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Elmshorner Nachrichten

07. Dezember 2016 | 21:20 Uhr

Polizist vergisst Beweismittel abzugeben : Ein Prozess offenbart Chaos bei der Kriminalpolizei

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Ein 58-Jähriger ist angeklagt, Ermittlungen behindert zu haben. Er soll Beweisstücke beiseitegeschafft haben. Der neue Kripo-Leiter sagt dazu: Dort ging vieles schief.

Elmshorn | Auf der Anklagebank des Amtsgerichts Elmshorn saß am Donnerstag ein 58-jähriger Polizist, der bis vor zwei Jahren bei der Kriminalpolizei Elmshorn eine Ermittlungsgruppe leitete und seitdem suspendiert ist. Die Staatsanwaltschaft legt ihm zur Last, Jogging-Kleidung, die nach einer sexuellen Nötigung sichergestellt wurde, sowie einen Handschuh, der als Beweismittel bei einem Raubüberfall dienen sollte, nicht an die kriminaltechnische Untersuchung weitergegeben zu haben. Außerdem soll er in seinem Büro Cannabis und Heroin gelagert haben.

Als der Richter den Angeklagten fragte, weshalb er die Kleidung nicht habe untersuchen lassen, lautete die Antwort: „Ich hab’s vergessen.“ Er habe im Frühjahr 2012 zahlreiche Anwohner und Landwirte vernommen, um einen Täter zu ermitteln, aber an die Kleidung habe er nicht gedacht. Als er einige Monate später die Akte an die Staatsanwaltschaft übergab, habe ihn diese angerufen und darum gebeten, die Kleidung zur kriminaltechnischen Untersuchung zu schicken. Eine schriftliche Anforderung dazu habe es nicht gegeben, sagte der 58-Jährige.

Und dann habe er die Anfrage erneut vergessen, weil er mitten in einer Großermittlung mit Telefonüberwachung gesteckt habe, die eigentlich das Landeskriminalamt (LKA) hätte leiten sollen, da es sich um internationale Ermittlungen handelte. Doch das LKA habe dafür keine Kapazitäten gehabt und den Fall der Elmshorner Kripo überlassen. Die Kleidung sei damals aber noch in einem Schrank bei ihm gewesen, in dem er einige Beweismittel lagerte, sagte der 58-Jährige. Weshalb sie sechs Monate später, als die Staatsanwaltschaft erneut danach fragte, nicht mehr auffindbar war, könne er sich nicht erklären. Er sei zu dem Zeitpunkt längere Zeit nicht im Dienst gewesen. Während seiner Abwesenheit habe man zudem sein Büro aufgelöst, da er zu einem anderen Sachgebiet wechseln sollte. Er selbst habe die Sachen dort nicht umgeräumt.

Von dem Handschuh, der während eines Raubüberfalls sichergestellt wurde, habe der Angeklagte nichts gewusst, sagte er. Die Ermittlungen in dem Fall habe er nur kurz geleitet und dann wegen der Großermittlung an einen Kollegen übergeben. Dass der Handschuh in der elektronischen – nicht aber in der Papierakte – erwähnt worden war, sei ihm nicht aufgefallen.

Drogen im Büro

Dass man in seinem Büro Drogen gefunden habe, stritt der Angeklagte nicht ab – allerdings hätte da nur Heroin liegen dürfen. Dies habe er auf dem Weg zu einem Arzttermin während einer Arbeitspause gefunden. Der Arzt habe ihn krankgeschrieben und er habe seine Waffe und das Heroin nur schnell in sein Büro gebracht, ehe er nach Hause ging.

„In der Ermittlungsgruppe lief vieles schief“, sagte Dietmar Engelhorn, der im Februar 2013 die Leitung der Kriminalpolizei Elmshorn übernommen hatte und gestern als Zeuge vernommen wurde. Der Angeklagte und sein Team hätten nicht sachgerecht und vernünftig gearbeitet: Einige Vorgänge seien in der Ablage gelandet, obwohl man sie hätte weiter verfolgen müssen, die Aufbewahrung der Beweismittel sei „abenteuerlich“ gewesen. „Umstände, wie sie schlimmer nicht sein können“, lautete Engelhorns Fazit. Dies habe ihn dazu veranlasst, sich die Arbeit der Ermittlungsgruppe genauer anzusehen. Und schließlich die Entscheidung zu treffen, den Angeklagten bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen.

Engelhorns Vorgängerin zeichnete ein etwas anderes Bild des Angeklagten. Ihrer Meinung nach habe er einige Ermittlungen zwar zu lange schleifen lassen, allerdings habe er sich in seinem Fachgebiet gut ausgekannt und erfolgreich gearbeitet. Er habe ihr auch mehrfach gesagt, dass er sich überlastet fühlt. An Einzelheiten erinnere sie sich jedoch nicht.

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