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Die Geschichte von Festus Anunike : Der sympathische Busfahrer aus Elmshorn

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Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

In Elmshorn kennen ihn viele als sympathischen Busfahrer – in seiner Freizeit setzt sich Festus Anunike für seine Heimat ein.

Elmshorn | Fast jeder, der in Elmshorn Bus fährt, kennt Festus Anunike. Wenn der Nigerianer hinter dem Steuer sitzt, zaubert das ein Lächeln in die Gesichter seiner Fahrgäste. Anunike hat eigentlich immer gute Laune, schenkt jedem ein breites Lächeln – und er interessiert sich für die Menschen. Der 43-Jährige hat eine eigene Facebook-Seite, als „Bester Busfahrer des Universums“.

Was wohl kaum einer von Anunikes Fahrgästen kennt, ist seine andere Seite, sein politisches Engagement für sein Heimatland. In seinem Haus, das Anunike mit seiner deutschen Frau und seinen fünf Kindern bewohnt, finden sich die Anzeichen dafür überall. Auf einem Holzbrett im Garten steht in großen Lettern der Name „Biafra“, im Bücherregal hängt die Flagge des Landes, das in den 1960er Jahren für einige Zeit von Nigeria unabhängig war. Das war auch die Zeit, in der Festus Anunike aufwuchs. Seine älteren Geschwister, waren jene Kinder, deren Bilder um die Welt gingen, ausgehungert, mit aufgeblähtem Bauch und skelettartigen Körpern. Die sogenannten „Biafra-Kinder“.

„Die Versorgung mit Nahrung verbesserte sich mit der Zeit“, erzählt Anunike. „Aber auch heute noch ist die politische Stimmung zwischen dem ehemaligen Biafra und dem Rest Nigerias hochexplosiv.“ Er zeigt ein Foto auf Facebook. Zu sehen sind über zwei Dutzend tote Körper, ihre Gesichter mit Pflanzen bedeckt. Es zeigt Menschen, die sich friedlich für die erneute Unabhängigkeit Biafras einsetzen, einer Region im Südosten des Landes. „Ständig berichten die Medien über die unschuldig Inhaftierten in der Türkei oder über die fünf Menschen, die in London bei einem Terroranschlag getötet worden sind“, sagt Anunike. „Diese Dinge sind schlimm. Aber in Nigeria werden unter dem Präsidenten Muhammadu Buhari hunderte friedliche Demonstranten von der Regierung getötet und niemand in Europa interessiert sich dafür.“

Ein Land ohne Zukunft

Anunike lebt seit über 15 Jahren in Deutschland und hat sowohl die deutsche als auch die nigerianische Staatsbürgerschaft. Ungefähr 15 Jahre lang setzt er sich auch für die Rechte der christlichen Minderheit in Nigeria ein – und für die Unabhängigkeit Biafras. Die Toten auf dem Foto sind von der nigerianischen Armee erschossen worden. Mindestens 150 friedliche Demonstranten sollen laut Amnesty International zwischen August 2015 und August 2016 auf diese Weise gestorben sein, die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Andere Menschen wurden wegen ihrer politischen Ansichten verhaftet und gefoltert.

Es sind solche Informationen, die Festus Anunike gemeinsam mit seinen auf der ganzen Welt verstreuten Mitstreitern auf Facebook-Seiten wie „Radio Biafra London“ oder „Biafrans with Nnamdi Kanu“, deren Administrator er auch ist, mit jeweils über 1,2 Millionen und 56.000 Mitgliedern teilt. Die meisten gehören zur Volksgruppe der Igbo, einer Ethnie von über 30 Millionen Menschen, die größtenteils christlich ist.

„Für uns ist Nigeria ein Land ohne Zukunft“, sagt Anunike. Die Konflikte zwischen den muslimischen Bevölkerungsgruppen der Hausa und Fulani auf der einen und der christlichen Igbo auf der anderen Seite schwelt immer noch in Nigeria. Auch heute noch steht auf der einen Seite der islamisch geprägte Norden, in dem die Scharia gilt. Auf der anderen Seite der christlich und westlich geprägte Südosten, das frühere Biafra. „Diese beiden Kulturen funktionieren einfach nicht zusammen“, sagt Anunike. „Täglich sterben Menschen in Nigeria durch die islamistische Terrormiliz Boko Haram und ähnliche islamistische Gruppierungen. Wer seine Stimme gegen die Regierung erhebt, wird inhaftiert oder ermordet.“

Festus Anunike hat deshalb Nigeria noch während seiner Schulzeit verlassen – weil er für sich keine Perspektive mehr sah. Aber seine Eltern und seine Geschwister leben immer noch im ehemaligen Biafra. Wenn es ihnen besonders schlecht geht, schickt Anunike ihnen Geld. Nicht immer leicht als Busfahrer mit Frau und fünf Kindern. Gleichzeitig setzt sich Anunike mit anderen aus Biafra stammenden Nigerianern, die in der ganzen Welt verstreut leben, für die erneute Unabhängigkeit seiner Heimat ein. Anunike hat an einer Demonstration in Berlin teilgenommen, ist ins europäische Parlament nach Brüssel gefahren und hat einen Brief an den Bundespräsidenten geschrieben, um für die Rechte seines Volkes zu kämpfen.

1966 wurden in Nigeria bei Progromen vor allem von den Hausa und Fulani rund 30.000 Igbo getötet, kurz darauf erklärte die Bevölkerungsgruppe den Südosten Nigerias unter dem Namen Biafra für unabhängig. Dann kam es zum Bürgerkrieg. Eine Blockade von nigerianischer Seite, unter britischer Führung, führte zu einer Hungersnot unter den Igbo. Zusammen mit den Massakern von 1966 wird das teilweise als Völkermord an den Igbo eingestuft. Die Gesamtzahl der Todesopfer des Bürgerkrieges wird auf 3,5 Millionen geschätzt und ist somit der größte Genozid seit dem 2. Weltkrieg. 1970 wurde die Republik Biafra wieder in Nigeria eingegliedert.

Anunike glaubt nicht mehr an eine friedliche Einigung zu Themen wie politischem Mitspracherecht oder Gewinnbeteiligung an dem Öl, das im ehemaligen Biafra gewonnen wird. „Die Biafraner fühlen sich in Nigeria wie in einem Gefängnis. Sie gehören nicht dazu.“ Deshalb wünschen er und viele jüngere Igbo sich ein Referendum, ähnlich wie die Schotten in Großbritannien. Die nigerianische Regierung ist gegen die Unabhängigkeit Biafras – vor allem, weil sich dort die größten Ölvorkommen des Landes befinden.

Anunike glaubt, dass auch die westliche Welt von einem unabhängigen Biafra profitieren würde. „Wenn es den Christen in Nigeria weiterhin so schlecht geht, werden immer mehr von ihnen flüchten.“ Deshalb will Anunike dafür sorgen, dass in Europa die Situation der Biafraner bekannter wird. „Der Westen muss seinen Einfluss in Nigeria geltend machen. Sonst haben wir keine Chance.“ Bis dahin fährt Festus Anunike weiterhin in Elmshorn die Stadtbusse – und sorgt mit einem Lächeln dafür, dass der Tag für seine Fahrgäste ein kleines bisschen schöner wird.

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erstellt am 21.Apr.2017 | 16:20 Uhr

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