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Elmshorner Nachrichten

05. Dezember 2016 | 13:37 Uhr

Eine neue Chance für Morteza

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Morteza Hassanzadeh ist mit seinen Eltern aus Afghanistan geflogen / Der 15-jährige ist blind, aber will unbedingt etwas erreichen im Leben

Konzentriert sitzt Mortzea Hassanzadeh in einem Klassenraum der Anne-Frank-Schule vor seinem Computer, die Augen hat er geschlossen, mit den Fingerspitzen „liest“ er den Text auf dem Bildschirm über eine sogenannte Braillezeile, die in Blindenschrift übersetzt. Denn der 15-Jährige kann nicht sehen – und er ist ein Flüchtling.

Seit Juli 2015 lebt Morteza mit seiner Familie in Elmshorn. Der Jugendliche hat zuvor noch nie eine Schule besucht. Behinderung ist in Afghanistan weitestgehend ein Tabu-Thema. Die wenigen existierenden Einrichtungen decken nur einen winzigen Teil des Bedarfs ab. Menschen wie Morteza werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Unterstützung hatte er nur durch einen Cousin, der ihm Spiele für Blinde am Computer heruntergeladen hat, und von einem ebenfalls blinden Bekannten, der ihm die Grundzüge der Blindenschrift beigebracht hat.

Drei Monate lang war Morteza mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern auf der Flucht vor dem Terrorismus in Afghanistan, größtenteils zu Fuß, das Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland hat er mit einem kleinen Schlauchboot überquert. In Deutschland steht Morteza jetzt vor einer dreifachen Herausforderung: Er muss die deutsche Sprache lernen, Unterrichtsstoff aufholen, für den deutsche Schüler normalerweise von der ersten bis zur achten Klasse Zeit haben, und den Umgang mit Hilfsmitteln für Blinde üben.


Eine neue Chance


Aber Morteza gefällt es in Deutschland gut, trotz der „schweren deutschen Sprache“. In Afghanistan habe er nicht viele Freunde gehabt, erzählt er. „Wenn Menschen gesehen haben, dass ich blind bin, haben sie sich über mich lustig gemacht.“ In Deutschland dagegen seien alle Menschen freundlich und unterstützten ihn. Seine beruflichen Möglichkeiten hätten sich in seinem Heimatland darauf beschränkt, Suren aus dem Koran in der Moschee zu singen, erzählt er. „Aber ich konnte mir nicht den ganzen Koran merken.“

Hier, in Deutschland, hat Morteza ganz andere Möglichkeiten. Und er nutzt sie auch. Karsten Wagener, der Morteza als Sonderpädagoge am Landesförderzentrum Sehen zweimal in der Woche betreut, ist begeistert von den Fortschritten des Jungen: „Morteza hat eine sehr gute Auffassungsgabe. Er lernt viel über das Abtasten von Gegenständen und wenn wir da nicht weiterkommen, verwende ich ein Wörterbuch mit Lautschrift.“

Karsten Wagener ist begeistert von der Intelligenz und der großen Motivation des Jungen. „Normalerweise dauert es ein viertel Jahr, bis ein Blinder den Umgang mit dem Computer lernt. Morteza hat das in wenigen Wochen beherrscht.“ Dabei arbeitet der 15-Jährige mit einem Ausgabegerät, das an einen Laptop angeschlossen wird und das die Schrift auf dem Bildschirm mit Hilfe kleiner, herausfahrbarer Metallstifte in Blindenschrift übersetzt.

Den Computer hat Morteza immer im Unterricht dabei, er ermöglicht ihm, digitalisierte Arbeitsblätter und Schulbücher zu lesen. „Eigentilch wollte ich mit einer mechanischen Maschine beginnen“, erzählt Wagener. „Aber Morteza ist so wissbegierig und hat mich schnell überholt. Er hat sich sogar selber beigebracht, ein Smartphone über die Sprachsteuerung zu bedienen.“

Bislang besucht der Junge in erster Linie den Unterricht in der DAZ-Klasse, der Klasse für Deutsch als Zweitsprache. In den naturwissenschaftlichen Fächern sitzt er aber bereits ganz normal mit den Schülern der achten Klasse zusammen und ab kommenden Schuljahr soll er am Regelunterricht der neunten Klasse teilnehmen.

„Das ist eine große Herausforderung“, sagt Karsten Wagener. „Früher dachte ich immer, die Sprache sei das größte Problem. Aber Morteza hat ja zum Beispiel auch nie Mathematik-Unterricht gehabt und muss den ganzen Stoff nachholen. Das ist unglaublich viel.“

Mortezas Sprachkenntnisse sind schon sehr gut, wenn man bedenkt, dass er erst seit Juli in Deutschland lebt. Er spricht noch nicht fließend deutsch, aber ein normales Gespräch ist problemlos möglich. Mittlerweile übernimmt der Junge auch Dolmetscher-Aufgaben für seine Eltern, die als Afghanen ohne Status noch keinen Anspruch auf einen Integrationskurs haben.

Für die Anne-Frank-Schule ist die Betreuung von Morteza eine große Aufgabe. „Aber er macht es uns leicht, dadurch dass er so hervorragend lernt. Morteza bereichert unser Schulleben“, sagt Schulleiterin Maren Schramm. Der Junge sauge alles auf, was man ihm erzähle, sei hochintelligent. „Er hat das Potential Abitur zu machen. Aber das braucht natürlich seine Zeit.“

Morteza bekommt viel zusätzliche Unterstützung. Er hat eine Schulbegleiterin, die ständig im Unterricht bei ihm ist, und wird zweimal wöchentlich von Karsten Wagener vom Landesförderzentrum Sehen gefördert. Diese Unterstützung ist nicht selbstverständlich, da Morteza und seine Familie noch nicht als Flüchtlinge anerkannt sind. Normalerweise hätte er weder Anspruch auf einen Schulbegleiter, noch auf Hilfsmittel wie die Braillezeile. „Zum Glück ist die Stadt bei der Eingliederungshilfe sehr großzügig und das Kreissozialamt hat das notwendige Gutachten für die Schulbegleitung trotzdem ausgestellt“, sagt Wagener. Die teuren Hilfsmittel bekommt Morteza leihweise vom Landesförderzentrum Sehen.

Als wäre der Schulalltag als blinder, afghanischer Flüchtling noch nicht schwierig genug, sucht sich Morteza immer neue Projekte. Nach einem ersten Blindenfußballtraining mit einem Spieler vom FC St. Pauli (wir berichteten) will er jetzt regelmäßig zum Training nach Hamburg fahren. Die Kosten für die Fahrt nach Hamburg übernimmt der Lions-Club Elmshorn. „Er hat ein unglaublich gutes Ballgefühl“, sagt Karsten Wagener. „Die Leute vom FC St. Pauli waren ganz wild darauf, dass er wieder kommt.“ Morteza erzählt, wieviel Spaß ihm der Sport machen würde. „Wenn ich gut bin, will ich auch in andere Länder fliegen und dort spielen“, sagt er.

Außerdem probt der 15-Jährige mit der Schulband, nimmt Klavierunterricht in der Gemeinde Zum Guten Hirten, fährt mit seinem Bruder auf einem Tandem-Fahrrad und macht bei Aktionen des Willkommensteams mit.


Zukunfts-Träume


In Zukunft will Wagener Morteza auch darauf vorbereiten, sich selbstständig in Elmshorn zu bewegen. Der nächste Schritt sind Kurse zur Berufsvorbereitung. „Morteza realisiert erst langsam, was er hier für Möglichkeiten hat“, erzählt Wagener. „Als ich ihm erzählt habe, dass es hier Blinde gibt, die als Physiotherapeuten oder in der Verwaltung arbeiten oder sogar studieren, war er ausnahmsweise mal sprachlos.“

Fragt man Morteza selbst nach seinen Zukunftsplänen, lächelt er breit: „Ich möchte gerne studieren“, sagt er. „Dafür muss ich sehr schnell lernen, in der Schule gut sein und mein Abitur machen. Ich weiß, das ist schwer. Aber wenn ich studieren kann, sagen alle, dass ich ein großer Mann bin.“

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erstellt am 23.Apr.2016 | 17:42 Uhr

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