das „Karkspel tu Elmshorn“. 1428 wird die Nikolaikirche ausdrücklich benannt. In der Zeit des 30-jährigen Krieges (1618-48) zerstörte Schwedenkönig Karl X. Gustav Elmshorn und seine Kirche. Der Neubau aus dem Jahr 1661, der mit der heutigen „Holztonne“ überwölbt wurde, bezog die alten Umfassungsmauern und den Turmstumpf mit ein. Erst durch den Umbau der Kirche 1912/13 verschwanden die letzten sichtbaren Relikte aus der Erbauungszeit unter Mauerverblendungen.
Karte
zur Startseite

von
erstellt am 16.Sep.2016 | 16:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen