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Elmshorner Nachrichten

08. Dezember 2016 | 08:55 Uhr

Elmshorn liest : Der Klang eines alten Hauses

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe las Autorin Dörte Hansen. Matthias Wichmann schrieb den Soundtrack dazu.

Elmshorn | „Frostspanner“ sollte das Buch von Dörte Hansen ursprünglich heißen, ein Kapitel trägt auch tatsächlich den Namen dieses Schmetterlings. Aber der Verlag überzeugte sie, dass er als Buchtitel ungeeignet sei: Das klinge wie ein skandinavischer Psychothriller. „Altes Land“, mit diesem Vorschlag konnte sich Dörte Hansen schließlich anfreunden, inzwischen mag sie ihn wegen seiner Doppeldeutigkeit: Er bezeichnet einerseits die Obstbauregion an der Elbe, in der ihr Roman spielt, andererseits steht er für die Bindung an eine Region.

„Altes Land“, Hansens Debüt, erschien 2015 und entwickelte sich zum unerwarteten Bestseller, von dem inzwischen fast 500.000 Exemplare verkauft sind. Übersetzungen ins Dänische, Französische und Tschechische gibt es bereits, eine englische Ausgabe ist in Vorbereitung, über die Filmrechte wird verhandelt. Mit ihrem Buch hat die Nordfriesin „so viel Geld verdient, dass ich nur schreiben darf“. Eigentlich hat sie mit ihrem Erstling allerdings schon abgeschlossen, sie arbeitet an einem neuen Buch. Eine Ausnahme machte sie am Sonnabend: Zum Abschluss der mehrtägigen Veranstaltungsreihe „Elmshorn liest“ trug sie Passagen aus ihrem Werk vor und stellte sich den Fragen der 200 Besucher und des Moderators Dierk Wulf.

Dabei verriet sie die Geschichte des Titels und viele andere Einzelheiten. Zum Beispiel, dass sie alle Figuren in ihrem Roman mag, aber trotzdem nicht an eine Fortsetzung denkt: „Die sind alle auf ihrem Weg, ich winke ihnen fröhlich hinterher“. Mit den vielen Aktionen rund um „Altes Land“ überzeugten die Elmshorner Hansen, sich noch einmal näher mit den starken Frauen Vera und Anne, mit den knorrigen Bauern und den hippen Städtern, mit Heimat und Flucht zu beschäftigen. „Das ist schon wirklich eine Ehre“, kommentierte sie die Auswahl ihres Buches für die siebte Auflage von „Elmshorn liest“.

Am meisten beeindruckte sie offenbar, was sie bei ihrer Lesung live erlebte: Drei Kompositionen des Bismarck-Musiklehrers Matthias Wichmann, der sich vom Roman inspirieren ließ und die Ergebnisse mit seinem Schülerorchester aufführte. „Ich habe den Wind durchs Haus rauschen gehört, ich habe die Eisschollen gehört“, schwärmte sie: „Das habe ich noch nie erlebt“. Für Hansen hängen Literatur und Musik ganz eng zusammen: „Beim Schreiben habe ich einen eigenen Sound im Ohr.“

Wichmann und Hansen trafen sich unabgesprochen an den gleichen Stellen: „Ein Haus hat eine Musik, das habe ich im Alten Land gelernt“, dort lebte Dörte Hansen elf Jahre lang. Und zum großen Bauernhof, der in ihrem Buch eine wichtige Rolle spielt, hatte der Lehrer ebenso ein Stück komponiert wie zu einer der beiden weiblichen Hauptfiguren – und genau die Textstelle, auf die er sich bezog, las die Autorin dann auch vor.

Matthias Wichmann dirigierte die Aufführung der Musikstücke, die er zum Buch geschrieben hatte.
Matthias Wichmann dirigierte die Aufführung der Musikstücke, die er zum Buch geschrieben hatte. Foto: Roolfs
 

Dörte Hansen ist eine schmale Frau mit einem jungen Gesicht unter weißen Haaren. Sie gab sich offen und neugierig, antwortete bereitwillig auf die Fragen, die sich beim Lesen stellen, die man aber so gut wie nie beantwortet bekommt: Wie nahmen die Bewohner des alten Landes selbst die Schilderung einer Zugereisten auf? Nach anderthalb Jahren des Schreibens und noch viel mehr Zeit des Sammelns und Denkens stand ihr Buch plötzlich im Buchladen, erinnerte sich Hansen, auch in ihrem Dorf: Bei diesem Gedanken wollte sie lieber nicht auf den Wochenmarkt gehen. Tat sie dann aber doch und sah auch viele ihrer Nachbarn bei Lesungen. Deren Reaktionen waren meistens positiv, nur Wenige hätten sie „beim Grüßen herabgestuft“.

Die als liberal geltenden Städter tun sich offenbar schwerer. Die Ottensener Vollwert-Elternszene findet sich auch im Buch wieder, dort hätte Dörte Hansen auch gern gelesen – aber die Premierenlesung in dem Hamburger Stadtteil wurde abgesagt und nie nachgeholt. „Ich war auch Teil dieser Szene und kann mich trotzdem amüsieren“, sagte Hansen in Elmshorn, und das tut sie in ihrem Buch auch sehr schön pointiert, wenn sie über „kleine Kinder, die irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn“ in ihren Mündern haben, schreibt. Aber dieses Amüsieren teile „vielleicht nicht jeder“, mutmaßte Hansen.

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erstellt am 28.Nov.2016 | 12:30 Uhr

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