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Elmshorner Nachrichten

06. Dezember 2016 | 13:09 Uhr

Fasziniert von kirchlicher Kunst : Die Restauratorin von St. Nikolai

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Porträt: Restauratorin Andrea Junken lässt altes Holzgebälk in St. Nikolai wieder in neuer Schönheit erstrahlen.

Elmshorn | In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die in der Region Elmshorn leben und/oder hier berufstätig sind. Sie erlauben Einblicke in ihr Leben und sind unsere „Menschen am Montag“

Noch bis Mitte der Woche wird Restauratorin Andrea Junken ihren Arbeitsplatz in schwindelerregender Höhe unter dem Tonnengewölbe und auf der Nordempore der Nikolaikirche haben. Dort gilt es, mehr als 100 Jahre alte Malereien auf einem Holzbalken zu bearbeiten. Er ist – wie auch andere Teile des Gotteshauses – teilweise vom Schwammfraß befallen und wurde von Zimmerleuten ausgebessert und stabilisiert. Dass Malereien und Farben darauf nun wieder in alter Schönheit erstrahlen, ist Aufgabe der Wedelerin.

Man muss schon einigermaßen beweglich und schwindelfrei sein, um an dem meterhohen Metallgestell emporzuklettern, auf dem Andrea Junken sich eingerichtet hat. Alle nötigen Arbeitsutensilien sollten möglichst in Greifweite stehen, denn einfach mal schnell wieder runter, weil man unten etwas vergessen hat, ist mühsam. Und so stehen Gläser mit Farbpigmenten, Küchenkrepp, Pinsel in unterschiedlichen Stärken, Lupenbrille oder spezielle Klebemittel in trauter Eintracht neben Brötchentüte und Kaffeebecher.

Vorsichtig malt Andrea Junken das Gebälkmuster nach.
Vorsichtig malt Andrea Junken das Gebälkmuster nach. Foto: Robbe

Das Gefühl ohne Netz und doppelten Boden zu arbeiten, ist für die 59-Jährige gewohnter Alltag. Ruhig sitzt sie auf einem niedrigen Hocker, ihre behandschuhten Hände ziehen geeignete Klebstoff in eine Spritze auf. Was auf den ersten Blick nicht gerade als erwartetes Arbeitsgerät einer Restauratorin scheint, entpuppt sich als unverzichtbares Hilfsmittel beim Unterspritzen von losen Farbpartikeln. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, blickt sie konzentriert auf den Holzbalken über ihr. Eine Atelierleuchte schafft tageslichtähnliche Lichtqualität. Ihre Hand fühlt vorsichtig nach einer geeigneten Einstichstelle. Nun noch mit einem Heizspachtel „anbügeln“ – und wieder ist ein winziges Stückchen Malerei gerettet. Die an manchen Stellen nur fragmentarisch zu erkennenden Muster und die gebrochenen Verläufe müssen nun mit Farbe nachgearbeitet werden. Dafür benötigt Andrea Junken spezielle Mischungen, die sie aus Farbpigmenten und Glutinleim in großen Gläsern anrührt.

Junken arbeitet mit eisenoxidhaltigen Erden wie Umbra oder Ocker. Hier ein leichter Grauanteil hinzugefügt, dort etwas weniger Rot oder Schwarz – jeder Farbton muss – nachdem er mit dem Fön getrocknet wurde – perfekt mit dem Original übereinstimmen. „Der Zustand der Holzbalkenbemalung ist überwiegend gut“, meint sie. Zwar gebe es Schäden in den vom Schwamm betroffenen Bereichen, aber insgesamt sei die Malerei bis auf wenige Stellen in gutem Zustand.

Andrea Junken ist Perfektionistin. Schon als Jugendliche hat sie der Kunstunterricht in der Schule begeistert. „Ich wollte einen Beruf ergreifen, der mit Kunst in Berührung steht, ohne Künstlerin zu sein“, erklärt sie.

Vor allem kirchliche Kunst fasziniert sie. Ihre praktische Ausbildung absolvierte Junken unter anderem beim Landesamt für Denkmalpflege in Kiel und am Altonaer Museum. Später arbeitete sie an der Restaurierung eines Deckengemäldes in der Klosterkirche Uetersen. Hier hat sie mit Kollegen die unter Schmutzschichten und Gipskrusten liegende Leuchtkraft des Barocken Deckengemäldes wieder sichtbar gemacht. Für die Horster St. Jürgen-Kirche nahm die Wedelerin im Laufe von Jahrhunderten nachgedunkelte Firnisschichten ab, um die ursprüngliche Leuchtkraft der Emporenbilder freizulegen.

Solche Arbeiten erfordern jedes Mal individuelle und spezielle Voruntersuchungen, denn schnell kann man ein Objekt durch zu tief greifende Reinigungsmethoden beschädigen. „Man muss sich mit den Maltechniken der verschiedenen kunsthistorischen Epochen auskennen“, erklärt die Restauratorin, „und sich bewusst sein, wie empfindlich die manchmal vielfach übereinanderliegenden hauchdünnen Malschichten sind.“ Wie zum Beispiel auf Werken des Mittelalters und der Renaissance, oder auch noch im 19. Jahrhundert. Wie empfindlich reagieren sie auf Lösemittel oder Feuchtigkeit? Verdeckt eine Firnisschicht vielleicht noch unerkannte, tieferliegende Schäden? Manches Mal zieht die Restauratorin Naturwissenschaftler oder Kunsthistoriker zu Rate, um zu erfahren, welche Pigmente oder Bindemittel ein Künstler vor vielen Jahrhunderten genutzt hat. Eine diffizile Arbeit, die viel Geduld voraussetzt. Junken bestätigt das, meint aber: „Wenn der Arbeitsweg klar ist, darf es so lange dauern, wie es sein muss. Aber den Lösungsweg zu finden, ist immer vorrangige Aufgabe.“

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erstellt am 28.Nov.2016 | 16:06 Uhr

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