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Elmshorner Nachrichten

11. Dezember 2016 | 07:12 Uhr

Interview : Ehrung für den letzten

vom

Herbert Rucha hat 1954 die Bismarck-Schule beendet – jetzt stiftet er einen Preis für den, der gerade eben sein Abitur besteht.

Herr Rucha, wie kommt man auf die Idee, so einen Preis zu stiften?

Herbert Rucha: Bei unserem 25. Klassentreffen, das ich in München veranstaltet habe, hatten wir ein Festessen. Irgendwann ist ein Kamerad aufgestanden und  hat gesagt: „Ich glaube, der Herbert hat sein Abitur zu Recht verdient.“ Das hat mich richtig erschüttert. Ich bin ihm sofort über den Bart gefahren und habe gesagt: „Da habe ich aber Glück gehabt, dass du damals nicht mitentscheiden durftest. “ Es ist doch so: Der Studienerfolg ist nicht parallel zu den Abiturnoten. Es hat Klassenkameraden gegeben, die hatten schlechte Noten und haben gute Examina gemacht. Und umgekehrt. Bei einem Abiturtreffen vor zwei Jahren in Lübeck kam mir dann die Idee, mal etwas zu spendieren. Ich wollte etwas spendieren, das einen Aufhänger hat. Nicht etwa für den Besten, sondern für den Letzten, der gerade so das Abitur bestanden hat.

 

Also hängt die Stiftung auch ganz eng mit Ihrer eigenen Geschichte zusammen?

Ja, ich habe damals ein Abitur gemacht, das unterdurchschnittlich war. Ich glaube der Letzte war ich nicht, ich hatte noch ein paar ordentliche Noten in Naturwissenschaften – also besser als ausreichend. Aber in der Nachkriegszeit hatte das Abitur auch noch einen ganz anderen Wert als heute. Die Hälfte der Schüler in meiner Klasse war ohne Väter – auch mein Vater ist in Sibirien geblieben. Ich musste damals für den Lebensunterhalt meiner Familie sorgen und gleichzeitig die Schule beenden – das ist natürlich schon ein Unterschied zu heute.

Denken Sie, heutige Abiturienten haben es leichter?

Ja, die Zahl der Abiturienten ist ja auch höher. Damals haben an der Bismarckschule ungefähr 30 Schüler das Abitur gemacht. Am Lyceum höchstens 20 und in Uetersen haben nochmal 15 Abitur gemacht. Und das war es für den ganzen Kreis. Nach der Schule wurden dann die Karten ganz neu gemischt.

 

Aber Sie waren trotz Ihres schlechten Abiturs erfolgreich?

Ja, ich habe in Berlin Schiffsbau studiert und bin dann in Bremen bei der Werft gewesen. Später habe ich mich  als Statiker nach München versetzen lassen. Dort habe  ich von der technischen Fachhochschule einen Ruf als Professor für  technischen Mechanik erhalten.

 

Was wollen Sie mit dem Preis bewirken?

Ich habe den Preis nur gestiftet, damit auch mal der Letzte belobigt wird. Damit er den Marschall-Stab in die Hand nimmt und sagt: Da kann ich etwas mit anfangen, mit dem Abitur. Viele wissen gar nicht, was man mit dem Abitur anfangen kann. Sie machen die Prüfungen, obwohl sie das Abitur für ihren Beruf vielleicht gar nicht brauchen. Dieser Buchpreis  im Wert von 111,11 Euro soll zum Nachdenken anregen. Im Grunde genommen ist es eine kleine Starthilfe für Literatur. Außerdem soll es zeigen,  dass auch der letzte Abiturient mit diesem Abitur eine Chance hat.   Das ist das Ziel und mein Wunsch.

 

Warum haben Sie den Preis gerade auf 111,11 Euro festgesetzt? Hat es damit eine besondere Bewandnis?

Das ist ja der Knüller. Das sind 111 Euro und 11 Cent. Das sollen die Einsen sein, die man nie gesehen hat. Auch ich habe nie eine Eins in der Schule gesehen. Das ist der Grund, weshalb ich diese ungewöhnlichen Zahlen gewählt  habe. Und der Preis wird zehn Jahre in Folge ausgelobt. Ich wünsche diesen Abiturienten,  dass sie ihre Fähigkeiten erkennen und sich danach ihren Beruf aussuchen und studieren – dann werden sie auch Erfolg haben beim Studieren und nachher Freude im Beruf. Das war meine Intention. Gewandt habe ich mich an Direktor Rosteck. Der  Vorsitzende der Ehemaligen an der Bismarckschule, Dr. Pannen, fand Idee gut und hat mich unterstützt.

 

Klafft der Erfolg oder Misserfolg in Schule und Beruf heute Ihrer Ansicht nach immer noch auseinander?

Ja, das ist heute noch divergent. Das habe ich an meinen Kindern gesehen. Die erfolgreichsten Abiturienten sind nicht unbedingt die erfolgreichsten Studenten und umgekehrt. Diese Jagd nach den Noten ist furchtbar. Das war zu unseren Zeiten noch wesentlich besser. Die Jagd nach Noten erzeugt Abiturienten, die nur noch ihr Ziel im Erfüllen der Noten sehen.  Man kann die Noten nicht abschaffen – es muss einen Leistungsnachweis geben. Aber es sollte nicht immer das Non-Plus-Ultra sein. Man sollte auch etwas von den Noten losgelöst studieren können, in sich hineinhören, um herauszufinden, in welchen Gebieten man seine Talente und Fähigkeiten hat.

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erstellt am 19.Jul.2016 | 15:00 Uhr

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